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Amtsgericht erlässt Strafbefehl gegen Bio-Schweinemastbetrieb in Niedersachsen

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Schweine im Schlamm
Fotos von verdreckten Ställen und verschlammten Freiläufen liegen der Redaktion vor. © Privat

Den Tieren länger anhaltende erhebliche Schmerzen zugeführt – diesen Vorwurf erhebt die Staatsanwaltschaft in vier Fällen gegen einen Bio-Schweinebetrieb aus dem Kreis Verden.

Verden/Dörverden – Schwerer Rückschlag für die Bio-Landwirtschaft im Landkreis Verden. Einem der größten Betriebe im Bereich der nachhaltigen Fleischerzeugung werden Versäumnisse beim Tierwohl vorgeworfen. Das Verfahren mündete inzwischen in einen Strafbefehl, den das Amtsgericht Verden auf Betreiben der für landwirtschaftliche Delikte zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg erlassen hat. Der Fall dürfte in den kommenden Wochen die Gerichte beschäftigen.

Schweinestall in Westen ist verpachtet an Biohof Allertal in Hülsen

In den Fokus geraten ist ein Schweinestall am südlichen Ortsausgang der Ortschaft Westen. Die großräumigen Hallen gehören zum Hof Kappel, verpachtet ist die Anlage an den Biohof Allertal in Hülsen, der dort eine Schweinemast mit Bio-Siegel unterhält. Konkret vorgeworfen werden dem Betreiber vier Straftaten, in denen er „durch Unterlassen Wirbeltieren länger anhaltende erhebliche Schmerzen oder Leiden zugefügt“ habe, berichtet kreiszeitung.de.

Eines der Tiere wog nur noch 30 Kilogramm, in Höhe der Kniegelenke zeigten sich hochgradige, faustgroße Schwellungen mit rötlichen Verfärbungen, ein nächstes wies eine mittel- bis hochgradige Stütz- und Hangbeinlahmheit auf, ein drittes litt unter erheblichen Bewegungseinschränkungen durch Gelenkserkrankungen, das vierte wog nur noch rund 25 Kilogramm und offenbarte den Habitus eines Kümmerers mit deutlich sichtbaren Rippen von der Wirbelsäule bis zur Bauchwand. Sämtliche vorgeworfenen Straftaten stammen aus der ersten Maihälfte des Jahres 2021. Verhängt wurde dem Strafbefehl zufolge eine Gesamtgeldstrafe in Höhe von 2400 Euro. Ein Sprecher des Amtsgerichtes erklärte auf Nachfrage, gegen den Strafbefehl sei inzwischen Einspruch eingelegt. Der Fall lande jetzt vor dem Amtsgericht, ein Verhandlungsbeginn sei noch nicht terminiert.

Der Beschuldigte sieht die Lage anders. „Dass die besagten vier Tiere nicht vorzeitig getötet wurden, lag daran, dass nach meiner Einschätzung eine Besserung zu sehen war. Dies wurde vom Veterinäramt nicht so gesehen und daher wurde die Untersuchung eingeleitet“, erklärt auf Nachfrage Heinrich Helberg, einer der beiden Vertretungsberechtigten der Biohof Allertal GbR.

„Wir haben kürzlich einem Schweinebetrieb in der Gemeinde Dörverden gekündigt“

Der Strafbefehl geht im Wesentlichen auf Kontrollen des Veterinärdienstes des Landkreises zurück. Zu den Ergebnissen befragt, wollte sich Amtstierärztin Dr. Inis Graue mit Hinweis auf datenschutzrechtliche Gründe nicht äußern. Auf nochmalige Nachfrage im Kreishaus erklärte Ulf Neumann von der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, aufgrund eines laufenden Verfahrens könne keine Auskunft gegeben werden. Ständeorganisationen des Ökolandbaus sind auskunftsfreudiger. Sie haben Fakten geschaffen und berichten darüber. „Wir haben kürzlich einem Schweinebetrieb in der Gemeinde Dörverden gekündigt“, erklärt auf Nachfrage Leon Mohr von der Bioland e.V. in Mainz, die einen Standort in Visselhövede unterhält.

Biohof Allertal: 950 Mastplätze

Tatsächlich ist der Biohof Allertal in ungewöhnliche Größen vorgestoßen. 950 Mastplätze umfasst die in Westen gelegene Anlage einer amtlichen Erhebung zufolge, mehr als 800 Schweine würden dort nach Biogrundsätzen großgezogen. Ein Ausmaß, das weit über den Branchenmittelwert hinausgeht. Selbst in einem Bundesland der Massentierhaltung wie Niedersachsen liegt der Durchschnitt nach Angaben des Landesamtes für Statistik bei 247 Tieren je Ökobetrieb. Die Hülsener Öko-GbR soll eine Handelskette versorgt haben. Auch diese Verträge stehen dem Vernehmen nach auf der Kippe. Biohof-Betreiber Helberg sieht die Lage anders: „Wir hatten am 12. Januar, also vor wenigen Tagen, eine nicht angekündigte Untersuchung der Bio-Mast durch das Veterinäramt Verden gemeinsam mit Abcert EG und Lavis. Diese Kontrolle ergab keine wesentlichen Beanstandungen.“

Zwar äußert sich die Kreisverwaltung nicht zu den aktuellen Kontrollen, eine Einschätzung des Veterinäramtes aus dem Jahr 2022 ist dieser Zeitung aber auf anderem Wege zugegangen und liegt der Redaktion vor. Dokumentiert sind darin Kontrollen in einem Zeitraum von August 2020 bis November 2021. Immer wieder war der Bio-Betrieb zum Nachbessern aufgefordert worden. Mitte Mai 2021 häuften sich die Beanstandungen. Während im späteren Strafbefehl von vier Tieren die Rede ist, die zu leiden hatten, fanden die Kontrolleure insgesamt 19 Schweine mit Untergewicht und hochgradigen Atemgeräuschen vor, weitere Tiere offenbarten eine chronische Hang- und Stützbeinlahmheit. Der Redaktion liegen ferner Bilder von verdreckten Ställen vor, von verschlammten Freiläufen und von Tierkadavern mit Ausbeulungen, manche mit tiefroten und blauen Flecken, manche weitgehend bereits verwest. Außerdem liegt der Redaktion die Aufstellung einer Rotenburger Tierkörperbeseitigungsanstalt vor, wonach von Anfang 2020 bis April 2022 mehr als 800 Kadaver abgeholt wurden.

Helberg erklärt, „unser Stall hat viele Luken zu den Außenbereichen und wird mit viel frischer Luft versorgt, dennoch ist das Risiko der Erkrankung – wie im normalen Leben – auch im Bio-Bereich gegeben.“ Grundsätzlich gehörten Tod und Krankheit auch zum Bio-Hof, dies sei unbestritten und bekannt.

Er räumt ein, „dass wir in dem Zeitraum Januar 2020 bis April 2022 eine relativ hohe Letalrate bei den Mastschweinen hatten.“ Diese Letalrate habe in den 28 Monaten bei 7,3 Prozent gelegen, keinesfalls aber bei 800 Tieren.

Auf einem der Videos, die im Stall aufgenommen worden sein sollen, ist deutlich ein in Betrieb befindlicher Elektrodraht an den Wänden in niedriger Höhe zu sehen, der ein Koten der Schweine in schwerer zu reinigenden Ecken des Stalls zu verhindern in der Lage wäre. Als die Behörde diesem Hinweis nachging, fand sie keine solche illegale Vorrichtung vor. Allerdings räumt der Veterinärdienst ein, der Betreiber war zwei Tage zuvor über die bevorstehende Kontrolle informiert worden.

Unklar noch, welche Erfolgsaussichten der Strafbefehl vor Gericht hat. Vor allem bei der Bewertung der Kontrolle im Mai 2021 macht die Veterinärbehörde eine unglückliche Figur. Einerseits wird dem Betreiber im Strafbefehl vorgeworfen, Schmerzen und Leiden der Tiere billigend in Kauf genommen zu haben, anderseits heißt es in der Beurteilung vom selben Tag, der Tierbestand hinterlasse einen guten Eindruck. Zudem ist bei den redaktionellen Recherchen immer wieder von einer behördlichen Verschleppung die Rede. Tatsächlich ließ sich das Veterinäramt von der Kontrolle bis zum fertigen Brief an die Staatsanwaltschaft Ende Januar 2022 mehr als acht Monate Zeit.

Das Landvolk reagiert beunruhigt auf die Ereignisse in Westen. Er gehe aber von einer ordnungsgemäßen Abwicklung des Falles durch das Veterinäramt aus, erklärt auf Nachfrage Kreislandwirt Jörn Ehlers. Und weiter: „Verstöße bei der ordnungsgemäßen Tierhaltung kommen leider immer einmal wieder vor. Sowohl in der privaten als auch in der erwerbsmäßigen Tierhaltung.“ Davon sei auch die ökologische Tierhaltung manchmal betroffen.

Reagiert hat eigenem Bekunden zufolge auch der Eigentümer des Stalles, wie es vom Hof Kappel heißt. Schon vor anderthalb Jahren habe man den Pachtvertrag fristlos aufzukündigen versucht. Er war bis zum Jahr 2029 geschlossen. Aktuell sei es gelungen, den Kontrakt bis zum Jahr 2025 zu verkürzen, heißt es, aber man arbeite weiter auf eine noch kürzere Frist hin.

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