Stehen die 1- und 2-Cent-Münzen vor dem Aus?

Brüssel. Zu viel Kleingeld in den Taschen? Das könnte sich bald ändern - zumindest wenn es nach dem EU-Parlament geht. Das hat jetzt eine Überprüfung der 1- und 2-Cent-Münzen gefordert. Wegen hoher Materialkosten. Und weil es in anderen Ländern auch jetzt schon ohne Klimpergeld geht.

Zu den wertvolleren Teilen eines Mannes gehört seine rechte Hosentasche. Umfragen zufolge klimpern nämlich dort bei Franzosen, Italienern und Niederländer wahre Schätze aus Cent- und Euro-Stücken. Die Sammlung, als „Schotter“ bekannt, habe den Hauch des Wertlosen, heißt es.

Nur der deutsche Mann ist da ganz anders. Schließlich waren die Verbraucher hierzulande auch schon zu Vor-Euro-Zeiten an größere Münzen wie das 5-D-Mark-Stück gewöhnt, den so genannten „Heiermann“ - eine Anspielung auf die Matrosen-Heuer oder das, was man noch schnell den Hafendamen (Heia=Bett) zu zahlen pflegte, ehe das Schiff wieder auslief. Das war mit dem Euro vorbei. Seither trägt man zwar auch Euros, aber vor allem Cent-Stücke mit sich herum und keiner weiß wofür.

Das meinte auch das Europäische Parlament in dieser Woche. Es forderte die Kommission auf, doch mal zu prüfen, ob man diese Münzen nicht endlich einstampfen solle. Schließlich übersteigen die Materialkosten aufgrund gestiegener Kupfer- und Stahlpreise inzwischen den Wert des Geldes. Und außerdem haben andere Euro-Länder gute Erfahrungen ohne das „Klimpergeld“ gemacht.

In Finnland wurden die „harte Währung“ erst gar nicht eingeführt. Die Niederlande und Belgien haben sie wieder einkassiert. In den dortigen Geschäften wird – falls man nicht mit einer Bankkarte die Rechnung begleicht – auf- oder abgerundet. Für einen Einkauf von 19,93 Euro zahlt man somit nur 19,90 Euro. Eine Rechnung über 19,97 Euro kostet dann aber auch 20 Euro.

Was halten sie von dem Vorstoß des EU-Parlaments? Diskutieren Sie unter diesem Artikel.

Das Thema ist ein Dauerbrenner. Fast 21 Milliarden 1- und 2-Cent-Münzen beulen Europas Geldbörsen aus. Schon 2010 sah sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit einem Antrag konfrontiert, die kleinen Geldstücke einzuziehen. Damals sagte das Bundesfinanzministerium Nein, weil der Einzelhandel sich nicht die Möglichkeit nehmen lassen wollte, psychologisch attraktive Preise von 99 Cent, 1,99 oder 99,99 Euro anbieten zu können.

„Weder Handel noch Kunden mögen darauf verzichten“, sagte Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, vor Jahren. Allerdings räumte der Bundesverband Lebensmittelhandel 2008 auch ein, dass „die Abrechnungen am Abend sehr aufwändig“ seien, weil man so viel Kleingeld zählen müsse. Inzwischen ist in die deutsche Front der Münzen-Anhänger Bewegung gekommen. Bei 15 Ketten – darunter Kaufland, Netto oder KiK – können Kunden an der Kasse ihre Rechnungsbeträge aufrunden lassen. Die überzähligen Cent werden dann sozialen Zwecken gespendet.

Die Gegner der Abschaffung fürchten vor allem einen zweiten „Teuro-Effekt“, wenn Preisangaben wie 9,99 Euro, die knallhartes Kalkulieren signalisieren, plötzlich wegfallen würden. Doch der Einwand geht ins Leere. Auch in den Niederlanden werden Produkte weiter mit 19,99 Euro beworben – auf- oder abgerundet wird erst an der Kasse. Am liebsten wäre Handel und Banken ohnehin, wenn auch die Bundesbürger öfter bargeldlos zahlen würden. In Belgien beispielsweise ist es nicht unüblich, auch eine 10-Cent-Plastiktüte mit Geldkarte zu kaufen.

Die Automaten-Industrie wiederum spricht sich – wie einige Euro-Länder auch – dafür aus, nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Geldstücke vom Markt zu nehmen und durch 1- oder 2-Euro-Scheine zu ersetzen. Italien, Österreich und die Slowakei haben entsprechende Bitten bei der Europäischen Zentralbank bereits eingereicht. Sie alle blicken jetzt gespannt nach Brüssel, wo die EU-Kommission eine Studie in Auftrag geben dürfte. Die alleine wird allerdings – egal was dabei herauskommt – nicht viel bewirken. Die Stückelung des Geldes, das in den Mitgliedstaaten im Umlauf ist, bleibt den nationalen Regierungen vorbehalten.

Von Detlef Drewes

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