Interview zu Flüchtlingen: „Abschottung verstärkt Ängste“

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Viele Flüchtlinge leben hinter einem hohen Zaun oder am Stadtrand: Diese Asylbewerber verlassen die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt (Brandenburg).

Kaum ein anderes Thema bewegt deutsche Gemüter aktuell so sehr wie die Flüchtlings- und Asylproblematik. Doch warum? Darüber haben wir mit einem Experten gesprochen.

Während die eine Hälfte der Deutschen sich für die Aufnahme und Eingliederung von Flüchtlingen stark macht, begegnet die andere Hälfte den Neuankömmlingen mit Ablehnung, teils sogar mit Gewalt. Wir sprachen darüber mit Dr. Hans-Joachim Maaz (72), Spezialist für psychosoziale und gesellschaftskritische Fragen.

Herr Dr. Maaz, hat Deutschland eine Flüchtlingskrise? 

Hans-Joachim Maaz: Ja. Aber die Flüchtlingskrise betrifft eigentlich ganz Europa. Erst hat sich die Politik schwer getan, das Problem überhaupt ernst zu nehmen. Jetzt sucht sie zwar nach Lösungen für die Symptome für Flüchtlingskrisen, unternimmt aber nichts gegen die Ursachen. In vielen Ländern gibt es eine Abschottungspolitik. Es ist aber auch unsere westliche Lebensart schuld an den Flüchtlingsströmen: Wir fördern Klimawandel, Klassengesellschaft und Kriege um Ressourcen. Mit den Flüchtlingen kommt etwas auf uns zurück, was ein Spiegel unseres Lebens in der Wohlstandsgesellschaft ist. Und diesen Spiegel halten wir uns ungern vor.

Wieso ist dann das Flüchtlingsthema in Deutschland so hart umstritten? 

Maaz: Ist es das? Im Prinzip geht es um grundlegende Veränderungen, denen man nachkommen kann, wenn man sich eins klarmacht: Wenn wir zum Beispiel fünf, zehn oder 20 Prozent unseres Einkommens - und die Konzerne noch mehr - abgeben, um Armut, Hunger und soziale Ungleichheit zu verringern, dann vermindern wir auch die Ursachen für die Flüchtlingsprobleme dieser Welt.

Liegen die Bedenken der Menschen gegenüber Flüchtlingen auch daran, dass sie so abgeschottet leben? 

Maaz: Diese Isolierung ist eine der Hauptschwächen der deutschen Integrationspolitik. Eine Abschottung verstärkt immer auch Ängste. Die natürliche Reaktion darauf ist entweder Flucht oder Angriff. Viel besser wäre ein soziales Miteinander, denn nur das kann Vorbehalte vermindern.

Sollte die Politik auch Meinungen von Menschen beachten, die gegen Flüchtlinge sind? 

Maaz: Unbedingt. Die sind bislang vernachlässigt worden und haben AfD und Pegida erst stark gemacht. Unsere Politiker haben versäumt, kritische Fragen zu Asylrecht, zu Unterbringung und Integration von Flüchtlingen klar zu regeln. Kurz gesagt: Die Politik hat verständliche Ängste der Menschen nicht aufgegriffen. Da ist es kaum verwunderlich, dass europaweit rechtsradikale Strömungen wachsen.

Gibt es denn einen bestimmten Typ Mensch, der sich an Flüchtlingen vergreift? 

Maaz: Sie wollen auf die angesprochenen Rechtsradikalen hinaus. Aber Nein. Das kann jeder sein. Man kann mit Knüppeln oder mit Worten protestieren, aber auch mit einer aggressiv geforderten Willkommenskultur. Bei all diesen Aktionen werden innere emotionale Spannungen abgeführt und wirkliche persönliche Schwierigkeiten verleugnet.

Woran liegt es, dass in den Ost-Bundesländern die Zahl der Übergriffe so hoch ist? 

Maaz: Übergriffe auf Flüchtlinge gibt es deutschlandweit. Man sollte nicht Ostdeutschland den Schwarzen Peter zuschieben. Im Osten kamen Enttäuschung, Kränkungen und Abwertungen im Vereinigungsprozess hinzu. Die Menschen hatten an Arbeit verloren, an Sozialstatus und Identität. Die Zeit, das Leben neu zu gestalten, war eine längere Zeit enormer Verunsicherung. Und damit sind viele auch Verlierer der Deutschen Einheit geworden. Es gab immense innere Verletztheit und die lässt sich gut auf Menschen projizieren, die noch schlimmer dran sind.

Wer ist schuld, dass die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte steigt? 

Maaz: Wir sind gut beraten, uns allen die Schuld zu geben. Nicht nur Politiker sind zu kritisieren oder Rechtsradikale zu verteufeln. Wir sind alle Betroffene der Flüchtlingsflut. Wir sind aber auch Täter, die durch ihren Lebenswandel für die Misere der Flüchtlinge verantwortlich sind. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir die Ursachen für Kriege, Dürren und Armut als Ursache der Flüchtlingsströme verstehen und bekämpfen müssen. Wir können nicht ganz Afrika oder Vorderasien aufnehmen.

Zur Person

Dr. Hans-Joachim Maaz (72) ist Psychiater, Psychoanalytiker und -therapeut. In Böhmen geboren, wuchs er in Sachsen auf und studierte in Halle Medizin. Maaz machte 1974 seinen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Ab 1980 war er bis zum Ruhestand 2008 Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle. Dort entwickelte er diverse Therapieformen, vor allem für Gruppen. Seit 2000 ist er Vorsitzender des Mitteldeutschen Instituts für Psychoanalyse Halle. Maaz ist verheiratet und leidenschaftlicher Autor. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher „Die narzisstische Gesellschaft“ (2012) und „Hilfe! Psychotherapie“ (2014). (jap)

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