Nazis als Nachkriegsspione: Bundesnachrichtendienst gibt 900 Seiten geheime Unterlagen frei

Die Akte Rauff: SS-Kameraden beim BND

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Siemon Wiesenthal, Holocaust-Überlebender und Nazi-Jäger, 1973 mit dem Foto von SS-Standartenführer Walther Rauff (links). Im Dritten Reich organisierte Rauff den Bau von Gaswagen (rechts, als Krankenwagen getarnt) für den Massenmord an Zivilisten.

Berlin. Fachleute bleiben Fachleute - und die werden immer gebraucht: Walther Rauff etwa, SS-Standartenführer und als Nazi-Geheimdienstler in Hitlers Reichssicherheitshauptamt (RSHA) für die Entwicklung fahrbarer Gaskammern zuständig, machte nach dem Krieg Geschäfte in Südamerika - für Mercedes Benz und Opel, für Bayer, Adler und Stinnes.

Was Rauff für den Bundesnachrichtendienst (BND) dort als Agent „V-7410“ getrieben hat, kommt erst jetzt offiziell ans Licht. Und bald auf 900 Seiten frei zugänglich ins Bundesarchiv.

Der Dienst lässt nach 50 Jahren seit 2011 auch schwierige Kapitel seiner Geschichte historisch aufarbeiten. Kürzlich wurde die Akte Rauff veröffentlicht: Danach stand der hochrangige Alt-Nazi, gegen den das Amtsgericht Hannover 1961 wegen 97 000-fachen Mordes in den Gaswagen Haftbefehl erließ, von 1958 bis 1962 als nachrichtendienstliche Verbindung auf der Honorarliste des BND. 70 000 DM ließ der sich Rauffs Dienste kosten - bis auffiel, dass seine Informationen weitgehend wertlos waren. Erst wurden deshalb die monatlichen Schecks gekürzt, dann V-7410 abgeschaltet. Rauffs größter Misserfolg aus Sicht seiner Auftraggeber: Eigentlich sollte er als Geschäftsmann getarnt Fidel Castros Kuba ausspionieren. Dummerweise bekam er aber keine Einreiseerlaubnis.

Flucht aus einem Internierungslager der Alliierten in Italien 1947, über Syrien und Ägypten nach Südamerika: Rauffs Wechsel aus dem Nazi-Apparat ins Zivilleben war für Leute seines Kalibers längst eingefädelt.

Alte SS-Seilschaften sorgten fürs Fortkommen. Selbst den Spionage-Job für anfangs 2000 DM im Monat verschafften Rauff zwei Ex-SS-Offiziere, die wie viele andere aus Hitlers Diensten vor ihm beim BND angeheuert hatten.

Fachmann bleibt Fachmann: Verantwortliche des BND wussten „von Beginn an über Rauffs Vergangenheit und Funktion im RSHA“ Bescheid, sagt Historiker Bodo Hechelhammer, der die Aufarbeitung der Geheimdienst-Geschichte leitet. Ein Hinderungsgrund zur Zusammenarbeit war das in den 50er-/60er-Jahren nicht. Auch zwei Gestapo-Leute aus Kassel sollen Forschungen zufolge so nach dem Krieg wieder in Lohn und Brot gekommen sein.

Erst aus 1984, dem Jahr als Rauff mit fast 78 an Krebs starb, fand sich eine interne Aktennotiz, die seinen BND-Einsatz „unzweckmäßig und politisch instinktlos“ nennt.

Im Dezember 1962, kurz nach dem Rauswurf beim BND, wurde Rauff in Chile kurzzeitig verhaftet. Die Bundesrepublik hatte wegen des Vorwurfes der Beihilfe zum Völkermord seine Auslieferung beantragt. Abgelehnt - längst verjährt, hieß es in Chile. Rauff wurde Fischfabrikant und blieb, wo er war. Daran änderten auch Einsätze der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und Beate Klarsfeld und eine Resolution des Europaparlaments nichts.

Hintergrund: Zügiger Aufstieg in Heydrichs SD

1906 in Köthen geboren, Abitur in Magdeburg, Eintritt in die Reichsmarine mit 18, Mitglied der NSDAP 1937 und der SS ein Jahr später: Walther Rauffs Weg führte zügig in den Sicherheitsdienst (SD), der als Geheimdienst von NSDAP und SS gegründet worden war. Der SD (Chef bis 1942: Reinhard Heydrich) war maßgeblich an der Aufstellung der SS-Einsatzgruppen beteiligt. Sie wurden im Polenfeldzug 1939 und im Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945 für Massenmorde an Zivilisten, vorrangig auch Juden, eingesetzt.

Hintergrund: Gaskammern auf Rädern

Zum Massenmord an Zivilisten durch Erschießung oder Sprengstoff suchten die Nazis hinter den Kampflinien des Krieges im Osten bald Alternativen: Erschießungen seien "für die Männer, die damit befasst wurden, eine erhebliche Belastung" gewesen. "Diese Belastung entfiel durch den Einsatz der Gaswagen", sagte Walther Rauff später. Er vergab als Gruppenleiter II D des Reichsicherheitshauptamts (RSHA) die Aufträge zu ihrem Bau - Lkw-Fahrgestelle mit geschlossenem Kasten, in den Motorabgase geleitet wurden.

"Seit Dezember 1941 wurden mit drei Wagen 97 000 verarbeitet, ohne daß Mängel an den Fahrzeugen auftraten", heißt es in einem Geheimvermerk für Rauff vom 5. Juni 1942. "97 000 verarbeitet", hieß in der zynischen Sprache der Nazimörder: 97 000 Menschen wurden vergast.

Rauffs Mitarbeiter August Becker, der drei Jahre beim SS-Regiment "Germania" in Arolsen stationiert war, meldete 1942 von einer "Dienstreise" aus Kiew: "Die Wagen (...) habe ich als Wohnwagen tarnen lassen, indem ich an den kleinen Wagen auf jeder Seite einen, an den großen (...) zwei Fensterläden anbringen ließ, wie man sie oft an Bauernhäusern auf dem Lande sieht."

Quelle: BND/www.ns-archiv.de

Links zu Dokumenten

BND zur Freigabe der Akte Rauff (mit Dokumenten-Download)

Auschwitz auf Rädern (Vermerk „Technische Abänderungen an den im Betrieb eingesetzten und an den sich in Herstellung befindlichen Spezialwagen“ / Geheime Reichssache, 5. Juni 1941)

Bauernhaus-Fensterläden zur Tarnung (Schreiben von SS-Untersturmführer August Becker an Walther Rauff / Geheime Reichssache, 16. Mai 1942)

„Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden“ (Mathias Beer in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 35/1987, S. 403 – 417)

Von Wolfgang Riek

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