Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl Bundeskanzler

Altkanzler kämpft um sein politisches Vermächtnis

Wieder in der Fraktion: Mit einem Bekenntnis zum Ausbau Europas und zur Union als seiner politischen Heimat ist Altkanzler Helmut Kohl nach zehn Jahren erstmals wieder in die CDU/CSU-Fraktion gekommen. „Hier ist meine Heimat, hier bin ich zu Hause“, sagte Kohl gestern zu den Abgeordneten.

Er könnte so viel sagen. Doch es geht kaum noch. Anders als sein weiterhin agiler Vorgänger, der ungeteilt verehrte Helmut Schmidt, den er vor 30 Jahren nach einem steinigen Weg zur Macht als Kanzler ablöste.

Der „schwarze Riese“, der einst Weltpolitik machte, ist nach einem schweren Sturz 2008 ein gebrochener Mensch: Gefangen in seinem Körper und an den Rollstuhl gefesselt, kann Helmut Kohl sich nur noch mühsam verständigen.

Versäumnisse und Fehler

Die Selbstausbeutung des Mannes, der 16 Jahre regierte, so lange wie kein Kanzler zuvor, fordert ihren Tribut. Auch wenn ihm gestern noch einmal in der Fraktion die große Bühne bereitet wurde, hat Kohl (82) auch politisch für seine Versäumnisse und Fehler büßen müssen. Die Spendenaffäre kostete ihn die CDU-Ehrenmitgliedschaft und beendete die Freundschaft mit Wolfgang Schäuble. Jetzt wird er für seine Europapolitik kritisiert.

Der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf wirft ihm im Focus eine Mitschuld an der Euro-Krise vor. Und Kohls Biograf Hans-Peter Schwarz sieht in dessen Europa-Idealismus seine mögliche politische Tragik. Kohl habe Gutes gewollt, „aber leider im Übermaß und zu vertrauensvoll“. Scheitert der Euro, wäre auch Kohl gescheitert.

Erstmals nach zehn Jahren: Altkanzler Kohl besucht Unionsfraktion

Erstmals nach zehn Jahren: Altkanzler Kohl besucht Unionsfraktion

Nach dem Freitod seiner Frau Hannelore im Juli 2001 wurde Helmut Kohls Privatleben in einem unvergleichlichen Maß öffentlich. War diese Tragödie womöglich der bitterste Preis seines Politikerlebens, ausgelöst nicht nur wegen ihrer Lichtallergie, sondern auch durch den Druck der Spendenaffäre? Sohn Walter beschrieb später in dem Buch „Leben oder gelebt werden“ die Spannungen und Verwerfungen einer Familie, in der sich alles dem Vater und seiner Politik unterzuordnen hatte.

Glaubt man den Spiegel-Autoren Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit, wird dieser Mann der großen Geschichte weiter vergemeinschaftet werden. Kohls einstiger Memoiren- Ghostwriter und jetziger Widersacher, Heribert Schwan („Ich kenne seine Schwächen“), der bereits ein Buch über Hannelore Kohl verfasste, hatte einst acht Jahre mit ihm zusammengearbeitet, alle Akten einsehen können. Nun plant er ein Enthüllungsbuch, das Schwans eigene Deutungshoheit dokumentieren soll. Kohl muss zu Lebzeiten womöglich mitansehen, wie seine Geschichte gefleddert wird.

Neue Bilder sind seit einigen Jahren veröffentlicht worden, die Kohl innig mit einer neuen Frau zeigen. Hat er sein privates Glück wiedergefunden? 2005 präsentierte er die Siegener Volkswirtin Maike Richter (48), die als Referentin im Kanzleramt gearbeitet hatte, als neue Lebensgefährtin. 2008 heirateten beide in der Kapelle einer Reha-Klinik in Heidelberg.

In Kohls Leben hätten stets starke Frauen eine Rolle gespielt, schreibt Hans-Peter Schwarz und verweist auf eine Linie von Kohls Mutter Cäcilie bis zur Büroleiterin Juliane Weber. Womöglich ist Maike Kohl-Richter zu stark. Der einstige Weltenlenker wird von ihr fremdbestimmt. So zumindest beschreibt es der aktuelle Spiegel. Der Bungalow in Ludwigshafen sei eine Festung, Kohls Frau habe seinen Hofstaat durcheinandergewirbelt. Dafür werde sie von allen, denen der Zugang verwehrt wird, darunter die Söhne und Juliane Weber, „wie eine Lady Macbeth von Oggersheim“ betrachtet.

So könnte Maike Kohl-Richter für Kohl Segen und Fluch zugleich sein, meint der Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Ein Segen, weil sie diesem von Krankheit gezeichneten Mann zu leben hilft; ein Fluch, weil sie ihn isoliert.

Von Ullrich Riedler

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.