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Traum von Rente mit 40: Ein Frugalist zeigt, wie es geht

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Von: Hannah Köllen

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Oliver Noelting aus Hannover ist Frugalist: Er strebt nach finanzieller Unabhängigkeit. Doch wie ist das minimalistische Leben eigentlich?

Hannover – Erst die Pandemie, jetzt Inflation und Energiekrise: Viele Menschen können sich derzeit kein neues Auto leisten oder müssen auf Restaurantbesuche verzichten. Oliver Noelting aus Hannover (Niedersachsen) lebt freiwillig ohne Luxus. Macht seine Art zu leben tatsächlich glücklich?

Noelting fährt am liebsten Skateboard oder Fahrrad, ernährt sich vegetarisch und kauft Kleidung, Möbel und Technik meist gebraucht. Auch mit Partnerin und inzwischen zwei kleinen Töchtern bewahrt der 34-Jährige seinen extrem bescheidenen Lebensstil aus der Studentenzeit bei. Warum schränkt er sich so ein?

Niedersachsen: Ein Frugalist aus Hannover träumt von der Rente mit 40

Kein Luxus, aber ohne Verzicht: Oliver Noelting aus Hannover bestreitet sein Leben als Frugalist.
Kein Luxus, aber ohne Verzicht: Oliver Noelting aus Hannover bestreitet sein Leben als Frugalist. © Moritz Frankenberg/dpa

„Ich habe gar kein Gefühl von Verzicht“, betont der schlaksige Software-Entwickler bei einem Treffen in einem Café am Stadtwald Eilenriede. „Sparen ist nicht das Hauptziel. Ich will ein möglichst erfülltes Leben führen.“

Konkret bedeutet dies: Zeit für gemeinsame Erlebnisse mit Familie und Freunden statt langer Bürotage, Dinge selber machen statt sich berieseln zu lassen. Sein Ziel: Mit 40 Jahren so viel Geld zurückgelegt zu haben, dass er theoretisch in Rente gehen könnte.

Einblicke in seinen Alltag gibt Noelting seit Ende 2015 im Internet. Die Bezeichnung Frugalisten entwickelte er 2013 gemeinsam mit seinem Kumpel in einer Studenten-WG in Bremen, es sollte ein Wort sein, das nicht nach Frührente, invalide oder arbeitslos klingt.

Frugalist Noelting führt Haushaltsbuch – mehr Zeit für Freunde und Familie

Sie seien beide Fans von Pete Adeney alias Mr. Money Mustache gewesen, erzählt Noelting. Er ist der bekannteste Vertreter der amerikanischen Fire-Bewegung. Fire steht für „financial independence, retire early“, übersetzt „frühe Rente durch finanzielle Unabhängigkeit“.

Im Jahr 2016 schilderte Noelting auf seiner Website zum Beispiel, wie er es schafft, monatlich nur 100 Euro für Lebensmittel auszugeben. Inzwischen sind es allerdings 191 Euro, wie er sagt. Einmal im Monat überträgt Noelting seine Ein- und Ausgaben in ein digitales Haushaltsbuch, eine „finanzielle Achtsamkeitsübung“ nennt er das.

Frugalismus ist der Verzicht auf Status-Symbole

„Seit neun Jahren schreibe ich jeden Cent auf, den ich ausgebe“, sagt der 1,87 Meter große Brillenträger, während er beim Verlassen des Cafés schnell den Preis für seinen Cappuccino mit Hafermilch in sein altes Smartphone tippt. Der Verzicht auf jegliche Art von Status-Symbolen verschafft Noelting Freiheit.

Zurzeit ist er in Elternzeit, um sich gemeinsam mit seiner Freundin Joana um das vier Monate alte Baby und die dreijährige Tochter zu kümmern. Zuvor arbeitete er wöchentlich 24 Stunden als angestellter Software-Entwickler und maximal 5 Stunden freiberuflich.

Rente schon mit 40 Jahren – möglich durch Frugalismus?

Von seinem monatlichen Netto-Einkommen in Höhe von 2300 Euro legte er etwa 1200 Euro zurück. Sein Vermögen ist inzwischen auf rund 190.000 Euro angewachsen. Schon mit 40 Jahren finanziell unabhängig zu sein, ist nicht mehr sein Hauptziel. Denn: „Jetzt sind die Kinder klein, da will ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen.“

Der Trendforscher Eike Wenzel hat bereits 2012 in dem Buch „Wie wir morgen leben werden“ Frugalisten als eine Gruppe beschrieben. Allerdings definierte er sie anders als Noelting als Menschen mit geringen finanziellen Mitteln, die Wert auf Nachhaltigkeit legen.

Trendforscher: Wunsch nach Freiheit nimmt zu

Derzeit gebe es in unserer Gesellschaft eine starke Tendenz, unabhängig zu werden, sagt der Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) in Heidelberg. Seit der weltweiten Finanzkrise 2008 sieht der Wissenschaftler ein wachsendes Misstrauen in die klassischen Institutionen gepaart mit dem starken Wunsch nach Freiheit.

Mich macht der ganze Plunder nicht glücklich.

Oliver Noelting, Frugalist

Bei Frugalisten wie Noelting kommen nach Wenzels Einschätzung mehrere Tendenzen der jungen Generation zusammen: das Ende der industriellen Arbeitsgesellschaft, der Trend zur Selbstoptimierung und die Hinwendung zur Familie. Auch die Überlegung, dass es mehr als Materielles gebe, und Spiritualität spielten eine Rolle.

Frugalismus als optimale Lebensform in Krisenzeiten?

Aus Sicht von Oliver Noelting war vor allem das Web 2.0 ein Motor für die Frugalismus-Bewegung, also die Möglichkeit, über Youtube und soziale Medien seine eigene Lebensweise zu präsentieren und Gleichgesinnte zu suchen und sich mit ihnen auszutauschen Lebensfreude sei nicht durch Produkte und Dienstleistungen zu erkaufen. „Mich macht der ganze Plunder nicht glücklich“, sagt er.

Florian Wagner ist Frugalist und betreibt den Blog Geldschnurrbart. Foto: Pomponetti/geldschnurrbart.de/dpa-tmn
Florian Wagner ist Frugalist und betreibt den Blog Geldschnurrbart. © Pomponetti

Für Noelting ist Frugalismus die ideale Lebensform in Zeiten von Pandemie, Inflation und Energiekrise. „Natürlich merken wir auch, dass alles teurer wird. Aber durch unsere Lebensweise ist am Ende des Monats immer noch Geld da, das wir sparen können.“

Die Lebensphilosophie sei die richtige, um in Zeiten von Klimakrise, Krieg und Energiekrise gut zurechtzukommen, meint auch Florian Wagner.

Frugalisten: Ausgaben hinterfragen, Leben verändern

„Im ersten Jahr als angestellter Ingenieur 2018 habe ich gemerkt, dass ich mit jeder Gehaltserhöhung mehr ausgebe, aber dadurch nicht glücklicher bin“, sagt der 35-Jährige aus Stuttgart. Dann habe er die Frugalismus-Bewegung entdeckt, seine Ausgaben hinterfragt, sein Leben geändert.

2019 erschien sein Buch „Rente mit 40“. Inzwischen verdient Wagner, der eine eigene Internetseite betreibt, sein Geld nach eigenen Angaben ausschließlich online. (Christina Sticht)

Was ist eigentlich ein Frugalist?

Frugalisten streben nach finanzieller Unabhängigkeit. Sie investieren den Großteil ihres Ersparten beispielsweise in Aktien oder Fonds. Ihr Ziel ist es, möglichst früh in Rente gehen zu können. Die Gemeinschaft tauscht sich vor allem online über Spar- und Investmenttipps aus. (hko)

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