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Interview mit Luther-Nachfahre: Reformationstag und Halloween sind kein Widerspruch

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Am 31. Oktober ist Reformationstag. Christian Priesmeier erklärt, warum sowohl der Reformationstag als auch Halloween an dem Tag gefeiert werden darf.

Hameln – Der Reformationstag am 31. Oktober ist ein wichtiges Datum für die evangelischen Kirchen – auch in Niedersachsen. Dass viele Familien an diesem Tag eher Halloween feiern, findet Christian Priesmeier, der Vorsitzende der Lutheriden-Vereinigung, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst nicht schlimm. Als Nachfahre des Reformators Martin Luther ist er dennoch persönlich fasziniert von dessen Lebensleistung.

Reformationstag und Halloween sind kein Widerspruch: Interview mit Luther-Nachfahre Christian Priesmeier

Christian Priesmeier ist Nachfahre des Reformators Martin Luther.
Christian Priesmeier ist Nachfahre des Reformators Martin Luther. © Jens Schulze/epd

Herr Priesmeier, Sie vertreten mit Ihrem Verein die Nachfahren von Martin Luther. Wenn am 31. Oktober dessen Lebenswerk gefeiert wird, feiern auch einige Kinder Halloween. Frustriert Sie das?

Nein. Der Gewinner ist Halloween, das kann man sicher sagen. Und ich verstehe überhaupt nicht, warum das so schlimm sein soll.

Wenn Kinder in Ihrem Familienclan lieber Gruselkostüme tragen statt Luther-Talare schmeißen Sie die dann aus der Luther-Gemeinschaft raus?

Auf keinen Fall. Ich war vor einigen Jahren am 31. Oktober in den USA und habe eine Luther-Statue einweihen dürfen. Da haben die Leute in der lokalen lutherischen Gemeinde klassisch Gottesdienst gefeiert – und sind anschließend mit den Kindern durch die Gegend gezogen und haben in den Vorgärten „Süßes statt Saures“ gerufen. Halloween und Reformation ganz natürlich zu verbinden, das fand ich schön. Dieses „Entweder, oder“ ist etwas typisch Deutsches.

Sie sind Vorsitzender von bundesweit mehr als 200 „Lutheriden“. An welcher Stelle Ihres Stammbuchs steht der Reformator?

Luther hatte sechs Kinder. Einer seiner Söhne hieß Paul und wurde später Arzt. Aus dessen Linie sind meine Vorfahren, und 433 Jahre nach Pauls Geburt wurde ich geboren. Hier lebe ich und kann nicht anders.

Sie selbst heißen Priesmeier, in Ihrem Vereinsvorstand heißt niemand Luther. Können Sie das erklären?

Gern. Es gab im 18. Jahrhundert einen Johann Gottlob Luther, der nur noch Töchter hatte. Danach hat sich der Name nicht mehr über eine männliche Linie weitervererbt, die Namen der Nachfahren lauten seitdem in den allermeisten Fällen anders. Wir stammen alle von ihm ab – tragen aber nicht unbedingt seinen Namen.

Vor fast genau 500 Jahren hat Luther die erste Ausgabe seiner Übersetzung des Neuen Testaments herausgebracht. Sind Sie der Übersetzung mehr verbunden als andere Menschen?

Ich finde es vor allem faszinierend, dass es fast genau der Text ist, den wir heute immer noch lesen. Für mich ist Luther in diesem Moment weniger mein Urahn, ich empfinde vor allem demütigen Respekt vor seiner historischen Leistung. Persönlich wird es bei mir dann, wenn ich darüber nachdenke, wie knapp er mehrfach dem Tode entkommen ist. Wenn Luther beim Reichstag in Worms nicht hätte abreisen dürfen, wäre er wohl als Ketzer verbrannt worden. Und dann wäre ich, Christian Priesmeier, heute nicht da. Da kreuzt sich dann die große Historie mit meinem Leben.

Sie arbeiten in einer Software-Firma und haben Theologie studiert. Wie kam es dazu?

Das war einfach Interesse. Ich habe schon vor vielen Jahren die kirchlichen Ausbildungen zum Lektor und zum Prädikanten gemacht. Nicht, weil ich unbedingt auf der Kanzel stehen wollte, sondern weil ich mehr wissen wollte. Ich predige gern, etwa einmal im Monat, mache Andachten im lokalen Radio. Die biblischen Texte interessieren mich – da kommt sicher auch ein bisschen Luther bei mir durch. Und deshalb habe ich auch noch in Hermannsburg einen Bachelor in interkultureller Theologie gemacht.

Als Vorsitzender der Luther-Familie: Wäre Pastor als Beruf eine Option gewesen?

Es gab sogar ein konkretes Angebot für den Quereinstieg. Ich konnte mich aber aus mehreren Gründen nicht dazu aufraffen. Ab einem bestimmten Alter überlegt man sich eben dreimal, ob man etwas komplett Neues machen will. Und das, was ich beruflich mache, mache ich wohl doch zu gern.

Sie wirken ruhig. Luther dagegen hat den Papst als Teufel bezeichnet und über die Juden gewütet. Schämen Sie sich als Angehöriger dafür?

Nein. Aber ich bin der Meinung, dass Luther mit seiner holzschnittartigen Sicht auf die Welt heute heillos scheitern würde. Luther war aus heutiger Sicht wohl schon ein bisschen populistisch. Er wäre vermutlich medial unbeliebt, weil er nicht den Konsens sucht. Für seine Zeit war er dagegen genau der Richtige: Ein Leisetreter hätte die Reformation nie so kraftvoll in Gang setzen können. (epd)

Freitag beginnt in der St. Jacobi-Kirche die siebte Edition der Bach-Tage in Göttingen. Vor 1000 Jahren wurde auf dem Hagenberg in Göttingen Godehard zum Bischof von Hildesheim berufen.

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