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„Niedersächsischer Weg“: Bundesweites Vorbild für Artenschutz

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Von: Peter Mlodoch

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Der „Niedersächsische Weg“: Der Jahresbericht zum Abkommen für mehr Artenschutz wird vorgestellt. Er gilt als bundesweites Vorbild für Artenschutz.

Winzlar – Im Osten haben weitab des öffentlichen Radweges zwei Seeadler auf den Wipfeln abgestorbener Bäume Position bezogen. Im Westen üben auf einer von Menschenhand gebauten Nisthilfe drei junge Fischadler unter Aufsicht ihrer Eltern das Starten und Landen.

Dazwischen rasten in einem flachen Tümpel Hunderte von Graugänsen. Die paar Dutzend Tiere einer Mutterkuh-Herde rund um die Blänke lassen sich durch das laute Schnattern nicht vom Weiden abhalten. „Das ist doch das perfekte Beispiel“, freut sich Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). „Landwirtschaft und Naturschutz – das passt zusammen.“

Jahresbericht zum „Niedersächsischen Weg“: Bundesweites Vorbild für Artenschutz

Laubfrösche halten Umweltminister Olaf Lies und Agrarministerin Barbara Otte-Kinast in der Hand.
Laubfrösche halten Umweltminister Olaf Lies und Agrarministerin Barbara Otte-Kinast in der Hand. © Julian Stratenschulte/dpa

Hier in Ufernähe des Steinhuder Meeres beim Dorf Winzlar lässt der Leiter der Ökologischen Schutzstation, Thomas Beuster, der Ressortchefin und ihrem Umweltkollegen Olaf Lies (SPD) einige kleine Laubfrösche in die Hände gleiten. 2006 wurden die giftgrünen Amphibien in dieser bewirtschafteten Kulturlandschaft erfolgreich ausgesetzt.

Jetzt dient die Idylle den beiden Ministern, den Naturschutzverbänden Nabu und BUND sowie Landvolk und Landwirtschaftskammer als Kulisse, um nach zwei Jahren „Niedersächsischer Weg“ Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. Das Abkommen zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen für mehr Artenschutz gilt mittlerweile als bundesweites Vorbild.

Programme für bedrohte Wiesenvögel wie Bekassine, Kiebitz und Uferschnepfe

Ganz frisch vereinbart haben die Vertragspartner ein neues Programm für bedrohte Wiesenvögel wie Bekassine, Kiebitz und Uferschnepfe. Nicht mehr der punktuelle Gelege- und Kükenschutz steht dabei im Vordergrund.

Sondern es geht um großflächige „habitatsverbessernde Maßnahmen“ wie Wiedervernässung von Moorflächen, Gehölzreduzierung und eben die Anlage von Blänken und Tümpeln. Damit die betroffenen Landwirte mitspielen, soll es laut Umweltminister Lies eine „kluge Verzahnung von Anreizen und Regeln geben“.

Wer freiwillig dabei sei, bekomme einen finanziellen Ausgleich. Wenn dies nicht klappe, könne es aber auch behördliche Anordnungen geben.

„Niedersächsischer Weg“: Artensterben gemeinsam stoppen

Die Agrarministerin wirbt für eine Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln. Die von den Partnern vereinbarte Strategie sieht statt Verboten und strengen Grenzwerten Feldversuche, Beratung, eine präzise Datenerfassung und technische Innovationen vor. So können Drohnen über Maisfeldern gezielt Kügelchen mit den Larven von Schlupfwespen abwerfen.

Diese Insekten bekämpfen dann dort biologisch den Schädling Maiszünsler. Fünf Leitbetriebe in Niedersachsen, so auch die „Dreiländereck GmbH“ beim Seeburger See im Landkreis Göttingen, beteiligen sich bereits an der Suche nach Einsparpotenzial.

Exkursion im Naturschutzgebiet Meerbruchswiesen am Steinhuder Meer.
Exkursion im Naturschutzgebiet Meerbruchswiesen am Steinhuder Meer: Der zweite Jahresbericht zum „Niedersächsische Weg“ wurde vorgestellt. Das Abkommen für mehr Arten- und Naturschutz war 2020 von der Landesregierung und Umweltverbänden in Niedersachsen beschlossen worden. © Julian Stratenschulte/dpa

„Es hakt noch an vielen Stellen“, kritisiert Grünen-Fraktionsvize Christian Meyer die Umsetzung des „Niedersächsischen Weges“. Die SPD/CDU-Regierung konterkariere ihre eigenen Ziele, wenn sie die großen Autobahnprojekte A20 und A39 weiter verfolgen. Denn diese bedeuteten „einen enormen Verbrauch an Natur, Mooren und landwirtschaftlichen Flächen“.

Landvolk-Präsident Holger Hennies lobt dagegen das „differenzierte System“ beim Dünge- und Pestizidverbot an Gewässerrandstreifen. Diese nehme Rücksicht auf regionale Besonderheiten und vermeide große Flächenverluste. „Jetzt sind die Landwirte einigermaßen zufrieden“. Dazu käme, dass die gezahlten Entschädigungen sich „im ordentlichen Rahmen“ bewegten.

Klammer aus gesetzlichen Regeln und Freiwilligkeit funktioniert

Wirklich erfolgreich ist der Niedersächsische Weg aber erst dann, wenn wir das Artensterben gemeinsam stoppen konnten.

Susanne Gerstner, BUND-Landesvorsitzende

Bei allen Fortschritten sei man noch lange nicht am Ziel, betont BUND-Landesvorsitzende Susanne Gerstner. Zwar zeige die Förderung der Streuobstwiesen, wie die Klammer aus gesetzlichen Regeln und Freiwilligkeit funktionieren könne. „Wirklich erfolgreich ist der Niedersächsische Weg aber erst dann, wenn wir das Artensterben gemeinsam stoppen konnten.“

Angesichts der langen „Roten Liste“ bedrohter Tiere sei es „kein Sprint, sondern mindestens ein Langstreckenlauf“. Nabu-Landeschef Holger Buschmann verweist auf die Neuschaffung von 15 weiteren Ökologischen Stationen. „Das sind die Kümmerer, die die Flächen, Leute, Pflanzen und Tier vor Ort bestens kennen.“

Gleichzeitig mahnt der Vorsitzende, den Niedersächsischen Weg auch nach der Landtagswahl im Herbst nicht zu verlassen. „Wir werden dann Druck machen.“ Karl-Friedrich Meyer von der Landwirtschaftskammer warnt vor einem Ende des Dialogs. „Wie wertvoll dieser ist, zeigen gerade die Niederlande.“ Dort rede man nicht mehr miteinander; die Folge seien wütende Proteste und Straßenblockaden. (Peter Mlodoch)

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Niedersachsen verläuft bislang nur schleppend. Interview: Borkenkäferbefall, Waldbrände und heftige Stürme sorgen in Niedersachsens Wäldern für weniger Bäume.

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