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Hitlerputsch und Hyperinflation: Wer 2022 Katastrophenjahr nennt, hat sich noch nie mit 1923 befasst

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Von: Dirk Walter

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Chronik 1923 Hitlerputsch in München Dec 00 1923 Nazi Storm troopers at Munich 1923 PUBLICAT
Der „Stoßtrupp Hitler“ im November 1923. © imago stock&people

Energie, Klima, Krieg – Krise, wohin man auch blickt. 2022 war zweifellos ein Jahr der schlechten Nachrichten. Doch im Vergleich zu den Ereignissen, mit denen sich 1923 die junge Weimarer Republik auseinandersetzen musste, war 2022 ein Spaziergang.

1923 – da fällt historisch interessierten Münchnern wahrscheinlich der Hitlerputsch ein: Am Abend des 8. November verkündete der spätere Diktator im Bürgerbräukeller – dort, wo heute der Gasteig steht – seine „nationale Revolution“. Aber wer im Ruhrgebiet wohnt, der ist vielleicht mit der Erinnerung an andere Ereignisse groß geworden. Denn die Ruhrbesetzung war 1923 das alles andere überragende nationale Thema.
Am 11. Januar 1923 marschierten eine belgische und zwei französische Kolonnen ins Ruhrgebiet ein. Innerhalb von fünf Tagen hatten zwischen 70 000 und 100 000 Soldaten das industrielle Herz Deutschlands besetzt. Demonstrativ logierte der Befehlshaber der Besatzungstruppen, General Jean-Marie Degoutte, in der Essener 269-Zimmer-Villa des Industriellen Krupp. Fünf Jahre nach ihrer Gründung durchlebte die Weimarer Republik ihre schwerste Krise, schreibt merkur.de.

Der Auslöser war ein seit 1922 schwelender Streit um Reparationen, also die Sühneleistungen Deutschlands an die im Ersten Weltkrieg siegreichen Westmächte in Form von Gold, Kohle und Stahl. Deutschland geriet mit den Reparationen in Verzug. Der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré war indes überzeugt, dass die deutschen Anträge, einen Zahlungsaufschub zu erreichen, nur Taktik waren, um letztlich um die Zahlung ganz herumzukommen.

Ruhrbesetzung, Besetzung Ruhrgebiet
Ruhrkohle für Frankreich: ein französischer Soldat auf einem Kohlezug. © ullstein bild

Die Ruhrbesetzung hatte vor allem eines zur Folge: eine ungeahnte nationale Aufwallung in Deutschland. Bis weit in das linke und linksliberale Spektrum hinein herrschte einhellige Empörung über die Besatzung. „Der Rubikon ist überschritten“, urteilte die bekannte liberale „Vossische Zeitung“.

In der Flut von Berichten über angebliche oder tatsächliche Gräueltaten der Franzosen war Wahres und Aufgebauschtes für den normalen Zeitungsleser damals wahrscheinlich nur schwer zu unterscheiden. Der irische Historiker Mark Jones ist dem anhand von Akten nachgegangen – der Erschießung streikender Arbeiter, zufälligen Todesfällen auf der Straße, Berichten über die Vergewaltigung deutscher Frauen. Viele Fälle von exzessiver Gewalt habe es tatsächlich gegeben, schreibt Jones. Schon am 15. Januar, vier Tage nach dem Einmarsch, erschossen Franzosen einen Jugendlichen, offenbar ein Angehöriger der nationalistischen Bismarck-Jugend, die die Eindringlinge mit dem Lied „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ provoziert hatte. Vollends aufgepeitscht wurde die nationale Rechte am 26. Mai 1923 durch die Hinrichtung von Albert Leo Schlageter, 28-jähriger Anführer einer Gruppe, die Sprengstoffanschläge auf Eisenbahngleise verübt hatte, um den Abtransport von Kohle zu unterbinden. Schlageter wurde zum Märtyrer, der Kult war auch unter den Nationalsozialisten ungeheuer populär.

Höhepunkt der Gewaltorgie war indes der „Essener Blutsamstag“, bei dem französische Soldaten in den Krupp-Werken 13 Personen erschossen – „Blut deutscher Arbeiter von den Franzosen in Essen vergossen“, titelte empört die „Münchener Zeitung“.

eine Zeitungsschlagzeile
„Die Kapitulation an der Ruhr“, titelte die „Münchener Zeitung“ Ende September 1923 nach Aufgabe des passiven Widerstands. © Repro: dw

Auf die Besetzung des Ruhrgebiets antwortete die deutsche Reichsregierung unter dem liberalen Reichskanzler Wilhelm Cuno mit einer Kampagne zum „passiven Widerstand“: Zechenbesitzer wurden angewiesen, Kohlelieferungen an Frankreich und Belgien auszusetzen; Beamten wurde untersagt, den Anordnungen der Besatzer Folge zu leisten. Zwei Millionen Arbeiter streikten. Die Reichsregierung versicherte ihnen allen die Bezahlung ihrer vollen Bezüge. Die Finanzierung des passiven Widerstands trieb aber die Notenpresse weiter an. Die Inflation schaltete vom Trab in den Galopp.

Man kann die nun folgenden Ereignisse auch eine Reaktion auf die Ruhrbesatzung interpretieren – was nicht ganz falsch ist, aber doch den Kern der Dinge verfehlt, schließlich waren Separatisten wie auch die Nationalsozialisten schon vorher präsent. Die Ruhr-Besetzung verschaffte beiden Bewegungen aber ungeahnten Zulauf.

Die Separatisten sind eine heute kaum noch bekannte Bewegung. Aktivisten wie Josef Friedrich Matthes und Hans Adam Dorten propagierten eine unabhängige Rheinische Republik, deren Umrisse variierten, die aber jedenfalls frei von Deutschland und vor allem von Preußen sein sollte.

Unter der Überschrift „Der Pfalzputsch“ berichtete die „Münchener Zeitung“ im November 1923 nicht gerade neutral, dass die separatistische Bewegung auch in die Pfalz ausstrahlte: „Nachdem sie durch beigezogenes Gesindel aus dem Rheinland und unter Mitwirkung der Franzosen sich in den Besitz des Regierungsgebäudes zu Speyer gesetzt hatten, erließen sie die ,Proklamation‘ einer autonomen Republik der Pfalz.“ Das wurde dort wie auch im Rheinland niedergeschlagen. Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, auf den die Separatisten gehofft hatten, schlug sich nicht auf ihre Seite. Ohnehin verhinderte ein Veto Englands jede Veränderung des politischen Status des Rheinlands.

Am 26. September startet die „Diktatur von Kahrs“ in Bayern – er weist 400 Juden aus

Schwieriger war die Situation in Bayern. Am 26. September verkündete die Reichsregierung dem Abbruch des passiven Widerstands. Die „Münchener Zeitung“, jetzt ganz im ultrakonservativen Fahrwasser, titelte: „Die Kapitulation an der Ruhr“. Als Reaktion gab Ministerpräsident Eugen von Knilling von der katholischen Bayerischen Volkspartei unter nationalistischem Druck exekutive Funktionen an einen Generalstaatskommissar ab: Gustav von Kahr. Die „Münchener Zeitung“ sprach ganz offen von einer „Diktatur von Kahrs“, meinte das aber durchaus positiv. Kahr, früher Regierungspräsident von Oberbayern und 1920/21 auch schon einmal Ministerpräsident, war Monarchist und Antisemit. Er machte als Erstes mit der Ausweisung von geschätzt 400 osteuropäischen Juden wegen angeblichen Wuchers auf sich aufmerksam.

eine Zeitungsanzeige
Todesanzeige für die vier Landespolizisten, die beim Schusswechsel mit den Putschisten getötet wurden (aus der „Münchener Zeitung“) © Repro: dw

Vorübergehend entstand in München nun der Eindruck, putschbereite bayerische Reichswehr-Einheiten unter Otto von Lossow seien bereit, an der Seite der politischen Rechten auf Berlin zu marschieren, um die Reichsregierung (Reichskanzler nun: Gustav Stresemann) zu stürzen – analog zum Zug Mussolinis auf Rom ein Jahr zuvor.

Old inflation stamps from Germany, 1923; Alte, überstempelte Briefmarken, Inflation, Deutsches Reich, 1923
Briefmarken aus der Inflationszeit. © Imago

Doch Hitlers erster Versuch einer „Machtergreifung“ scheiterte schon am Odeonsplatz, wo Landespolizisten 15 Putschisten erschossen. Bei einem der Getöteten, Theodor von der Pfordten, fand sich in der Brusttasche der Entwurf einer diktatorischen Verfassung. Auch vier Polizisten (an die heute mit einer Tafel am Odeonsplatz erinnert wird) und ein unbeteiligter Passant starben.

Hitler-Putsch wird gerne lächerlich gemacht – ein Fehler

Kleinreden oder lächerlich machen als „Bierhallen-Putsch“ (eine häufig in der amerikanischen Literatur zu lesende Verballhornung) sollte man den Putschversuch nicht. Für einen Tag herrschte in München politische Paralyse. Die Gunst der Stunde nutzten etwa Trupps des „Bund Oberland“, eines früheren Freikorps. Sie verhafteten politische Gegner und nahmen im Lehel und in Bogenhausen etwa 20 jüdische Bürger unter Gewaltandrohung mit, die sie in den Bürgerbräukeller führten. Diese kamen zwar bald frei, durchlitten aber bange Stunden. Hitler entwich nach Uffing am Staffelsee, wo er zwei Tage später festgenommen wurde.

eine Zeitungsanzeige
Kernseife für 7,5 Milliarden - Anzeige in der „Münchener Zeitung“ im Sommer 1923. © Repro: dw

Auch eine andere Sorge war nun Vergangenheit: die Inflation. Noch am 16. November hatte Victor Klemperer in sein Tagebuch notiert: „Der Dollar steigt und steigt, jetzt ist er bei 2,5 Billionen.“ Beim Kaufhaus Oberpollinger in München kostete ein Stück gelbe Kernseife, 200 Gramm, nun 7,5 Milliarden. Doch dann wurde auf die Rentenmark umgestellt – plötzlich gab es wieder Scheine zu 1 bis 1000 Mark.

1923 – das war gewiss kein schönes Jahr. Aber die junge Weimarer Demokratie hat erstaunlicherweise alle Krisen überstanden – vielleicht ein Lichtblick auch für heutige Pessimisten.

Neue Literatur

1923 war die Katastrophe schlechthin. Schon die Titel der jetzt zum Jubiläumsjahr erschienenen Bücher zeigen es: „1923 – das Jahr am Abgrund“, hat etwa der Autor Volker Ullrich seine Neuerscheinung untertitelt (C.H. Beck, 28 Euro). „1923 – ein deutsches Trauma“, heißt das Werk des irisches Historikers Mark Jones (Ullstein, 26 Euro). „Totentanz“, betitelte die Feuilletonistin Jutta Hoffritz ihr 1923-Buch (Harper Collins, 23 Euro). Empfehlenswert sind alle drei: Ullrich liefert eine solide Einordnung, wobei die Berliner Regierungsperspektive viel Raum einnimmt: Sein Fazit: Die Weimarer Republik hätte vielleicht auch ihre zweite große Krise 1932/33 überstanden – wenn nur ein Reichspräsident vom Format eines Friedrich Ebert (Reichspräsident 1923, Tod 1925) da gewesen wäre. Der junge Historiker Jones hat sich auf die akribische Recherche von Gewaltexzessen spezialisiert, an denen 1923 kein Mangel war. Er interpretiert das Krisenjahr aus der Perspektive einfacher Leute. Das Buch von Hoffritz ist eine leicht zu lesende Collage, die vor allem aus Tagebuchnotizen besteht – im Vordergrund stehen Aufzeichnungen der Künstlerin Käthe Kollwitz und des wenig bekannten Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein. Hoffritz hält die Inflation einschneidender und für 1923 bezeichnender als etwa die Ruhrbesetzung und ihre politischen Folgen, weshalb ihr Fazit auch etwas schlicht ausfällt: „Wenn man weiß, was Deutschland vor hundert Jahren ins Verderben führte, dann kann man Europa stärken und neues Unheil verhindern.“

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