Weitere Modelle im Visier

Neue Vorwürfe: VW-Abgasskandal erreicht Porsche

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Matthias Müller

Wolfsburg. Nach neuen Vorwürfen der US-Umweltbehörde EPA droht sich der Skandal um manipulierte Dieselabgaswerte auszuweiten:

Was ist an den EPA-Vorwürfen gegen VW, Audi und Porsche konkret neu?

Beim ersten Aufschlag im September hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2 Liter Hubraum aus den Modelljahren 2009 bis 2015 im Visier. Der war mit einer Software ausgestattet, die Stickoxid-Abgase (NOX) bei Messungen auf dem Rollenprüfstand so reduzierte, dass erlaubte Grenzwerte eingehalten wurden. Auf der Straße wurde die Software-Bremse abgeschaltet, Abgaswerte schossen hoch. Nun geht es auch um Sechszylinder-Diesel mit drei Litern Hubraum, die den VW Touareg (ab Modelljahr 2014), Porsche Cayenne (2015) und Audi Q5 sowie Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro und den Audi A8 sowie dessen Langversion antreiben (2016). Diese Dickschiffe mit extra viel PS sollen zulässige NOX-Werte der USA - schärfer als die der EU - laut EPA bis zum Neunfachen überschreiten.

Von wie vielen Autos ist da insgesamt die Rede?

Von elf Millionen weltweit, davon ein Viertel in Deutschland, was den EA 189 mit zwei Litern und kleiner angeht. Verglichen damit liegen die 10 000 SUV seit 2014 und eine noch unbekannte Zahl aktueller Fahrzeuge, die die EPA jetzt in den USA im Visier hat, im Promillebereich.

In den Altfällen hat VW nach langem Hin und Her Manipulation eingeräumt. Welche neuen Belege nennt die US-Umweltbehörde EPA? 

Weitere Tests hätten „ernste Bedenken“ erbracht, dass auch in größeren Maschinen verbotene Abgas-Abschaltsoftware stecke. Man werde rigoros alles aufklären. „VW hat einmal mehr seine Verpflichtungen missachtet, sich an Gesetze zu halten, die saubere Luft für alle Amerikaner sichern.“ Wie VW bisher mit dem Abgasskandal umging, habe in der EPA großen Ärger hinterlassen, heißt es in Washington.

Was sagt der VW-Konzern zu den Anschuldigungen?

Dass nichts Illegales verbaut sei: Volkswagen habe „keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert (...), um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. VW werde mit der EPA voll kooperieren.

Also steht Aussage gegen Aussage? 

Derzeit ja. VW habe gegenüber US-Genehmigungsbehörden Informationen zurückgehalten, präzisiert die EPA die neuen Vorwürfe: „Die Software (...) beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW spricht nur vom Vorwurf der EPA, dass „eine Software-Funktion im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu angeblich vorenthaltenen Informationen sagte gestern VW nichts. Kern des Problems: Welche „Abgas-Kontrolle“ ist legal, welche ist illegal? Und was lässt sich im Software-Gestrüpp eines Autos so oder so nachweisen?

Also alles nur Spitzfindigkeiten?

Keineswegs. Laut Süddeutscher Zeitung sprachen EPA-Offizielle vor Journalisten von neuerlichem „Betrug“ durch VW und davon, dass der Konzern erneut die „Gesundheit vor allem von Kindern und älteren Menschen“ in den USA aufs Spiel gesetzt habe. Anwaltskanzleien hätten die nächste Klagewelle angekündigt. Laut Wall Street Journal will VW die in Verdacht geratenen Sechszylinder - anders als die EA-189-Modelle - nicht mit Verkaufsstopp belegen. Für die knapp 500 000 Altfälle warten US-Behörden weiter auf konkrete Nachbesserungsvorschläge. Ebenso Händler, die die in Verruf geratene Autos teils zurücknehmen.

Was sagen Audi und Porsche? 

Audi verwies auf VW, Porsche sprach von 3000 betroffenen Diesel-Cayenne. (mit dpa)

Von Wolfgang Riek und Heiko Lossie

Hintergrund

Von VW, Audi, Skoda und Seat auch auf Porsche, von älteren Euro-5-Motoren auch auf neuere und größere Euro-6-Aggregate. Der Vorwurf gegen Porsche ist auch deshalb pikant, weil der neue VW-Konzernchef Matthias Müller noch vor kurzem Chef des Stuttgarter Sportwagenbauers war und in Wolfsburg aufräumen soll. VW dementierte auf acht Zeilen zwei Seiten neue EPA-Vorwürfe. Die VW-Aufsichtsratsspitze berät laut Handelblatt noch diese Woche über die neue Lage.

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