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Niedersachsen: Angst vor kahlen Hängen im Harz wächst

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Von: Peter Mlodoch

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Trockenheit, Berge von Totholz, fehlende Brandschneisen: Im Harz stoßen Interessen von Nationalpark-Führung, Land und Tourismusbranche aufeinander.

Hannover/Schierke – Der Blick vom Wanderweg, der zum Wurmberg in Niedersachsen führt, schweift über die roten Dächer des Dorfes Schierke unten im Tal hinüber auf den Brocken. Gerade zuckelt die dampfgetriebene Bahn den mit 1141 Metern höchsten Gipfel des Harzes hinauf.

Doch die touristische Idylle trügt. „Sieht das nicht schrecklich aus“, ruft Christine Hopstock und zeigt auf die vielen toten Fichten. „So kann es nicht weitergehen“, schimpft die ehrenamtliche CDU-Bürgermeisterin des Urlaubsörtchens in Sachsen-Anhalt, das 450 Einwohner, aber 220.000 Übernachtungen pro Jahr zählt.

Niedersachsen: Die Angst vor kahlen Hängen im Harz wächst zunehmend

Derzeit leiden die Wälder im Harz, wie hier auf dem Brocken, erneut unter der Trockenheit.
Derzeit leiden die Wälder im Harz, wie hier auf dem Brocken, erneut unter der Trockenheit. © Matthias Bein/dpa

In den noch mit Bäumen bewachsenen Ausläufern des Brockens überwiegt die Farbe Grau. Nur wenige Stellen sind noch Grün. Resolut verlangt Hopstock eine Wiederaufforstung auf ihrem Hausberg: die kaputten Fichten rausholen und neue, andere Arten pflanzen.

Bei der Gelegenheit könne man auch Wasserstellen anlegen und Brandschneisen schlagen, um ein Übergreifen von möglichen Bränden auf Schierke verhindern. „Die Feuerwehr muss rankommen.“

Das war im Juni, als Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) mit dem Amtskollegen Sven Schulze (CDU) aus Sachsen-Anhalt den Wurmberg erklomm. Inzwischen haben mehrere kleinere Waldbrände, die meist glimpflich ausgingen, die Diskussion in dem grenzüberschreitenden Mittelgebirge befeuert.

Die Parkverwaltung in Wernigerode verweist aber auf das gut funktionierende Präventionskonzept gegen Glutnester. Dazu gehören regelmäßige Befahrungen durch Feuerwehr und Revierleiter, neue Löschwasserstellen, der Kauf von elf Wärmebildkameras sowie die Ausstattung aller Dienstfahrzeuge der Forstwirte und Ranger mit Löschrucksäcken.

Nationalpark Harz – Tauziehen zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Tote Fichtenbestände im Harz: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze vor den Ausläufern des Brocken bei Schierke.
Tote Fichtenbestände im Harz: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze vor den Ausläufern des Brocken bei Schierke. © Peter Mlodoch

Erst in vor einer Woche konnte ein Revierleiter bei Schierke das Wiederaufflammen eines Brandes mit Hilfe des tragbaren Sprühgeräts verhindern. Die Wünsche von Bürgermeisterin Hopstock und anderer Lokalpolitiker stoßen auf hohe Hürden: Der Brocken liegt im Nationalpark Harz, dem Schutzgebiet der Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Dort soll die Natur sich selbst überlassen bleiben. Bis auf wenige Ausnahme sind Eingriffe von Menschenhand, also vor allem auch Neuanpflanzungen, gesetzlich verboten. „Dann muss eben das Nationalpark-Gesetz geändert werden“, fordert die Dorf-Chefin und zieht einen DDR-Vergleich: „Früher hatten wir eine rote Diktatur, heute ist es eine grüne Diktatur.“

Früher hatten wir eine rote Diktatur, heute ist es eine grüne Diktatur.

Christine Hopstock, Bürgermeisterin von Schierke

Sachsen-Anhalts Minister Schulze, der auch das Agrarressort führt, somit für Forstfragen zuständig ist, zeigt im Gespräch mit unserer Zeitung Verständnis für seine Parteifreundin. „Den Nationalpark stellen wir natürlich nicht infrage. Aber wir müssen schon schauen, ob wir ihn nicht optimieren können.“

Angesichts des verlorenen Kampfes gegen den Borkenkäfer müsse man darüber sprechen, wie man künftig mit dem Totholz umgehe. Der Brandschutz sei ebenfalls ein wichtiges Thema. Nach der Landtagswahl in Niedersachsen werde er mit der neuen Regierung in Hannover das Gespräch über eine Neuausrichtung des Schutzkonzeptes im Harz suchen, kündigt Schulze an.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies ist gegen Brandschneisen

„Solche Brandschneisen widersprechen fundamental unserem Grundsatz und den Zielen in unserem Nationalpark Harz, nicht in die natürliche Dynamik einzugreifen“, weist Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) vehement derartige Vorstöße früh zurück. „Wir würden sonst die Axt an die hohe naturschutzfachliche Wertigkeit des Nationalparks als Schutzgebiet höchster Schutzkategorie legen – das ist übrigens auch nicht im Sinne des Tourismus im Harz.“

Olaf Lies
Olaf Lies (SPD), Umweltminister in Niedersachsen, spricht während einer Pressekonferenz. © Hauke-Christian Dittrich/dpa/Archivbild

Denn der Nationalpark sei eine Marke und internationales Aushängeschild. Schulzes Westkollege Althusmann möchte von dieser heiklen Angelegenheit vorerst lieber nichts wissen. „Das ist in Niedersachsen kein Thema“.

Von den abgestorbenen Fichten gehe entgegen allen Vorurteilen keine größere Brandgefahr als von den grünen Exemplaren aus, erklärt der Geologe und Umweltschützer Friedhart Knolle aus Goslar, der bis Herbst 2021 Pressesprecher des Nationalparks war, „Totholz ist viel feuchter, als alle glauben.“ Im Übrigen bestehe in den tiefer gelegenen Wirtschaftswäldern eine mindestens genauso große Brandgefahr.

Sorgen um den Brandschutz im Nationalpark Harz

Manch einer vermutet denn auch, dass die Sorge um den Brandschutz im Nationalpark nur vorgeschoben sei. Dass es in Wirklichkeit um Urlauber und Ausflügler geht, denen der traurige Anblick von Totholz durch eine schnelle Wiederaufforstung erspart werden soll.

Kritiker verweisen darauf, dass von der Brockenbahn durch Funkenflug und glühenden Kohlestückchen an den Gleisen eine viel höhere Feuergefahr ausgehe. Mindestens fünf Vegetationsbrände gab es im Frühjahr an der Strecke des historischen Dampfzuges.

Auch in den Vorjahren kokelte es dort immer wieder. Ob immer die Bahn Verursacher war, stellt deren Betreiber aber in Frage. Mit engmaschigen Sieben minimiere man das Risiko von Funkenflug erheblich. Ein Aus der fahrenden Touristenattraktion durch den Nationalpark fordert allerdings niemand. (Peter Mlodoch)

Nach verlustreichen Jahren melden die Landesforsten Niedersachsen nun ein Millionenplus in der Kasse. Die Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt setzen Flugzeuge zur Waldbrand-Früherkennung ein.

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