Niedersachsens Umweltminister bremst

Abschied vom Sandsack: Flutschutz aus Hessen punktete an der Elbe

Jede Menge Helfer: In Sandershausen an der Nieste werden Tonnen mit Wasser gefüllt. Fotos: Archiv

Gartow/Niestetal. Sandsäcke schützen vor Hochwasser - falls schnell genug ausreichend Helfer da sind, die sie zu Mauern stapeln. Es geht auch anders - weniger anstrengend und billiger, finden nun auch Feuerwehren an der Elbe und Andrea Schröder-Ehlers, Lüneburger SPD-Abgeordnete im Niedersachsen-Landtag.

Etwa mit roten Tonnen, die sich zu Schutzwänden koppeln lassen - rascher, höher, mit weniger Leuten aufgebaut als Sandbarrieren und schneller wieder weggeschafft. Zuschuss vom Land beim Umstieg von Sandsäcken auf Schutztonnen ist aber nicht zu erwarten. Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) stellte das jetzt auf Anfrage der SPD-Politikerin klar.

Gartow verteidigt

Flussanlieger in Gartow denken dankbar an die Notfallhilfe aus Niestetal vor den Toren Kassels zurück: Die Nordhessen hatten im Sommer 2013 ihren mobilen Flutschutz ins Wendland verliehen. Feuerwehr und THW aus Frankfurt glückte es damit, das stark gefährdete Dorf Gartow gegen den Elbezufluss Seege zu verteidigen. So funktioniert’s: Kunststoffplatten, rechteckig und 15 Kilo leicht, werden zu Zylindern gebogen und fixiert. Dann Plastiksäcke eingehängt, aus Feuerwehrschläuchen mit Wasser befüllt. Dessen Gewicht presst die Tonnen dicht gegeneinander - standfest und undurchlässig wie eine Wand.

Schnell aufgestellt, schnell abgebaut: SPD-Politikerin Schröder-Ehlers sieht die Tonnen gegenüber der Methode Sand in Teilbereichen vorn. Über 1,3 Mio. Säcke seien allein im Kreis Lüneburg auf 70 Elbekilometern befüllt und gestapelt worden. Nur massenhafter Helfereinsatz habe das möglich gemacht, betont Schröder-Ehlers Parlamentsanfrage. Abbau und Entsorgung der Sandsäcke durch Firmen kämen den Kreis teuer zu stehen. Ihr Vorschlag: Das Land könnte Kommunen den Tonnenkauf bezuschussen. Vielleicht aus Geld, das bisher Sandsäcke finanziert.

Geht nicht, sagt Minister Wenzel: Erstens gebe es für Sand kein Geld im Haushalt. Die Landessandsackreserve gehöre dem Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und werde von dort bei Bedarf gegen Kostenerstattung vergeben. An Deichen könne man mit Sandsäcken flexibel auf alle denkbaren Situationen reagieren. Diese Säcke müssten in ausreichender Zahl vorgehalten werden. Andere mobile Notfallsysteme könnten Kommunen zwar kaufen. Sie seien aber am Deich „mangels Standsicherheit ausgeschlossen“, so Wenzel.

Schröder-Ehlers reicht dieser Bescheid nicht. Es werde Gespräche geben, sagte sie unserer Zeitung. Hannovers Feuerwehr soll grade eben ein Tonnensystem gekauft haben.

Schippen und Stapeln brauchen viele Hände und Geld für Entsorgung

165.000 Euro hat laut Medien der Kreis Herzogtum Lauenburg bezahlt, nach der Flut im Sommer etwa 300 000 Sandsäcke loszuwerden. In einer Anlage, die Sand und Jute- oder Kunststoffhülle trennt wurden sie geschreddert. Mit Schadstoffen belasteter Sand wird deponiert, sauberer Sand kann als Baustoff weiterverwendet werden.

Der Rückbau braucht viel Personal: So suchte der mecklenburgische Landkreis Ludwigslust-Parchim nach der Flut im Juli für vier Tage 900 Freiwillige, um eine Million Sandsäcke von den Elbedeichen geholt und geleert zu bekommen. Katastrophenalarm war längst aufgehoben - damit fiel zum Beispiel die Bundeswehr als Hilfstruppe aus.

Jochen Wagner, Chef der Neu Isenburger Aquariwa, die das Tonnen-System anbietet, nennt für seine Anlagen Einwände mangelnder Standsicherheit auf Deichen abwegig. Das Gegenteil sei in Gartow bewiesen. Eine halbe Million Euro, so Wagner, koste ein Kilometer Sandsäcke mit Auf- und Abbau. Die Tonnenwand weniger als die Hälfte - und sie sei wiederverwertbar.

Von Wolfgang Riek

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