Verkehrsminister: VW-Modelle streng kontrollieren

Abgastest-Schummler: Skandal mit langer Ansage

Polo im Regen, Wolfsburger VW-Hochhaus als Spiegelbild in einer Pfütze.

Kassel. Dass der Skandal um manipulierte Diesel-Abgaswerte bei VW wie eine Bombe in die Autoshow IAA platzte, war wohl kein Zufall. Das Ur-Ärgernis dahinter konnte man nämlich lang schon nachlesen.

Zum Beispiel im Plenarsitzungsdokument A7-0168/2013 des Europäischen Parlaments vom Mai 2013: Abweichungen zwischen dem, was Autos angeblich und tatsächlich verbrauchen, sind in der EU die Regel - und zwar im zweistelligen Prozentbereich, heißt es dort schön versteckt zwischen Paragrafen auf 51 Seiten.Der alte Sprittest: Schuld ist zum guten Teil das Messverfahren Neuer Europäischer Fahrzyklus (NEFZ). 

Axel Friedrich

Der NEFZ misst seit den 1990ern den Norm-Spritverbrauch von Autos. Nicht auf der Straße, sondern auf dem Labor-Rollenstand. Das dauert keine 20 Minuten, auf mehr als kurz mal Tempo 120 wird dabei nicht beschleunigt. Und Autobauer haben über die Jahre jede Menge Tricks entwickelt, wie ihre Testwagen noch sparsamer wirken. Axel Friedrich (67), einst Leiter des Verkehrsressorts im Umweltbundesamt sagt: „Hersteller liefern sich einen regelrechten Wettbewerb, mit immer neuen Tricks die Testverbräuche schönzurechnen. Im Test die Lichtmaschine abzuschalten, wie es etwa ein süddeutscher Autohersteller tut, würde im realen Leben dazu führen, dass das Auto schnell stehen bleibt.“

Draußenmessung 2017? Der Nachfolgetest heißt WLTP, er ist bei EU und Industrie seit Jahren in Arbeit. WLTP soll näher am wirklichen Leben messen, erstmals auch im Fahrbetrieb draußen. Ab 2017, drängelt Brüssel. Lieber erst ab 2021 neue Tests, bremst die Industrie, alles kompliziert, teuer, kaum zu schaffen. Zudem brauchen Autos, die den alten Test schaffen, den neuen aber nicht, irgendwie Abgas-Übergangsrabatt.

Alexander Dobrindt

Und Kontrollen? Neuer Test früher oder später, ist erstmal egal, sagen Kritiker der Abgaspolitik, etwa der Autoclub ACE oder die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Erst müsse eine wirksame Kontrolle her, wie sie die EU ausdrücklich vorsehe, Deutschland aber nicht einrichte. Ein Fall fürs Kraftfahrtbundesamt (KBA)? Nein, die Flensburger Fachbehörde von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ist für einzelne Autofahrer, die sich über Spritschlucker ärgern, nicht zuständig. Die können ja vor Gericht klagen. Das KBA macht Konformitätsüberprüfung, fragt da aber nur, ob die alltagsfernen NEFZ-Werte eingehalten werden. 2014 im KBA-Test: 130 Autos und Autoteile.

Scharfe US-Prüfer: Die Washingtoner Umweltbehörde EPA hingegen prüft laut DUH jährlich 15 bis 20 Prozent der Modellzulassungen per Zufallsauswahl: Ihre Experten gehen auch Tipps frustrierter Autofahrer oder kritischer Verbraucherverbände nach. Zwischen 2012 und 2014 wurden die Verbrauchswerte von fünf Herstellern und mehr als 1,4 Millionen Autos bemängelt: Kia, Hyundai, Ford, BMW und Mercedes mussten Angaben zum Spritdurst ihrer Autos nach unten korrigieren und insgesamt eine dreistellige Millionenstrafe zahlen. Das ging geräuschloser über die Bühne als die jüngste Bombe - von Manipulation war bislang nicht die Rede. Der jüngste Skandal kam aber mit Ansage, auch für Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU).

Was macht die Politik? Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat eine Untersuchungskommission zu VW geschickt. Und gestern angekündigt, VW-Modelle, die mit der Schummel-Software unterwegs sind, streng zu untersuchen - auch auf der Straße. Das geht Richtung WLTP. Autos anderer Hersteller sollen stichprobenartig in den Test. Müssen manipulierte Autos nicht aus dem Verkehr gezogen werden? Abwarten, sagte Dobrindt. ICCT-Direktor Peter Mock, dessen Organisation mit für die Aufdeckung der krummen VW-Tour sorgte, ist weiter: Eigentlich sei dann die Typgenehmigung weg, sagte er dem Manager-Magazin. Ein Kampf an vielen Fronten. Systematisch heruntergerechnete Spritverbräuche schönen logischerweise den CO2-Ausstoß. An dem hängt aber die Kfz-Steuer: Auf 1,4 Mrd. Euro habe der Staat so allein 2014 verzichtet, schätzt die DUH.

Grichtsurteile zu Spritschluckern

• Ein Renault Scenic brauchte 12 Prozent mehr, ein BMW 325 iX Coupé sogar 18 Prozent mehr als angegeben - das reichte beim OLG Hamm und beim LG Detmold für die Rückabwicklung des Kaufes und Minderungsansprüche. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) begleitet Kläger in Sachen Spritschlucker. Urteilssammlung:

http://zu.hna.de/

spritschlucker

• Auto-Umweltliste des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) http://zu.hna.de/ vcdliste

• VDI-Nachrichten zu Abgastests

http://zu.hna.de/vditest

• ICCT zu neuen Dieseltests:

http://zu.hna.de/iccttest

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