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Österreich: Ärztin begeht wohl nach „Querdenker“-Drohungen Suizid

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Von: Tim Vincent Dicke

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Man werde sie töten und vor ein „Volkstribunal“ zerren: Vermutlich nach Drohungen aus der Impfgegner-Szene begeht eine Ärztin aus Österreich Suizid.

Vöcklabruck – Der Suizid einer österreichischen Ärztin, die von Impfgegnerinnen und Impfgegnern sowie sogenannten „Querdenkern“ massiv unter Druck gesetzt und bedroht wurde, sorgt bis über die Landesgrenzen der Alpenrepublik für Entsetzen und Bestürzung. Aktivistinnen und Aktivisten haben für Montag (01.08.2022) in der Wiener Innenstadt nun eine Gedenkveranstaltung angekündigt.

Dort soll mit einem Lichtermeer ab 20.30 Uhr still der Verstorbenen gedacht werden, wie der Initiator der Aktion #YesWeCare, David Landau, auf Twitter schrieb. Am Sonntagabend (31.07.2022) wollen Betroffene schon in der Stadt Steyr in Oberösterreich eine Mahnwache abhalten. Man wolle dort „für Fakten, Solidarität und die parlamentarische Demokratie“ gemeinsam einstehen, hieß es.

Suizid in Österreich: Schlimmste Drohungen gegen Ärztin

Neben diesen beiden Gedenkveranstaltungen soll es zudem Versammlungen in den österreichischen Städten Linz, Wels und Graz geben. Vor der Praxis der Ärztin in Oberösterreich und dem Gesundheitsministerium in Wien wurden zahlreiche Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.

Eine Frau steht vor dem Gesundheitsministerium in Wien vor Blumen und Kerzen, die für die verstorbene Ärztin niedergelegt wurden.
Eine Frau steht vor dem Gesundheitsministerium in Wien vor Blumen und Kerzen, die für die verstorbene Ärztin niedergelegt wurden. © Tobias Steinmaurer/dpa

Die Ärztin hatte ihre Praxis wegen Morddrohungen durch Gegnerinnen und Gegner der Corona-Maßnahmen geschlossen. Die Schreiben waren in ihrer Brutalität und Menschenverachtung beispiellos. So hieß es in einer Drohmail, die die Ärztin auf Twitter öffentlich machte: „Ich bin bewaffnet und habe eine Schrotflinte. Damit werde ich dir aber nicht die Rübe wegpusten, das wäre ja viel zu leicht und zu einfach.“ Der Unbekannte kündigte an, einem Mitarbeiter der Ärztin die Kehle durchzuschneiden und dass sie dabei zugucken müsse.

In einer anderen Mail stand, dass man die Ärztin beobachte und plane, sie vor ein „Volkstribunal“ zu bringen, wo sie dann nach der Pandemie bestraft werde.

Österreich: Gesundheitsminister nach Suizid von Ärztin bestürzt

Die Medizinerin fühlte sich nach Angaben aus ihrem Umfeld nicht genügend von Polizei und Behörden gegen die Angriffe geschützt. Die Medizinerin hatte über längere Zeit Polizeischutz erhalten, nach eigenen Angaben aber auch selbst rund 100.000 Euro für Schutzmaßnahmen ausgegeben. „Die Sicherheitskosten übersteigen den Gewinn einer Hausarztpraxis um ein Vielfaches“, schrieb die Ärztin auf Twitter.

Ihr Tod wurde am vergangenen Freitag (29.07.2022) bekannt. Die Politik zeigte sich entsetzt. „Als Ärztin hat sie ihr Leben der Gesundheit und dem Wohlergehen anderer gewidmet. Morddrohungen gegen sie und ihre Mitarbeitenden waren brutale Realität“, schrieb der österreichische Gesundheitsminister Johannes Rauch auf Twitter über die Verstorbene. Hass gegen Menschen sei unentschuldbar, so der Politiker. Berichten zufolge hinterließ die Ärztin drei Abschiedsbriefe.

Kein „Fremdverschulden“? Kritik an Polizei in Österreich

Die Polizei ermittelt wegen der Drohschreiben weiter gegen Unbekannt. Es werde auch nach dem Tod weiter ermittelt, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Derzeit gehen die Behörden davon aus, dass es kein „Fremdverschulden“ gegeben habe.

In sozialen Netzwerken sorgt dieses Wording der Polizei für Kritik, da viele Menschen die extremen Drohungen als verantwortlich für den Suizid ansehen. So äußerte beispielsweise der Journalist Hasnain Kazim: „Ich sehe da ganz deutlich ein Fremdverschulden. Ich bin entsetzt und trauere. Ich hoffe, das wird Konsequenzen für die Verantwortlichen haben.“ (tvd/dpa)

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de. Hilfe bietet auch der Krisendienst Frankfurt unter 069-611375. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.bsf-frankfurt.de.

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