Endstation Sicherheit

Afghanischer Jugendlicher floh vor Taliban und landet in Nordhessen

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„Ich warte nicht auf die Antwort der Ausländerbehörde, ich lebe einfach.“ Sailab ist aus Afghanistan geflohen, um in Europa eine Zukunft zu haben und nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Hier lebt er den Alltag eines 16-Jährigen.

Waldeck-Frankenberg. Ein Jungen aus Afghanistan flüchtet vor den Gefahren in seinem Land und landet schließlich in Nordhessen. Hier erzählt er die Geschichte seiner langen Reise.

Seine schwarze Hose ist etwas zu groß, das Jeanshemd trägt er locker über einem engen Shirt. Sailab (Name geändert) lehnt sich in den Sessel wie ein ganz normaler Jugendlicher. Sailab spielt Fußball, geht ins Fitnessstudio, hat eine Freundin. Was ihn von seinen Mitschülern unterscheidet:
Als 14-Jähriger ist er aus seinem Heimatland Afghanistan geflüchtet. Allein. Seine Geschwister im Alter von acht, elf und 13 Jahren sind noch in der Heimat. Seinen kleinsten Bruder (2) kennt er nicht. Er wurde geboren, als Sailab auf der Flucht war.

„Einmal wurden ein paar Jungs und ich von den Taliban verhaftet, die wollten uns für den Dschihad gewinnen“, erzählt Sailab. Eine Schlüsselsituation. Er spricht leise und bedacht, knetet seine Hände angespannt. Wenn er etwas aus seiner Zukunft machen wolle, dann müsse er weg aus dem Land, das sagten auch seine Eltern. Sein Vater plante ihm die Flucht nach Europa und bezahlte den größten Teil der Kosten vorab.

Alles war geheim

„Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und ich natürlich auch, klar.“ Der Vater brachte ihn nach Kabul, dort ging die Reise los. „Ich wusste nicht, dass ich in Deutschland lande. Nicht einmal, wie die Route verläuft. Das war alles geheim.“ Mit knapp 200 Euro Notfallgeld und einem Rucksack stieg er in Kabul in den Flieger nach Teheran, das war im November 2011. Dort verbrachte er drei Tage, bis es vom Flughafen mit dem vollbesetzten Auto mehrere Stunden in Richtung Türkei weiterging. „Die setzten uns in Van ab und meinten, wir müssten zwei Stunden bis in eine Stadt laufen, von wo aus ein Bus nach Istanbul geht. Tatsächlich liefen wir über 13 Stunden durch den Schnee. Die haben uns ständig angelogen.“ Die, damit meint er seine Schlepper.

In Istanbul schlief er im Hotel - nach drei Tagen kam ein Zeichen, dass es weitergeht. „Ein Auto brachte uns zum Hafen und dann fuhren wir in einem Boot mit sieben Jungs über das Ägäische Meer nach Griechenland. Ich glaube, wir kamen in Alexandroupoli an.“

Die Gruppe junger Männer ging zu Fuß weiter, wohin genau, das wisse Sailab nicht mehr. Nur, dass da plötzlich die Polizei war und sie zwang, in ein Auto einzusteigen. „Wir übernachteten bei der Polizei und sie sagten uns, am nächsten Morgen sollten wir mit dem Zug nach Athen fahren. 70 Euro musste ich für mein Ticket bezahlen.“

In Athen verbrachte er dann fünf Monate. Im Hotel, für sechs Euro am Tag. „Wir sind nachmittags aufgestanden und den ganzen Tag in der Stadt herumgelaufen. Jeden Tag hätte einer kommen können, der sagt: In zwei Tagen geht es weiter.“ Im Mai 2012 kam dann einer. „Ich musste alles im Hotelzimmer lassen, auch den Pass.“ Mit dem Lkw wurden Menschen aus der Stadt eingesammelt, der Lkw fuhr auf ein Schiff und damit ging es nach Italien. „Abends um zehn kamen wir in einem kleinen Dorf an und suchten erstmal den Bahnhof, das war im Dunklen nicht so einfach.“

Am nächsten Morgen um 6 Uhr ging ein Zug nach Mailand und von dort aus fuhr Sailab wenige Stunden später weiter nach Frankfurt.

In Deutschland fand Sailab erstmals Ruhe

In Frankfurt angekommen, meldete er sich bei der Polizei. „Ich konnte ein bisschen Englisch, das hat mir geholfen.“

Am 5. Mai 2012 kam Sailab (Name von der Redaktion geändert) in die Frankfurter Clearing-Stelle des Jugendamtes und wurde in ein Wohnheim gebracht und es kehrte zum ersten Mal Ruhe in sein Leben. Nach drei Monaten stand fest, wo bis zu seiner Volljährigkeit sein Wohnsitz sein würde: In einem Ort im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Heute ist Sailab 16, lebt in der Wohngruppe eines Kinderheimes und besucht die 9. Klasse einer Realschule. Sein Ziel ist es, eine Ausbildung zum Automobilkaufmann zu machen - am besten fängt er noch vor seinem 18. Geburtstag damit an, dann ist die Wahrscheinlichkeit, ein Bleiberecht zu bekommen, höher.

„Ich habe es bis hierher geschafft und hier will ich auch bleiben“, sagt er fest entschlossen. Mit seiner Familie steht er erst seit drei Monaten in Kontakt. Zu ihrem Schutz durfte er bis dahin keinen Kontakt aufnehmen.

Von Anna Lischper

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