1. Startseite
  2. Niedersachsen

Streit vor der Wahl: Sender mieten Messegelände für Berichterstattung – Politiker sind dagegen

Erstellt:

Von: Peter Mlodoch

Kommentare

Für die Berichterstattung zur Landtagswahl am Sonntag bauen die Sender Studios auf dem Messegelände auf. Einige Politiker sind dagegen.

Hannover – Jubel, Dank, Enttäuschung, Rücktrittsangebote: Die Kommentare aller Spitzenkandidaten zum Ausgang der Landtagswahl in Niedersachsen kommen am Sonntagabend (09.10.2022) jetzt doch direkt aus dem Landtag.

Zum Messegelände in Hannover, wo die öffentlich-rechtlichen Sender ARD, NDR und ZDF derzeit ihre großen Wahlstudios aufbauen, werden Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). Grünen Fraktionschefin Julia Hamburg und ihr FDP-Kollege Stefan Birkner nicht fahren.

Landtagswahl Niedersachsen: Spitzenpolitiker kommen nicht in die Studios

Blick in ein Wahlstudio bei einer Landtagswahl: An diesem Sonntag wird es im Parlamentsgebäude in Hannover eng. Archi
Blick in ein Wahlstudio bei einer Landtagswahl: An diesem Sonntag wird es im Parlamentsgebäude in Hannover eng. Archi © Harald Tittel/dpa-Pool/dpa

Deren mehr oder weniger offenen Boykottdrohungen gegen die umstrittene Messe-Auslagerung haben die drei großen TV-Anstalten zum Einlenken bewegt.

Die Sender errichten nun in der Portikushalle des Parlamentsgebäudes kleine, jeweils rund 80 Quadratmeter umfassende „Stehgreif-Sets“ für Live-Schalten mit Reaktionen der Spitzenpolitiker. Auf dem zehn Kilometer entfernten Ausstellungsgelände planen die Sender nur noch Gesprächsrunden mit den zweiten Reihen der Parteiprotagonisten.

400 Quadratmeter hat der NDR in den dortigen Hallen neun Tage lang für Aufbau, Sendung und Abbau für sich und die ARD angemietet. Hier laufen am Sonntagabend auch Prognosen und Hochrechnungen ein, die dann in die Nachrichtensendungen überspielt werden. Auch das ZDF ist auf der Messe mit einem großen Studio und im Landtag selbst mit einem kleinen Satelliten-Set vertreten.

Streit mit den öffentlich-rechtlichen Sendern: Zwei Studios werden aufgebaut

Diese Doppel-Strategie ist das Ergebnis eines hinter den Kulissen seit sechs Monaten erbittert geführten Streits zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern auf der einen Seite sowie Landtagsverwaltung, Fraktionen und Parteien auf der anderen Seite. Im März hatte das Parlament die Medien zur Besichtigung seiner Räumlichkeiten eingeladen. Doch zu der geplanten Begehung kam es erst gar nicht.

Landtag Niedersachsen
Parlament des Landes Niedersachsen: Abgeordnete nehmen an einer Sitzung im Landtag in Hannover teil. © Hauke-Christian Dittrich/dpa/Archivbild

Die Vertreter der großen TV-Anstalten verwarfen sämtliche Vorschläge des Landtags als technisch nicht machbar. Die angebotenen Flächen wie die Portikushalle mit 320 Quadratmetern oder das Forum im Nebengebäude mit seinen 250 Quadratmetern seien viel zu klein, teilweise für die Lichtausstattung zu niedrig oder auch zu weit abgelegen, lautete die Kritik der Techniker von NDR, ARD und ZDF.

Umgekehrt verweigerte der Landtag die Nutzung seines Plenarsaals. Wegen der unter dem Fußboden installierten Lüftungsanlage könne man dort keine schweren Studios aufbauen, hieß es. Verantwortliche von ARD und ZDF hielten dem Parlament mangelnde Flexibilität und Planungsfehler vor: Beim Neubau des Plenarsaals habe man die Belange der TV-Anstalten an Wahlabenden nicht genügend berücksichtigt. Politiker konterten mit dem Vorwurf der Machtarroganz der Öffentlich-Rechtlichen.

Berichterstattung zur Wahl: Parlamentsgebäude sei zu klein

Einen Umzug zum Messegelände gab es schon 2017, allerdings weil der Landtagsneubau noch nicht ganz fertiggestellt war. Die provisorische Lösung hatte damals wegen langer Fahrtzeiten und unpünktlich beginnender Studiorunden auf beiden Seiten viel Frust ausgelöst.

In den Parteien regte sich daher schnell Widerstand gegen eine mögliche Wiederholung. Anfang Mai kritisierten die Fraktionschefs von SPD, CDU, Grünen und FDP in einer gemeinsamen Erklärung die geplante Auslagerung: Eine Berichterstattung über die Landtagswahl aus einer „ortsfernen Messehalle ohne jeden Bezug zur Legislative halten wir für ein äußerst unangemessenes Signal“.

Landtagswahl Niedersachsen: Private Sender bleiben im Leineschloss

Private Sender und Zeitungsreporter hatten sich von Anfang für das Leineschloss als Arbeitsort entschieden. In diversen internen Gesprächen drohten die Spitzenkandidaten nach Informationen unserer Zeitung ARD und ZDF mit ihrem Fernbleiben von der Messe. Auch der NDR-Rundfunkrat forderte von seinen Senderchefs ein Umdenken.

Dieses erfolgt nun mit der Zweitlösung im Parlament. „Das sind aber keine echten Studios“, warnte schon mal vorsorglich ein verantwortlicher Redakteur. „Große Fragerunden mit mehr als drei Politikern sind dort nicht möglich.“

Was die Doppel-Strategie für die Gebührenzahler bedeutet, mochten die Sender nicht verraten. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zu Produktionskosten keine Auskunft geben“, erklärte NDR-Kommunikationschef Ralf Pleßmann auf Anfrage. (Peter Mlodoch)

Am 9. Oktober sind die wahlberechtigten Niedersachsen dazu aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Bei der Wahlentscheidung kann der Wahl-O-Mat helfen.

Auch interessant

Kommentare