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Reinliches Rotlicht: Was Putzen im Bordell bedeutet

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Von: Maria Sandig

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Ordnung und Sauberkeit sind für Lazarina Chobanova, die in einem Bordell in Niedersachsen putzt, wichtig. Ein Blick in ihren Arbeitsalltag.

Diepholz – Das schummrige, rote Licht zieht sich durch alle Räume. Das ebenerdige Haus ist verwinkelt, in die Lounge fallen ein paar Sonnenstrahlen. Die Fenster in den einzelnen Zimmern sind entweder mit Vorhängen verdunkelt oder mit Klebefolie von der Außenwelt abgeschirmt. Überall liegen Teppiche auf den kühlen Fliesen des Flures. Es riecht nach Zigaretten und Putzmittel.

Lazarina Chobanova ist heute zum ersten Mal allein im Bordell in Diepholz. Es ist die zweite Woche für sie. Chobanova kommt aus Bulgarien und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Bevor sie ihre Heimat verließ, arbeitete sie als Kellnerin in Varna, ihrem Geburtsort. Sie ist 30 Jahre alt, vom Sternzeichen Jungfrau. „Jungfrauen sind reinliche und saubere Menschen“, sagt sie.

Lazarina Chobanova arbeitet als Reinigungskraft im Bordell: „Wir alle müssen arbeiten, egal wo und was“

In der letzten Woche wurde sie von ihrer Kollegin während ihrer Arbeit beäugt, heute wischt sie die Flure und Zimmer im Bordell allein. Ein leichter Rauchnebel steht in den Räumen. Konzentriert fängt sie an, die Toiletten zu putzen. Ihre blauen Putzhandschuhe passen farblich zur Jeans. Sie ist sehr schmal. „Hier ist es immer sehr sauber, kaum Arbeit“, sagt sie mit bulgarischem Akzent und geht zu den Waschbecken.

Für die 30-Jährige ist es weder komisch als Reinigungskraft in einem Bordell zu arbeiten, noch ekelt sie sich vor ihrem Job. „Es ist etwas ganz Normales und Natürliches“, sagt sie und wischt das in die Jahre gekommene Laminat in der Lounge mit kreisenden Bewegungen. In einer Ecke findet sie schwarz- goldene Schlappen, scheinbar von letzter Nacht.
„Wir alle müssen arbeiten, egal wo und was“.

Eine Frau steht im Eingangsbereich einer Animierbar und eines Bordells
Für Lazarina Chobanova, die als Putzfrau im Bordell arbeitet, ist es nicht wichtig, was jemand von Beruf ist. Sie respektierte alle Menschen, egal ob sie mit Sexarbeit im Bordell oder in einer Kanzlei ihr Geld verdienen. © Andreas Arnold/dpa

Als Putzkraft im Bordell: „Jeder hat das Recht, eigene Entscheidung zu treffen“

Für Lazarina Chobanova ist es nicht wichtig, was jemand von Beruf ist. Sie respektiert eine Frau, die in diesem Bordell als Prostituierte Geld für ihre Familien verdient, genauso wie eine studierte Juristin. „Jeder hat das Recht, eigene Entscheidung zu treffen“, sagt sie in gebrochenem Deutsch.

Sexarbeit unterliegt in Deutschland einer starken Stigmatisierung. Menschen, die einem Beruf im Sexgewerbe nachgehen, werden nicht selten gesellschaftlich ausgegrenzt. Die Zahl der in Deutschland angemeldeten Prostituierten ist rückläufig. Die Corona-Pandemie hat einen großen Teil dazu beigetragen: Ende 2021 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 23.700 Prostituierte bei den Behörden angemeldet und damit fünf Prozent weniger als im Vorjahr.

Sie geht in eines der Zimmer. Der Raum ist sehr klein. Das gespannte Bettlaken ist orange, auf dem Boden liegt ein türkisfarbener, wuscheliger Teppich. Auf einem Nachttisch stehen fünf Rollen Küchenpapier, daneben eine Bodylotion. Die blaue Klebefolie verhindert, dass Licht in das Zimmer eindringt. Kleine rote Lampen an der Decke erhellen den Raum.

Egal ob Baumarkt oder Bordell: „Die Hauptsache ist, dass ich arbeiten kann“

Chobanova lobt die Atmosphäre. Hektisch läuft sie von Zimmer zu Zimmer, in zwei Stunden muss die Arbeit erledigt sein. Eine schwarze Strähne fällt in ihr gebräuntes Gesicht. Sie kramt in ihrer Hosentasche und bindet ihr schwarzes, langes Haar streng zu einem Zopf zusammen. Das Putzen ist anstrengend für die zierliche Frau. Sie ist erschöpft, gönnt sich trotzdem keine kurze Pause.

Bevor sie ihren Job bekam, ahnte Chobanova nicht, wie sauber das Bordell hinterlassen wird. Heute wäre eine Ausnahme, da gestern Party war. „Sonst sehr, sehr sauber“, sagt sie. Für die Bulgarin spielt es keine Rolle, für welchen Auftraggeber sie arbeitet. Es sei für sie nicht entscheidend, ob es ein Baumarkt oder ein Bordell ist: „Die Hauptsache ist, dass ich arbeiten kann.“ Sie habe großen Respekt vor den Frauen, die hier arbeiten. In Bulgarien und Rumänien sei dieser Job verboten, sagt sie.

Diese Arten von Bordellen gibt es

Was ist ein Laufhaus?
Die Sexarbeiter:innen entrichten in der Regel Tagesmieten und können ihre Arbeitszeiten und Preise selbst gestalten. Die Freier laufen durch die Gänge des Hauses (daher kommt der Name Laufhaus), um unverbindlich mit den anwesenden Sexarbeiter:innen zu sprechen und danach gegebenenfalls ihre Dienste zu beanspruchen.

Was ist eine Modellwohnung?
Im Polizeijargon ein Ort, an dem ein:e Sexarbeit:in ihren Beruf ausübt. Nicht wie üblich in einem Bordell, sondern in einer frei angemieteten Wohnung, die sie nur zur Arbeit betritt.

Was ist eine Prostitutionsstätte?
Prostitutionsstätten sind Gebäude, Räume und sonstige ortsfeste Anlagen, die als Betriebsstätte zur Erbringung sexueller Dienstleistungen genutzt werden.

Was sind Prostitutionsfahrzeuge?
Das sind Kraftfahrzeuge, Fahrzeuganhänger und andere mobile Anlagen, die für Sexarbeit genutzt werden. Oft werden die Wohnwagen auch als „Lovemobil“ bezeichnet. An Niedersachsens Straßen stehen derzeit rund 100 Lovemobile (Stand 2020), in denen Sexarbeiter:innen ihre Dienste anbieten. Dies geht aus einer Stellungnahme des Sozialministeriums hervor. Rechtlich betrachtet ist Wohnmobil-Prostitution vergleichbar mit jeder anderen gewerblichen Tätigkeit im öffentlichen Raum. Voraussetzung ist, dass die parkenden Fahrzeuge den Straßenverkehr nicht beeinträchtigen und andere Autofahrer durch die angebotenen Leistungen nicht abgelenkt oder belästigt werden. 

Was ist ein Wohnungsbordell?
Wohnungsprostitution zeichnet sich dadurch aus, dass Mieter:innen ihre private Wohnung auch für Sexarbeit nutzen.

Putzen im Bordell: „Für mich sind alle gleich“

Die junge Frau läuft zum Putzeimer und wringt den Lappen aus, einzelne Tropfen fallen zu Boden. Nackte weibliche Körper zieren die Wände. Sie schnappt sich Reinigungsspray und befeuchtet einen goldgerahmten Spiegel. Vorsichtig wischt sie das Glasspray weg, ein kleiner Fleck bleibt. Sie reibt und poliert so lange, bis er nicht mehr zu sehen ist.

„Für mich sind alle gleich. Ich sehe sie nicht mit anderen Augen an. Manche Menschen sind sehr negativ, aber ich nicht. Ich finde das ganz normal“. Die alten Ledermöbel sind mit Kissen in Tieroptik dekoriert. Chobanovas dünne Arme sind angespannt, während sie den Leoparden-Teppich absaugt.

Auf ihrem rechten Arm steht in verschnörkelter Schrift „Ivona“ - der Name ihrer neunjährigen Tochter. Sie lebt seit einiger Zeit in Bulgarien bei Chobanovas Ex-Mann. „Ich vermisse sie sehr. Ich kann nicht ohne sie und sie nicht ohne mich“. Anfangs war sie bei ihrer Mutter in Deutschland, doch sie konnte es sich nicht länger leisten, noch eine weitere Person über die Runden zu bringen.

Acht Stunden am Tag arbeitet die Bulgarin. Die zierliche Frau geht Zimmer für Zimmer ab und löscht die Lichter. Es ist 10 Uhr. Mit ihrer ersten Schicht ist sie für heute fertig, es stehen noch drei weitere Stationen auf ihrem Plan. Sie beeilt sich, gleich kommen die ersten Kunden.

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