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Mit den Augen des Pferdes sehen: Ingenieur entwickelt VR-Brille, um sich in Tiere hineinzufühlen

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Die Welt aus der Sicht eines Pferdes sehen – das geht nun dank einer neuen Virtual-Reality-Brille. Ein Ingenieur hat sie entwickelt, um sich in die Tiere hinein zu fühlen.

Lüneburg – Pferde sind viel geräuschempfindlicher als Menschen, dafür können sie nicht so scharf sehen. Ihr Blickfeld ist aber deutlich größer. Um sich in die Sicht der Tiere hineinzufühlen, entwickelt ein Ingenieur bei Lüneburg in Niedersachsen eine spezielle VR-Brille. Anna Junge sieht zum ersten Mal mit den Augen eines Pferdes.

„Das ist schon cool, sehr interessant“, findet die 25 Jahre alte Juristin nach dem Betrachten durch die neu entwickelte Pferdebrille. „Es gibt nur einen kleinen Streifen im Seefeld, der scharf ist“, berichtet die Reiterin neben der von ihr trainierten Pandora in einer Halle in Echem im Landkreis Lüneburg.

Niedersachsen: Ingenieur entwickelt neue VR-Brille – Perspektive eines Pferdes sichtbar

Besondere Technik: Benito Weise, vom Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem im Landkreis Lüneburg, hält in der linken Hand die sogenannte Pferdebrille. Um sich in die Sicht von Pferden hineinzufühlen, entwickelt ein Ingenieur bei Lüneburg eine VR-Brille.
Besondere Technik: Benito Weise, vom Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem im Landkreis Lüneburg, hält in der linken Hand die sogenannte Pferdebrille. Um sich in die Sicht von Pferden hineinzufühlen, entwickelt ein Ingenieur bei Lüneburg eine VR-Brille. © Philipp Schulze/dpa

Dafür kann sie – anders als sonst üblich 110 Grad – über ein Seefeld von mehr als 300 Grad verfügen. Entwickler Benito Weise stellt sich fast hinter sie und ist trotzdem durch die Brille im Sichtfeld zu erkennen.

„Die Halle ist viel größer“, sagt sie und dreht den Kopf ein wenig mit der einer großen Taucherbrille ähnlichen weißen Sehhilfe. „Pferde haben die größten Augäpfel unter den europäischen Säugetieren“, erklärt Weise. Die Sinneswahrnehmung sei perfekt auf Flucht getrimmt, die visuelle Wahrnehmung aber anders als bei Menschen.

So können die Vierbeiner in der Dämmerung gut sehen, brauchen dafür wenig Licht. Er möchte seine Erkenntnisse, die er aus unzähligen Büchern und wissenschaftlichen Studien gewonnen hat, gern weitervermitteln. Vielfach sei das Verständnis für die Tiere einfach nicht da – aus Unwissenheit.

Virtual-Reality-Brille kann Menschen helfen, sich in das Tier hineinzufühlen

Besonders empfindlich ist das Hörempfinden und deshalb bastelt Weise noch an einer akustischen Ergänzung für die technisch anspruchsvolle Virtual-Reality-Brille. „Ein Gewitter haben die schon längst erkannt, da haben wir den Wetterbericht noch gar nicht verstanden“, behauptet er lächelnd.

Ermöglicht Eintritt in andere Welten: die Virtual-Reality-Brille.
Ermöglicht Eintritt in andere Welten: die Virtual-Reality-Brille. © Thomas Schlenz

Um das Hören im Ultraschallbereich nachzuempfinden, nutzt der Agraringenieur einen modifizierten Fledermausdetektor – die kleinen Tiere sind noch geräuschempfindlicher. Die Menschen hätten das Hören verlernt, deshalb sei es besonders interessant, den Sinn bei Vierbeinern zu simulieren. Das Pferd sei das am kürzesten domestizierte Tier.

„Wenn ich selbst in die Perspektive reinschlüpfe, gehe ich viel sensibler mit ihm um“, meint Weise, der am Landwirtschaftlichen Bildungszentrum (LBZ) in Echem junge Landwirte ausbildet. In diesem Jahr kamen rund 1800 zu den Lehrgängen. „Man darf nicht vergessen, das Pferd ist ein Fluchttier“, betont Doris Meyn, der zusammen mit ihrem Mann die Reithalle gehört.

Neuartige VR-Brille: Anfragen von Hochschulen und Bildungseinrichtungen aus China, USA und Neuseeland

„Das Verständnis für die Tiere wird weniger.“ Sie weiß aus Erfahrung im Turniersport, wie wichtig es ist, dass die Reiter die Entfernung zu den Hindernissen kennen – die Pferde können die Distanzen nicht abschätzen. Es gibt nur einen kleinen Nahbereich mit hoher Sehschärfe. Und wenn ein Reiter den Kopf des Pferdes nach unten drückt, ist es praktisch blind.

Das Verständnis für die Tiere wird weniger.

Doris Meyn

Weise rechnet mit Anfragen von Reitsportvereinen, wenn er die Brille zusammen mit dem Software-Entwickler Peter Menzel aus Wetzlar produzieren kann. Wegen Lieferschwierigkeiten bei der Kamera wird er die VR-Brillen mit gebrauchten Ersatzteilen ausrüsten und sie zunächst nur verleihen. Die Sehhilfen in Echtzeit seien ein Novum, bisher habe es nur von Kameras aufgezeichnete und am PC bearbeitete Bilder gegeben.

Interesse wird es wohl genug geben, denn schon die von Weise 2018 am LBZ entwickelte Kuhbrille sprach sich schnell herum. „Es gibt Anfragen von Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen aus China, den USA und Neuseeland“, berichtet Weise. Die Kosten beliefen sich auf 6000 Euro pro Stück, aber der Hersteller der Kamerakomponenten könne derzeit nicht liefern. (dpa)

Die Pferdehaltung ist im Wandel: Von mehr Luft und Licht bis hin zum Gebrauch von modernen Futter-Apps. Dass Computerspielen kreativ sein kann, hat der Game Day in der Göttingen gezeigt, dabei spielte die VR-Brille eine zentrale Rolle.

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