AKW-Block Saporoschje wieder am Netz

Strahlenmessung nach Schichtende: Arbeiter des Atomkraftwerks Saporoschje – ein Bild von 1992. Archivfoto: dpa

Was ist eigentlich los mit dem Atomkraftwerk Saporoschje, das kürzlich für so viel Aufregung sorgte? Seit Tschernobyl reagiert die Welt mit Misstrauen auf Informationen aus Kiew und Moskau.

Saporoschje. Es war dieses belastete Technokraten-Wort „Havarie“, mit dem schon 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl kleingeredet werden sollte. Und es war die Nähe zum Kampfgebiet in der Ostukraine, die Meldungen vom angeblichen Atomunfall in Saporoschje, Europas größtem AKW, vergangenen Mittwoch um den Globus jagten. Dann die Entwarnung: Kleine Kurzschluss-Panne, keine auffällige Strahlung, meldeten Greenpeace, Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und Umweltministerium. Nachbarstaten messen alle, die deutsche Botschaft in Kiew betreibt selbst eine Station zur Kontrolle der Ortsdosisleistung.

Der verdächtige Reaktorblock, der dritte von sechs 1000-MW-Meilern am Dnepr-Ufer, sei seit Freitagabend wieder am Netz, hieß es im Büro der Bundestagsabgeordneten und Atomexpertin Silvia Kotting-Uhl (Grüne). Alles nur ein Missverständnis? Hat der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk die Havarie-Meldung gedankenlos oder ganz gezielt in die Welt gesetzt hat, um häufige Stromabschaltungen in der einstigen Sowjetrepublik irgendwie zu rechtfertigen?

Im Informationskrieg zwischen der Ukraine und Moskau meldete der staatliche Radiosender Stimme Russlands seine ganz eigene Deutung der Panne: Kiew habe die Sache zunächst totgeschwiegen und gründe jetzt ein Ministerium für Informationspolitik. Das solle „das Image der Ukraine schüren und den ukrainischen Informationsraum vor schädlichen Einwirkungen von außen schützen“, heißt es auf der holperig übersetzten Homepage.

Befürchtungen, Ukraine-AKW könnten Ziel von Attentaten werden, sind bis ins Europaparlament hinein bekannt. Bis heute sind weite Teile Weißrusslands, Regionen der Ukraine und Russlands vom Tschernobyl-GAU am 26. April 1986 atomar verseucht. Der Sarkophag, der die Meilerruine umschließt, bröckelt. Die neue Hülle hat eine Finanzierungslücke von über 200 Mio. Dollar. Nach Tschernobyl legte die Ukraine Reaktoren gleichen Typs still. Ausstieg ist aber kein Thema: 40 Prozent des sowieso zu knappen Stroms kommen aus AKW - für Alternativen hat das bankrotte Land kein Geld. In ukrainischen Medien fand Saporoschje kaum Beachtung.

Schon Tschernobyl ließ die Propagandamaschinen laufen: Kurz nach dem GAU warf der Kreml „gewissen Kreisen“ in der Bundesrepublik vor, den Reaktorunfall zu „unsauberen politischen Zielen, zum Schüren feindseliger propagandistischer Kampagnen“ gegen die UdSSR missbrauchen.

Helmut Kohl, damals Bundeskanzler, warnte Bayerns CSU-Jugend beim JU-Kongress, sich trotz der „Heimsuchung“ durch Tschernobyl keine Zukunftsängste und „törichten Kulturpessimusmus aufreden“ zu lassen. Die Berichterstattung im Westen war zäh, ganz robust frisierte sich die DDR den GAU zurecht: Erst liefen Zeitungsmeldungen ganz klein und weit hinten. Elf Tage später startete das wichtigste Radrennen im Osten, die Friedensfahrt, in Kiew, nur 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Der DDR-Radsportstar Olaf Ludwig durfte aber nicht „strahlender Sieger“ genannt werden.

Gern erzählen sich nordhessische Feuerwehrleute, wie sie am Wochenende nach dem GAU verstrahlte Lkw aus dem Osten an der Grenze zur DDR in Herleshausen abwaschen mussten. Das Wasser wurde aufwendig aufgefangen - und dann doch in Kassels Kläranlage gekippt. Jeder Regen war stärker radioaktiv belastet.

Von Wolfgang Riek

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