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Personalmangel und Überstunden: Überlastete Klinik-Ärzte denken an Berufswechsel

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Von: Raphael Digiacomo

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Immer mehr überlastete Klinik-Ärzte in Niedersachsen erwägen einen Berufswechsel. Die Arbeitsbedingungen an Krankenhäusern haben auch Auswirkungen auf die Sicherheit der Patienten.

Hannover – Zu wenig Personal, zu viele Überstunden, zu schlechte Arbeitsbedingungen: Gut ein Fünftel der Krankenhausmediziner in Niedersachsen denkt einer neuen Umfrage zufolge darüber nach, den Beruf aufzugeben. Weitere 19 Prozent der Befragten schließen laut einer Studie der Ärztegewerkschaft Marburger Bund einen Berufswechsel nicht grundsätzlich aus.

„Das Gesundheitssystem muss grundlegend reformiert werden“, forderte der Vorsitzende des Marburger Bundes Niedersachsen, Hans Martin Wollenberg. Im Durchschnitt liege die Mehrbelastung bei 6,3 Stunden in der Woche. Das entspreche bei rund 17.200 Klinikärzten im Land über 2700 Vollzeitstellen, die die Krankenhausärzte über Mehrarbeit mit ausfüllten.

Überlastete Mediziner: Klinik-Ärzte in Niedersachsen denken an Berufswechsel

Medizinstudium
Immer mehr Menschen in medizinischen Berufen erwägen einen Berufswechsel. Grund sind die oftmals prekären Arbeitsbedingungen, die in Krankenhäusern herrschen – auch in Niedersachsen. (Symbolbild) © Patrick Seeger/dpa/Symbolbild

Über ein Viertel der Befragten bekam für Überstunden weder Geld noch Freizeitausgleich. Fast ein Fünftel gab an, mehr als 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, zwei Prozent arbeiteten demnach sogar mehr als 80 Stunden wöchentlich. „Für mich ist es ein frustrierender und zermürbender Zustand, wenn ich mich in meiner Arbeit als Ärztin zwischen meinem und dem Gesundheitszustand des Patienten entscheiden muss“, wurde eine Medizinerin zitiert.

Das Gesundheitssystem muss grundlegend reformiert werden.

Hans Martin Wollenberg, Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen

Denn es sei unmöglich, die Patienten mit mehr Zeit und Empathie zu versorgen, wurde ein anderer Mediziner in der Umfrage zitiert – der wegen „Stresses ohne Ende mit Papierkram“ nicht länger ärztlich tätig sein will. Dazu kommt: 39 Prozent der Befragten in Niedersachsen erlebten laut Umfrage während der Corona-Pandemie einen Abbau ärztlicher Stellen, während es bundesweit 34 Prozent waren. Das habe die Lage verschärft, sagte Marburger-Bund-Vize Andreas Hammerschmidt.

67 Prozent der Befragten bemängeln der Umfrage zufolge die Arbeitsbedingungen, fast ein Drittel gab an, vom Arbeitgeber keine Möglichkeit der Zeiterfassung zu erhalten. Die Folge: „Die Kolleginnen und Kollegen machen ihre eigene Arbeitsmarktreform und reduzieren den Stellenumfang, um die Belastung noch irgendwie ertragen zu können“, sagte Hammerschmidt. So arbeiteten inzwischen 31 Prozent der Befragten in Teilzeit – 2019 lag ihr Anteil bei 29 Prozent.

Mediziner in Krankenhäusern klagen über „Stress ohne Ende mit Papierkram“

An der Studie beteiligten sich im vergangenen Mai und Juni rund 1300 angestellte Ärzte in Niedersachsen, 85 Prozent davon sind den Angaben zufolge Klinikärzte. Laut Marburger Bund handelt es sich um die größte Ärzteumfrage des Landes. Ebenfalls ein großer Kritikpunkt: Der bürokratische Aufwand rund um die Patientendokumentation.

Hans Martin Wollenberg Marburger Bund Niedersachsen
Hans Martin Wollenberg, Vorsitzender des Marburger Bund Niedersachsen © Julian Stratenschulte/dpa

Fast ein Drittel der Befragten verliere mit dem „Papierkram“ täglich vier Stunden und mehr, sagte Hammerschmidt. „Ich bin Arzt geworden, weil ich Patienten heilen will“, betonte er. Am Ende fehle diese Zeit am Patientenbett. Er resümierte, Appelle an die Politik hätten nichts bewegt: „Es ist leider das Gegenteil der Fall.“

Der Marburger Bund forderte angesichts der Ergebnisse der Studie dauerhaft mehr Personal in den Krankenhäusern, eine Begrenzung der Schicht-, Bereitschafts- und Rufdienste, eine angemessene Finanzierung der Versorgungsangebote, mehr Medizinstudienplätze, keine weitere Privatisierung von Krankenhäusern, die Abschaffung der Fallpauschalen und die Entlastung von Bürokratie.

Außerdem sprach sich die Ärztegewerkschaft für einen Sonderfonds des Landes Niedersachsen für die energetische Sanierung und den Neubau von Kliniken aus. Das Fondsvolumen sei noch nicht definiert, der Investitionsstau betrage allerdings mehrere Milliarden Euro, sagte Hammerschmidt. (dpa/rdg)

Der Marburger Bund Niedersachsen warnte vor den Folgen einer Aufhebung der Corona-Isolationspflicht. Niedersachsen will dem Ärztemangel auf dem Land mit einem ungewöhnlichen Schritt begegnen.

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