HNA-Interview

Die Ängste der Deutschen: Schulden, Katastrophen

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Wenn wir uns fast den Kopf zerbrechen: Jeden Tag berichten Medien über Dinge wie Naturkatastrophen oder Terrorismus. Diese Dinge beschäftigen uns, machen uns Sorgen. Aber haben wir davor wirklich Angst?

„Die Ängste der Deutschen“ heißt eine Studie der R+V Versicherung, deren Ergebnisse für das Jahr 2013 jetzt vorliegen. Woher kommen Ängste eigentlich, und wann wird es gefährlich, Angst zu haben? Das fragten wir den Göttinger Psychologen und Angstforscher Borwin Bandelow.

Herr Bandelow, angeblich haben die Deutschen große Angst vor Naturkatastrophen und der Überforderung der Politiker, also vor Dingen, die nicht in ihrem Privatleben liegen. Woran könnte das liegen?

Borwin Bandelow: Da muss man zunächst unterscheiden: Es gibt Ängste, die die Menschen wirklich krank machen, und es gibt Dinge, die den Menschen Sorgen bereiten. Im Zusammenhang der Studie ist Angst also der falsche Begriff. Diese Angst ist eigentlich Sorge. Die Menschen lesen ja nicht morgens in der Zeitung von Naturkatastrophen oder von Politikern und bekommen dann eine Panikattacke.

Es wurde bei der Studie auch nach der Angst vor dem Zerbrechen der Partnerschaft gefragt. Ist das auch eher eine Sorge?

Bandelow: Nein, das kann tatsächlich in den Bereich der Angst gehen. Etwa wenn eine Frau mitbekommt, dass ihr Partner fremdgeht, ist es natürlich möglich, dass sie eine Panikattacke bekommt. Generell kann die Sorge, verlassen zu werden, schnell zur echten Angst und auch krankhaft werden. Auch für einen Menschen, der sich in einer stabilen Partnerschaft befindet.

Ab welchem Punkt müssen wir uns denn vor unserer eigenen Angst fürchten?

Bandelow: Die Übergänge sind da fließend. Jeder muss ein bisschen Angst haben, sonst kommt er nicht sicher durch den Straßenverkehr. Aber wenn jemand beispielsweise den halben Tag darüber nachdenkt, dass seine Angst ihn einengt - er also nicht verreisen möchte oder nicht rausgehen will oder nur noch mit Alkohol und Beruhigungsmitteln durch den Tag kommt - dann ist es Zeit, sich Hilfe zu suchen.

Bestimmen unsere Gene, wovor wir Angst haben, oder sind Erziehung und Erfahrung wichtiger?

Bandelow: Ängste werden zur Hälfte durch Lebensereignisse, Erfahrungen, Familienumstände und zum Teil auch Erziehung geprägt. Die andere Hälfte ist angeboren. Das geht zurück auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Wer Angst vor Spinnen, Schlangen oder Säbelzahntigern hatte, hat überlebt. Und das wurde eben mit den Genen an nachfolgende Generationen weitergegeben.

Gibt es Unterschiede bei den Ängsten von Frauen und Männern?

Bandelow: Ja, Frauen haben doppelt so viele Ängste wie Männer. Es könnte daran liegen, dass Frauen in unserer Gesellschaft Grund haben, mehr Angst zu haben. Allerdings sind bei Frauen auch die unnötigen Ängste, wie etwa vor Mäusen, häufiger als bei Männern.

Vor was haben Sie als Angstforscher eigentlich am meisten Angst?

Bandelow: Ich kann mich erinnern, dass ich früher Angst hatte, Vorträge zu halten. Aber je öfter ich es gemacht habe, desto kleiner wurde die Angst. Das ist liegt natürlich an der Gewohnheit. Man muss sich seiner Angst stellen.

Von Moritz Schäfer

Studie: Euro-Schuldenkrise beunruhigt die Deutschen

Steigende Lebenshaltungskosten und die Euro-Schuldenkrise stehen an der Spitze der Ängste-Skala der Deutschen. Dies ist das Ergebnis der Studie „Die Ängste der Deutschen“ der R+V Versicherung, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. 2500 Bürger werden dabei jährlich befragt. Bereits zum 14. Mal auf Platz 1 liegen die steigenden Lebenshaltungskosten.

Die Top-Ängste der Deutschen sind neben den steigenden Preisen (61 Prozent), Naturkatastrophen (56 Prozent) und im Alter auf Pflege angewiesen zu sein (55 Prozent). „Weil viele Lebensmittel teurer werden, ist die gefühlte Inflationsrate ungleich höher als die tatsächliche Inflationsrate von etwa zwei Prozent“, sagt Manfred G. Schmidt, Politologe an der Universität Heidelberg und Berater des R+V-Infocenters. Dagegen liegt die Angst vor Straftaten (24 Prozent) und das Zerbrechen der Partnerschaft (20 Prozent) auf den letzten Plätzen der Ängste-Skala.

Große Angst vor Euro-Krise

Seit drei Jahren ergänzt das R+V-Infocenter die 16 Standardfragen der Langzeitstudie um Sonderfragen zur Euro-Schuldenkrise. Dabei zeigte sich wie im vergangenen Jahr hier die größte Angst. 68 Prozent der Bundesbürger fürchten, dass sie die Kosten der Krisenbewältigung schultern müssen.

In Ost und West sind jetzt die Ängste erstmals in der Geschichte der R+V-Studie gleich hoch (41 Prozent). Der Angstindex - der Durchschnitt aller langjährig abgefragten Ängste - stieg im Vergleich zum Vorjahr um ein Prozent. Eine Überraschung der diesjährigen Studie ist, dass sich die deutschen Bürger um die Überforderung ihrer Politiker weniger Sorgen machen als zuvor. 2012 war dies mit 55 Prozent die zweitgrößte Sorge. In diesem Jahr sinkt diese Angst mit 45 Prozent auf Rang sechs.

Im Vergleich der Bundesländer haben die Deutschen in Sachsen-Anhalt (47 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (46 Prozent) und Brandenburg (44 Prozent) am meisten Angst. Hessen liegt in diesem Ranking mit 42 Prozent auf dem fünften Platz. Niedersachsen und Bremen (41 Prozent) teilt sich mit Schleswig-Holstein, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg den siebten Platz im Ängste-Ranking. In Berlin sind die Bürger am sorglosesten.

Die gesamte Studie unter: www.die-aengste-der-deutschen.de

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