Die erneute Erkundung des Salzstocks in Gorleben spaltet Gemeinden im Wendland

Alte Gräben reißen auf

Andreas von Bernstorff

Gartow. Idyllisch wirkt der Landstrich an der Elbe - gerade im Frühling. Ein Ferienmagazin wirbt für das niedersächsische Wendland mit Natur pur, drum herum stehen niedliche Fachwerkhäuser.

In Gorleben und im Elbe-Ort Gartow allerdings ist das gemütliche Landleben getrübt, die Stimmung gereizt. Die von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene Weitererkundung des Salzstocks Gorleben als Atommüll-Endlager reißt alte Gräben wieder auf.

Die Befürworter des seit den 70er-Jahren umstrittenen Projekts erhoffen sich einen Aufschwung für die strukturschwache Gegend. Die Gegner wollen sich mit ihren Protesten nicht aufhalten lassen.

„Die Region ist tief gespalten. Das geht von der Politik bis runter an jeden Geburtstagstisch“, sagt der Landrat des Kreises Lüchow-Dannenberg, Jürgen Schulz (parteilos). Für dieses Jahr erwartet er weit mehr Protestaktionen als in den Vorjahren. Denn der Kurs der CDU/FDP-Koalition in Berlin bringt Atomkraftgegner auf die Palme.

Der Gartower Architekt Günther Herbst ist einer, der für die Protestbewegung lebt, auch wenn er in seiner Familie teils als „Spinner“ abgetan wird. „Da bleib ich auch Chaot. Wir können nicht kompromisslos aufgeben.“ Der 71-Jährige kann Streitereien um Gorleben kaum aus dem Weg gehen. „Durch meine Familie geht ein Riss“, sagt er.

In seinem Wohnort, wo Herbst ein altes Sägewerk betreibt, steht er einem breiten Lager von Befürwortern gegenüber. Er nennt sie „die schwarze Liga“ und meint die konservativen Wähler. Im Gartower Gemeinderat hat die CDU die Mehrheit. Dort zieht aber auch die SPD mit - anders als die Sozialdemokraten in Land und Bund.

Die Atomkraftgegner werfen dem Gemeinderat vor, sie ließen sich von der Politik und der Atomwirtschaft schmieren. Rund 840 000 Euro pro Jahr erhält Gartow seit der Ansiedlung von Anlagen wie dem oberirdischen Zwischenlager für Atommüllbehälter. „Das ist nicht schlecht, damals hat man gut verhandelt“, meint Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Schröder (CDU). „Das ist Maul-Stopf-Geld“, schimpft jedoch Gerhard Has, von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. „Die Gier nach Geld“ nennt es sein Freund Herbst.

Lokalpolitiker dagegen hegen jetzt umso größere Erwartungen, dass der Bund Geld als Ausgleich für ein Atomendlager fließen lässt. Damit wollen sie den Tourismus voranbringen und die Verkehrsanbindung verbessern, wie in einem Schreiben an Umweltminister Röttgen anklingt. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg hat nicht nur die dünnste Besiedlung in Niedersachsen mit weniger als 50 000 Einwohnern, er ist auch von großen Verkehrsachsen abgeschnitten.

Landrat Schulz steckt da im Dilemma. Der Landkreis hat riesige Schulden. Dennoch lehnt sich die Mehrheit im Kreistag gegen das Gorleben-Projekt auf. „Ich kann für den Landkreis nicht so weit gehen, dass wir uns um des Geldes willen verkaufen und Gorleben zustimmen“, sagt Schulz.

Für die Bevölkerung im Wendland kann das Endlager-Projekt zum Nervenkrieg werden. „Es ist leider so, dass alte Wunden wieder aufbrechen“, meint einer der Atomkraftgegner, Andreas Graf von Bernstorff, dessen Familie rund 6000 Hektar Wald besitzt. Ihm gehört auch ein Teil des Salzstocks. Er hatte sich aber einst geweigert, seine Salzrechte für die Erkundung zu verkaufen. Nun befürchtet er, dass sich die Auseinandersetzungen verschärfen. „So eine Dorfgemeinschaft bricht eben irgendwann auch auseinander.“ (lni)

Von Monika Wendel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.