Rauchen gehört nicht zu Behandlungsmethoden

Ab 2019 Cannabis-Plantagen in Deutschland: Kiffen auf Rezept?

Bonn. Ab 2019 wird es in Deutschland professionelle Cannabis-Plantagen geben. Grund  ist eine Gesetzesänderung aus 2017: Ärzte dürfen Schwerkranken Cannabis zur Behandlung ihrer Leiden verschreiben.

Aktualisiert um 17.30 Uhr - Eine Pflanze, die auch eine illegale Droge ist, auf Rezept – das hat zahlreiche Veränderungen mit sich gebracht.

Das Gesetz zu Cannabis

Im Januar vergangenen Jahres hat der Deutsche Bundestag einstimmig beschlossen: Bei schwerwiegenden Erkrankungen haben Patienten im Einzelfall Anspruch auf Cannabis-Arzneimittel. Wichtig ist dabei die Einschätzung des jeweiligen Arztes. Lindert das Medikament die Symptome der Krankheit spürbar? Kann es den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen? 

Schon vor Inkrafttreten des Gesetzes im März 2017 gab es rund 1000 Patienten in Deutschland, die eine Ausnahmegenehmigung hatten und bereits mit medizinischem Cannabis behandelt wurden. Zahlen mussten sie die Medikation allerdings selbst. Der neue Beschluss sorgt dafür, dass die Krankenkassen die Kosten für Cannabis übernehmen.

Die Kontrolle von Cannabis

Noch importiert Deutschland medizinisches Cannabis aus den Niederlanden und Kanada. Den Transport, die Lagerung und die Weiterverteilung überwacht eine Cannabis-Agentur. Diese ist zusammen mit dem Gesetz ins Leben gerufen worden und ist seither beim Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn angesiedelt. Spätestens ab 2019 soll Cannabis dann auch in Deutschland angebaut werden.

Sollte Cannabis komplett legalisiert werden?

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Die Zubereitung von Cannabis

Wie das Medikament dosiert und in welcher Form es dem Patienten verabreicht wird ist ganz individuell. Neben Fertigarzneien wie Dronabinol und Sativex verschreiben Ärzte ihren Patienten auch Cannabisblüten. Diese müssen jedoch aufwendig von Apothekern zubereitet werden, sagt Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. „Die Apotheker müssen das gelieferte Cannabis auf seine Identität prüfen und mit speziellen Kräutermühlen zerkleinern.“ Die großen, klebrigen Blüten müssen zu feinem Pulver verarbeitet werden, um sie besser dosieren zu können. Die Dosis ist bei jedem Patienten individuell.

Behandlung von chronischen Schmerzen mit Cannabis

Welche Krankheiten genau mit Cannabis behandelt werden dürfen, ist im Gesetz nicht festgelegt. Wirksam ist das Medikament vor allem bei chronischen Schmerzen. Außerdem haben Menschen mit Multipler Sklerose, Tourettesyndrom und depressiven Störungen Erfolge mit der Behandlung erzielt. Auch Chemo-Therapie-Patienten haben bereits Linderung ihrer Übelkeit erfahren. 

In vielen Fällen werden die behandelten Cannabisblüten inhaliert. Aber auch als Spray und Tropfen ist Cannabis einzunehmen. Wichtig: Das Rauchen des Medikamentes gehört nicht zu den Behandlungsmethoden. Ob man nach dem Konsum von medizinischem Cannabis noch Autofahren darf, haben wir in einem gesonderten Artikel erklärt.

Krankenkassen verhandeln mit Apotheken

Die Nachfrage von medizinischem Cannabis ist seit Inkrafttreten des Gesetzes erheblich gestiegen. Die AOK, Barma und TK melden, dass bislang rund 13.000 Anträge gestellt wurden. „Allein bei uns sind etwa 7600 Anträge von Patienten eingegangen. Und es werden immer mehr“, sagt Christine Göpner-Reinecke vom AOK-Bundesverband. Etwa 60 bis 70 Prozent können genehmigt werden.

„Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Ansturm so hoch ist“, sagt Göpner-Reinecke. Jeder Antrag müsse individuell begutachtet werden. Das koste Zeit. Und weil die Anträge zum Teil unvollständig oder fehlerhaft ausgefüllt werden, gebe es häufiger Schwierigkeiten. Das bestätigt Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes: „Die Begutachtung ist auch deshalb schwierig, weil die Krankheiten, die mit Cannabis behandelt werden dürfen, nicht ausreichend trennscharf formuliert sind.“

Ein weiteres Problem: Aus der gestiegenen Nachfrage ergebe sich ein höherer Preis, sagt Marini. „Außerdem erheben die Apotheker hohe Zuschläge auf medizinisches Cannabis, die den Preis praktisch verdoppeln.“ Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände rechtfertigt die Zuschläge: „Mit der Verarbeitung des Produktes sind die Apotheker zum Teil Stunden beschäftigt. Das muss natürlich bezahlt werden.“

Lieferengpässe sorgen zudem dafür, dass Apotheker den Patienten manchmal erst nach Wochen ihr Medikament geben können. Dies sei ein Problem, das erst gelöst werden könne, wenn es in Deutschland Plantagen gibt. Cannabis sei eben eine Pflanze und die müsse wachsen, sagt Sellerberg.

Was ist medizinisches Cannabis?

Die medizinische Wirkung der Cannabisblüte entsteht aus ihren unterschiedlichen Cannabinoiden. Die Hauptwirkstoffe für eine Therapie sind hierbei das Tetrahydrocannabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD). Je nach Krankheit entscheidet der Arzt, welcher Wirkstoff höher dosiert werden soll. Durch die Interaktion von THC mit dem Gehirn wird Dopamin ausgeschüttet. Die Wirkung von THC setzt innerhalb einer halben Stunde nach Einnahme ein und hält für etwa zwei Stunden an.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Matt Masin/dpa

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