Abrissstreit um 32 Kilometer Beton

Transrapid-Teststrecke im Emsland ist ungenutzt übriggeblieben

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Überreste: Magnetschwebebahn, leicht lädiert, auf dem Lathener Testgelände.

Kassel/Berlin. Vor 20 Jahren, Anfang März 1994, beschloss die Bundesregierung unter dem damaligen CDU-Kanzler Helmut Kohl, die Hauptstadt Berlin und Hamburg mit einer Transrapidstrecke zu verbinden.

In weniger als einer Stunde mit Tempo 400 von der Spree zur Elbe - die Magnetschwebebahn, als Zukunftstechnologie bei Thyssen-Krupp Transrapid in Kassel gebaut, blieb ein hochumstrittener Milliardentraum. Ihn träumen seit Jahren auch Politiker der Kanareninsel Teneriffa, denen ebenfalls das nötige Geld fehlt (siehe Hintergrund).

Galoppierende Kostenprognosen begleiteten die Hamburg-Berlin-Pläne über Jahre. Dazu kamen Probleme bei Lärm- und Umweltschutz, die Erkenntnis, dass der ICE genauso schnell und günstiger fahren würde. All das ließ die Referenzstrecke für weltweite Kundschaft eine Ingenieursvision bleiben. Die Transrapid-Trasse zwischen der chinesischen Metropole Shanghai und dem Flughafen Pudong ist bis heute die einzige der Welt, die nicht nur zu Testzwecken gebaut wurde.

Deutschlands Versuchsstrecke im Emsland ist abbruchreif: Die 32-Kilometer-Testschleife auf Stelzen hat sich nie von ihrem schwärzesten Tag erholt, dem 22. September 2006. Damals starben 23 Menschen, als ein Transrapid (TR) 08 in ein Wartungsfahrzeug krachte. Die Fahrdienstleitung hatte es vergessen. Mit Besucherrundfahrten war sofort Schluss, Demonstrationstouren für Kaufinteressenten gibt es seit 2011 nicht mehr. Die Betreibergesellschaft IABG forscht in Lathen inzwischen an Elektroautos.

Pachtverträge unter der alten Transrapid-Trasse, deren Betonstelzen teils tiefer als zehn Meter in den emsländischen Moorboden gerammt wurden, laufen 2014 aus. Für den Abriss gibt der Bund 40 Mio. Euro. Ungeklärt ist ein Streit, ob Erlöse aus dem Teststrecken-Schrott und Versicherungsleistungen an die Betreiber nach dem Unfall 2006 verrechnet werden. Ende 2013 hieß es im Bundesverkehrsministerium, der Fall könne vor Gericht gehen. Sachstand unverändert, sagte eine Sprecherin gestern.

Derweil gammelt ein TR-Modell auf dem Lathener Testgelände vor sich hin. Der TR09-Zug, der eigentlich auf Münchens Flughafen mit der City verbinden sollte, steht wenigstens unter Dach. Auch die München-Strecke scheiterte. Im Internet überlebt hat nur eine völlig verunglückte Transrapid-Lobeshymne von Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU).

Die Samtgemeinde Lathen würde gern ein Transrapid-Museum bauen. Man habe Zusagen vom Bund, den letzten Zug dafür zu erhalten, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Weber. Auch Kassel blieb nur wenig vom einstigen Wunderzug: Mit zwei TR05-Segmenten Baujahr 1979 hat sich die Magnetschwebebahn-Geschichte ins Technikmuseum an der Wolfhager Straße gerettet. www.tmk-kassel.de

TR09 per Schiff nach Teneriffa?

• Der eingemottete Lathener Transrapid-Zug könnte zur Reklame nach Teneriffa verliehen werden - falls die Kanareninsel die Schiffspassage bezahlt. Auf Teneriffa hängen Inselpolitiker - ideell unterstützt auch aus Berlin - seit Jahren ihren eigenen Magnetschwebebahn-Träumen nach. Als schnelle Verbindung der beiden Flughäfen im Süden und in Norden soll die Magnetschwebebahn überwiegend mit Solarstrom fahren.

• Umstritten ist das Projekt auch dort. Eine Machbarkeitsstudie bescheinigt dem System auf der steilen Vulkaninsel aber Vorteile gegenüber der traditionellen Rad-/Schiene-Bahn: Die Magnetschwebebahn fährt mit größerer Steigfähigkeit und kleineren Kurvenradien - damit braucht sie entlang der Inselküste weniger Flächen und Tunnel.

Der Nachteil: Auf drei Milliarden Euro werden bislang die Kosten geschätzt - die Hälfte davon soll von der EU kommen. Diese Hoffnung hat sich aber mit jüngsten Fortschreibungen des Fahrplans für europäische Verkehrsgroßprojekte TEN-T zunächst zerschlagen. Dort wurde nach Angaben aus Brüssel die Magnetschwebebahn nicht aufgenommen - damit gibt es aus auch kein EU-Geld. (wrk)

Die Teneriffa-Studie: 

http://zu.hna.de/inselbahn

Von Wolfgang Riek

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