2500 Menschen starben 2014 im Wasser

Amnesty zu Flüchtlingstragödien im Mittelmeer: "Erpresst und misshandelt"

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Dem Tod im Meer entronnen: Boot mit 200 Flüchtlingen vor der Küste Lampedusas.

Brüssel/Lampedusa. Für Mohamed (33) und seine Frau Rada (25) beginnt die Katastrophe, als in Syrien der Krieg ausbricht: Sie fliehen mit ihren beiden Kindern Shahad (7) und Mohamed (4) aus Damaskus nach Libyen. An die Schmuggler bezahlte der Vater eine hohe Summe.

„Ich bezahlte 2000 Dollar (rund 1580 Euro) an die Schmuggler“, wird der Vater später den Mitarbeitern des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR erzählen.

Er beschreibt Tage und Nächte, in denen er und seine Familie (seine Frau Rada ist da im fünften Monat schwanger) an Stränden im Sand schlafen müssen, ehe sie nachts auf kleine Motorboote verladen werden, die sie zu einem größeren Trawler bringen. „Diese Methode nutzen die Schlepper oft“, heißt es in dem Bericht „Vertriebene Leben“ der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International  (AI), der am Dienstag in Berlin und Brüssel vorgestellt wurde.

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Mohamed schildert die Misshandlungen vor allem afrikanischer Flüchtlinge, die Erpressung um weitere 1500 Dollar (ca. 1200 Euro) und schließlich die Katastrophe auf See, bei der das Schiff untergeht, „viele Körper im Wasser treiben“, ehe die Familie von der italienischen Marine gerettet wird.

Ein Jahr nach dem grausamen Tod von 518 Menschen vor der Mittelmeer-Insel Lampedusa am 3. Oktober erinnert der Bericht an die humanitäre Tragödie, die sich jeden Tag vor den Grenzen der EU vollzieht. „Wenn die EU weiterhin zu ihren ureigenen Werten stehen will, darf sie das Sterben im Mittelmeer nicht länger hinnehmen“, erklärte die Generalsekretärin der deutschen Sektion von AI, Selmin Caliskan.

Dunkelziffer ist hoch

Erst die nackten Zahlen offenbaren das ganze Ausmaß dessen, was dort Tag für Tag passiert. Zwischen Januar und September 2014 starben 2500 Flüchtlinge im Wasser. Die Dunkelziffer sei hoch, vermutet man. 100.000 Menschen retteten Italiens Marine und Küstenwache zwischen dem 18. Oktober 2013 und September 2014. Doch genau diese Hilfsaktion Roms unter dem Namen „Mare Nostrum“ (unser Meer) soll nun aufgrund der immensen Kosten eingestellt werden. Hilfe von der EU gibt es bisher nicht. Lediglich eine „minimale Ausweitung der Frontex-Kapazitäten“, heißt es weiter. Den Einsatz der europäischen Grenzschutz-Agentur hatte Brüssel aufgestockt, aber viel zu wenig, um effizient zu helfen.

Amnesty fordert von den Mitgliedstaaten darüber hinaus, Fluchtkorridore sicherer zu machen. In den vergangenen Jahren habe man viel Aufmerksamkeit darauf verwendet, bekannte Routen von Menschenschmugglern zu „stopfen“. Damit seien die Flüchtlinge auf das Wasser getrieben worden. Eine andere Möglichkeit hätten sie nicht.

Von Detlef Drewes

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