Wer was bei der VW-Abgasaffäre wusste: Es geht ans Eingemachte

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Dieser kryptische Satz Ferdinand Piëchs (Foto) vom 10. April 2015 erscheint nun klarer. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG könnte damit gemeint haben, dass Martin Winterkorn (rechts) von den Abgasmanipulationen wusste, ihm (Piëch) gegenüber dies aber bestritt. Fotos: dpa

VW-Patriarch Piëch sagte im Abgasskandal aus und belastete Ex-VW-Chef Winterkorn schwer.

Lange hat Ferdinand Piëch im VW-Dieselskandal geschwiegen. Am Freitag nun meldete Spiegel-Online, dass der einstige Aufsichtsratsvorsitzende des Wolfsburger Autokonzerns den ehemaligen Konzernchef Martin Winterkorn „mit einer ausführlichen Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig“ Ende 2016 belastet hat. Unklar ist, was die Aussage von Piëch für ihn selbst bedeuten könnte. Schließlich würde er damit auch zugeben, dass er mehr als ein halbes Jahr vor Bekanntwerden des Abgasskandals über die Manipulation informiert war.

Piëch selbst habe „Ende Februar 2015 von einem Informanten den Hinweis erhalten, dass VW ein großes Problem in den USA habe, weil das Unternehmen mit einer Software die Abgaswerte manipuliere“, schreibt Spiegel-Online. Derartige Hinweise hätten US-Behörden bereits an VW weitergeleitet. Piëch habe Winterkorn darauf angesprochen.

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Unklar ist, ob explizit über die Software gesprochen wurde oder nur über das große Problem in den USA. Der damalige VW-Chef habe ihm versichert, ein solches Papier aus den USA existiere nicht. Stimmt die Spiegel-Darstellung, dann dürfte auch klar sein, warum Piëch seinen Zögling Winterkorn im April 2015 fallen ließ. Zuletzt hatte dieser ein solches Wissen im Untersuchungsausschuss des Bundestages erneut verneint.

Tatsächlich aber scheint Winterkorn früher als von ihm bislang eingeräumt vom Abgasbetrug erfahren haben. Gegen ihn ermitteln nun auch die Braunschweiger Staatsanwälte wegen des Verdachts des Betrugs und der Marktmanipulation. Das hat die Behörde am 27. Januar 2017 mitgeteilt.

Mit dem Spiegel-Bericht fügen sich nun einzelne Puzzleteile der Affäre zusammen, der Nebel über dem Skandal lichtet sich. Sechs Schritte zu mehr Klarheit:

1. Piëchs Aussage, er habe Ende Februar 2015 einen Hinweis auf die Software bekommen. Der Patriarch des VW-Konzerns ist zu dieser Zeit Aufsichtsratschef. Sein Familienstamm Porsche/Piëch ist Großaktionär des Konzerns, VW-Chef Winterkorn sein Ziehsohn - sie sind das über viele Jahre das alles bestimmende Führungsduo. Dann am 10. April 2015 der berühmte Satz, der all das beendet: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“

Da trennen sich nicht zwei alte Weggefährten, die sich über eine neue Modellreihe in die Wolle bekommen haben, sondern da rückt der Aufsichtsrat-Chef in aller Öffentlichkeit von seinem Vorstandschef ab. Eine Begründung liefert Piëch nicht. Der Satz wirkt wie „eine Hinrichtung des Vorstandsvorsitzenden“ (Süddeutsche), er lässt die VW-Aktie abstürzen.

2.Hinweise auf Hintergründe kommen von seinem jüngeren Bruder Hans Michel Piëch, der gemeinsam mit Ferdinand und Ursula Piëch im Aufsichtsrat des VW-Konzerns sitzt. Er wirft Winterkorn unter anderem vor, dass er die Probleme im US-Geschäft nicht in den Griff bekommt. Die Spekulationen über Piëchs Distanz schießen ins Kraut: Amerika - na klar, das sind die Absatzprobleme von Volkswagen, eine nicht ausgelastete Fabrik in den Staaten und so weiter.

Zu all dem äußert sich Piëch nicht. Spekulationen, nachdem er seine Ehefrau Ursula zu seiner Nachfolgerin im Aufsichtsrat küren wollte, erstickt er aber noch am gleichen Tag: „Ich strebe an, dass an der Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstandes die Richtigen kommen, und das sind keine Familienmitglieder, das ist auch nicht meine Frau.“

Zu dem Zeitpunkt Anfang April 2015 dürfte Piëch bereits klar gewesen sein, was für ihn auf dem Spiel stand: Als Aufsichtsrat muss er handeln, wenn er sich nicht selbst schuldig machen will, als Großaktionär sieht er sein Lebenswerk und sein Vermögen in Gefahr.

3. Donnerstag, 16. April 2015: Der engste Kreis des Aufsichtsrats, das Präsidium, kommt zu einem Sondertreffen in Salzburg zusammen. Winterkorn ist auch mit von der Partie. In der Nähe von Salzburg wohnt Piëch. Einen Tag später, es ist Piëchs 78. Geburtstag, verkündet das Präsidium, dass Winterkorn der „bestmögliche Vorstandschef“ sei und sein Vertrag bis Ende 2016 verlängert werden soll. Zum Präsidium gehören seinerzeit für die Arbeitnehmerseite Berthold Huber, Bernd Osterloh, Stephan Wolf, für die Porsche-Familie Wolfgang Porsche und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil.

Am 25. April 2015 geben der Konzernpatriarch und seine Frau Ursula ihre Kontrollmandate auf. Die Wirtschaftswelt reibt sich die Augen: Hat da gerade der Angestellte Winterkorn den Firmen-Miteigentümer vom Hof gejagt? Alles wegen Problemen im US-Geschäft? Das passt nicht. Piëch sagte einmal über sich: „Wenn ich etwas erreichen will, gehe ich auf das Problem zu und ziehe es durch, ohne zu merken, was um mich herum stattfindet.“

4. Gerüchte machen die Runde, dass Piech noch vor der VW-Hauptversammlung am 5. Mai 2015 Wege für eine Absetzung Winterkorns sondiert haben soll. Kleinkrämerische Rachegelüste eines alten Mannes, der nicht loslassen kann? Keineswegs. Doch mit der Hauptversammlung ist sein Pulver erstmal verschossen. Alles sieht nach einer Schlappe des Patriarchen aus.

5. Es ist der 18. September 2015, die Bombe platzt: Die US-Behörden werfen VW vor, massiv gegen Klimaschutzregeln verstoßen zu haben. Bekannt wird, dass der US-Umweltbehörde EPA und ihrem kalifornischen Ableger seit Mai 2014 Messwerte über zu hohe Abgaswerte vorlagen. Ende 2014 gab es in den USA eine freiwillige Rückrufaktion von 500 000 Fahrzeugen. Am 3. September 2015 hatten VW-Beschäftigte in den USA die Existenz der Schummel-Software eingeräumt. Am 23. September 2015 tritt Winterkorn als Vorstandschef zurück: „Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren.“

6. Dezember 2016/Januar 2017: Alle wesentlichen Vergleiche mit den US-Behörden sind geschlossen. Der Autokonzern - und damit auch die Familien Piëch und Porsche - haben Milliarden verbrannt. Ausgehandelt hat die Vergleiche Manfred Döss. Er ist Leiter des Rechtswesens bei Volkswagen, aber auch Vorstand in der Porsche SE. In der Familienholding haben die Milliardärsfamilien Piëch und Porsche das Sagen. Ab jetzt spricht Piëch.

Das sagen die Juristen: Staatsanwaltschaft

Gegenüber dem Spiegel sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, dass er das laufende Ermittlungsverfahren nicht kommentieren wolle. „Alle relevanten Zeugen werden von uns befragt, unabhängig von der Hierarchieebene bei VW“, zitiert das Magazin den Sprecher der Staatsanwalt Braunschweig.

Das sagen die Juristen: Winterkorns Anwälte

Martin Winterkorns Anwälte teilten der Deutschen Presseagentur mit, ihr Mandant habe „erst vor wenigen Tagen von der Existenz einer weitergehenden Aussage des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, Prof. Dr. F. Piëch, erfahren“. Winterkorn kenne jedoch noch keine Details. „Herr Winterkorn wird sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen - und damit auch zu dieser Aussage - äußern, sobald ihm die Akten der Staatsanwaltschaft Braunschweig zur Einsicht vorgelegen haben.“

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