Interview mit Theologe Jonas Koudissa: „Afrika muss eigene Wege finden“

Geflohen vor Rebellen und Putschisten: Sony Dsc Nasarata Al Housseini und zwei ihrer fünf Kinder aus Mali sitzen im Flüchtlingslager in Maingaize im Niger. Archivoto: dpa

Tausende von Afrikanern versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen. In diesem Jahr ertranken dabei bisher 3000 Menschen. Helfen können den Migranten nur Reformen in ihrer Heimat, sagt der Theologe und Politikwissenschaftler Jonas Koudissa.

Droht Europa von einer Flüchtlingswelle aus Afrika überrollt zu werden oder vermitteln die Katastrophenbilder aus Lampedusa und den Kanaren ein schiefes Bild? 

Jonas Koudissa: Die Lage im Mittelmeer bedeutet keine Flüchtlingswelle aus Afrika. Aber sie weist darauf hin, dass sich die Situation der Menschen in Afrika dramatisch verschlechtert hat, sodass sie solche aussichtslosen Aktionen auf sich nehmen.

Die UN schätzen, dass bis 2050 rund 18,4 Millionen Afrikaner ihr Heimatland verlassen werden. Sind die Dramen vor Lampedusa erst der Anfang? 

Koudissa: Ja. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass diese Bilder allein durch eine weitere Verschärfung der Migrationspolitik oder durch noch mehr Grenzkontrollen verschwinden werden. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Studie in Auftrag gegeben, die 2010 zu denselben Ergebnissen kam wie die UN: Aufgrund der gravierenden Unterschiede in Demografie, Politik, Wirtschaft und Umwelt ist das Migrationspotenzial aus Afrika sehr ernst zu nehmen.

Inwieweit hat sich die Situation in Afrika verschlechtert? 

Koudissa: Zum einen drängt die Globalisierung immer mehr Menschen an den Rand. Das kennen wir von Europa. In Afrika ist das aber noch dramatischer. Zum anderen haben sich nach dem Ende des Kalten Krieges die westlichen Nationen weitgehend aus Afrika zurückgezogen und zusammen mit Weltbank und IWF den afrikanischen Staaten politische und Wirtschaftsreformen aufgezwungen.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? 

Koudissa:  Die beste Lösung, um Migrationsströme zu verringern, sind strukturelle Veränderungen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Das wissen wir spätestens seit der Osterweiterung der EU.

Wie sollen diese Veränderungen aussehen? 

Koudissa: Wir brauchen funktionierende Staaten in Afrika. Das setzt voraus, dass in die Führungsetagen die Menschen kommen, die demokratisch legitimiert sind. Da sind in erster Linie die Afrikaner selbst gefragt, aber Europa kann dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Allerdings geht es nicht darum, politische Institutionen zu importieren, sondern Afrika muss eigene Wege finden, aber Europa kann es an die Hand nehmen, wie das Beispiel Südafrika gezeigt hat.

Was kann Europa noch tun? 

Koudissa: Die Europäer müssen aufhören, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Handelsabkommen und Agrarpolitik der EU, Fischereiverträge und auch das Agieren vieler europäischer Unternehmen in Afrika stehen im krassen Gegensatz zu dem propagierten Credo von Rechtsstaatlichkeit und Fairness. Wenn man die Verdienstmöglichkeiten der Afrikaner zerstört, darf man sich nicht wundern, dass Schleuserbanden entstehen und die Fischer dafür ihre Boote zur Verfügung stellen.

Die EU setzt nun auf den Ausbau des Handels mit Afrika statt auf Entwicklungshilfe. Wie ist zu gewährleisten, dass die breite Bevölkerung davon profitiert? 

Koudissa: Zunächst einmal müssen diese Länder transparent regiert werden. Aber es reicht nicht, den Handel auszubauen. Die Bedingungen müssen sich ändern. Die Verträge müssen auf Augenhöhe gemacht werden. Fairness bedeutet eigentlich, diejenigen zu bevorzugen, die am meisten benachteiligt werden. Doch bisher sieht es nicht danach aus: Wenn ich die Bestrebungen der EU und der USA sehe, einen Kreis der Auserwählten zu bilden, sehe ich die Zukunft Afrikas noch düsterer.

Waren die Forderungen der westlichen Länder und der Geberorganisationen nach Reformen mit schuld an der dramatischen Situation? 

Zur Person:

Dr. Dr. Jonas Koudissa(54) stammt aus der Republik Kongo und lebte über 20 Jahre in Deutschland. Er studierte in Brazzaville (Kongo), Münster, Bonn und Tübingen Philosophie, Theologie und Politikwissenschaft. Seine Dissertationen schrieb er in Münster über die Demokratiefähigkeit zentralafrikanischer Staaten (Politikwissenschaft, 1998) sowie an der Uni Tübingen über das afrikanische Flüchtlings- und Migrationsproblem (Theologie, 2013.)

Koudissa ist katholischer Priester und arbeitet im Auftrag der kongolesischen Bischofskonferenz am Aufbau einer katholischen Akademie für Ethik in Brazzaville. Sie will neue, verantwortungsbewusste Führungskräfte für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herausbilden. (wll)

Koudissa: Ja. Nur in wenigen afrikanischen Ländern hat die Demokratisierung in den 90erJahren zu einem Erfolg geführt. In den meisten Staaten hat sie die Lage destabilisiert. Noch nie war die Anzahl von Bürgerkriegen und ethnischen Konflikten so groß. Die Forderung nach Privatisierung der vorher staatlichen Betriebe hat de facto wichtige Bestandteile der Wirtschaft in ausländische Hände verlagert. Also treffen die Globalisierung und der verstärkte Wettbewerb Afrika noch härter als Europa. Heute sind zum Beispiel Sozialleistungen wie Schulen oder medizinische Versorgung zusammengebrochen und die Preise für Wasser und Strom sind stark gestiegen.

Bedeutet das auch, dass die klassische Entwicklungshilfe versagt hat?

Koudissa: Ja. Sie sollte abgeschafft werden. Sie führt nur zur Verwaltung der Armut und zum Erhalt der ungerechten Verhältnisse. Die einzige Entwicklungshilfe, an die ich glaube, ist die subsidiäre - das heißt Initiativen von unten, ohne staatliche Eingriffe. Staaten verteilen in aller Regel keine Almosen, sondern machen Geschäfte. Auch viele NGOs, also nicht staatliche Organisationen, leben inzwischen von der Hilfe. Sie verbrauchen mehr Spendengeld für sich selbst, als bei den Betroffenen ankommt. Zudem versetzen sie Menschen in Abhängigkeiten, aus denen sie nicht mehr herauskommen.

Viele Grenzen in Afrika wurden von den Kolonialmächten gezogen ohne Rücksicht auf ethnische Zugehörigkeiten der Menschen. Ist das auch eine Erklärung für die mangelnde politische Stabilität?

Koudissa: Leider ja. Eigentlich wäre es schon an der Zeit, diese Grenzen zu ignorieren, weil sie willkürlich gezogen wurden. Sie sind ohnehin durchlässig. Kaum ein Staat hat die Kraft, sie zu kontrollieren. Nicht einmal die Immigration innerhalb Afrikas hat man unter Kontrolle. Europa hat uns gezeigt, dass man Grenzen öffnen kann, ohne dass die Staaten deshalb zusammenbrechen. Regionale Gemeinschaften in Afrika könnten der Weg zu einer echten afrikanischen Union sein. Die Menschen dort wissen das und leben es uns schon vor.

Hintergrund: Weltweit auf der Flucht

51,2 Millionen Menschen waren nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) 2013 auf der Flucht. 33,3 Millionen blieben in ihrem Land, 16,7 Millionen flohen über die Grenzen, 1,2 Millionen beantragten Asyl. Das UNHCR kümmert sich um 11,7 Millionen Flüchtlinge. Mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus Syrien, Afghanistan und Somalia.

116.659 Asyl-Erstanträge wurden nach Angaben des Innenministeriums von Januar bis Ende September in Deutschland gestellt - 57,2 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Die drei größten Gruppen der Asylbewerber kamen aus Syrien (24 804 Anträge), Serbien (16.936) und Eritrea (9635). In den 28 EU-Ländern beantragten im ersten Halbjahr nach Zahlen der Statistikbehörde Eurostat 230.330 Menschen Asyl, 74.790 von ihnen in Deutschland.

Infos: 

Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (2010): http://zu.hna.de/afrika20

Flüchtlingszahlen des UNHCR:

http://zu.hna.de/flucht20

Interaktive Karte der Flüchtlingsorganisation IOM:

http://zu.hna.de/migranten20

In absoluten Zahlen beantragen damit in Deutschland mehr Flüchtlinge Asyl als in jedem anderen EU-Land. Zum Vergleich: In Schweden kamen im ersten Halbjahr 31.870 Asylbewerber an, in Frankreich 31.260. Setzt man aber die Zahl der neuen Asylbewerber ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, sieht die Sache ganz anders aus: Schweden liegt dann mit 3315 Asylbewerbern pro Million Einwohner EU-weit an erster Stelle, gefolgt von Malta (1420). Deutschland und Zypern liegen gleichauf an dritter Stelle (930 Asylbewerber/Million Einwohner)

10 der 20 größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen liegen nach UN-Angaben auf dem afrikanischen Kontinent: In den Libanon flohen 2013 rund 857.000 Menschen, nach Jordanien 642 000. Kenia nahm 535.000 Flüchtlinge auf, der Tschad 434.000.

4077 Migranten kamen in den ersten neun Monaten 2014 bei Grenzübertritten ums Leben, errechnete die Internationale Organisation für Migration (IOM). Allein 3072 Flüchtlinge starben im Mittelmeer.

Von Barbara Will

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