Barbarischer Krieg des Islamischen Staats

Amnesty warnt vor ethnischer Säuberung im Irak - Fragen und Antworten

Immer mehr Menschen verlassen im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Irak ihr Zuhause. Durch den Vormarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) im Irak und den Bürgerkrieg in Syrien sind Millionen Menschen auf der Flucht. Fragen und Antworten zum Thema.

Über welches Gebiet herrscht die Terrormiliz IS?

Die sunnitische Terrormiliz Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) hat im Juni dieses Jahres ein Islamisches Kalifat ausgerufen. Das Herrschaftsgebiet reicht von der syrischen Stadt Aleppo bis tief in den Irak. Seit der Ausrufung nennt sich die Miliz IS (Islamischer Staat). Zentrum ist die syrische Stadt Raka. Die Kämpfer sehen sich im Dschihad, im sogenannten Heiligen Krieg.

Es geht dabei nicht nur um Religion und die Durchsetzung einer totalitären Glaubensrichtung, die keine andere neben sich duldet, in einer bestimmten Region. Es geht auch um die permanente Ausdehnung eines politischen Machtbereichs und um wirtschaftliche Interessen. Ölquellen, wie sie der IS in Syrien bereits erobert hat, liegen im Irak vor allem auf kurdischem und schiitischem Gebiet.

Welche Art Gottesstaat streben die sogenannten Glaubenskrieger an? 

Das „Kalifat“ schert sich nicht um bestehende Ländergrenzen. Nach islamischer Überlieferung kann es nur bestehen, wenn sich alle Stämme einem führenden Clan unterwerfen. Die IS erhebt den Führungsanspruch unter den Sunniten. In dem Gebiet, in dem sie herrscht, müssen Menschen anderer Religion wie Christen und schiitische Muslime konvertieren, fliehen oder sie werden getötet. Amnesty International spricht davon, dass die Terrormiliz Spuren aller Nicht-Araber und aller nicht-sunnitischer Muslime auslöschen wolle. Im Irak sei eine ethnische Säuberung im Gange, die derzeit besonders die Kurden treffe.

Welche Lebensregeln haben die IS-Kämpfer in ihrem Herrschaftsbereich erlassen?

Ihr Anführer, der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdhadi, predigt einen radikalen Ur-Islam salafistischer und wahhabitischer Prägung (siehe Hintergrund: „Das Kalifat“). Dazu gehören die Gesetze der Scharia, die körperliche Strafen wie Verstümmelungen erlaubt, und die Tötung von sogenannten Ungläubigen im Dschihad. Frauen müssen den Körper voll verschleiern und sollen ihre Wohnungen so selten wie möglich verlassen. Das tägliche fünfmalige Gebet in der Moschee ist Vorschrift. Alkohol und Zigaretten sind verboten. Die IS kontrolliert die öffentlichen Institutionen.

Wie stark ist die IS-Miliz inzwischen?

US-Sicherheitsexperten schätzen ihre Truppen auf bis zu 17 000 Kämpfer. Darunter seien Tausende, die nicht aus Syrien und Irak kommen. Der Dschihad der sunnitischen Extremisten ist attraktiv für fanatische Muslime in aller Welt: Sie kommen unter anderem aus Nordafrika, Afghanistan, Tschetschenien, dem Kosovo, Großbritannien und Deutschland. Auf ihren Feldzügen erbeutete die IS-Miliz im Irak und in Syrien auch schwere Waffen wie Kampfpanzer. In der syrischen Provinz Raka soll ihnen ein Militärstützpunkt mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen in die Hände gefallen sein.

Wer finanziert die Terror-Organisation? 

Geldgeber sollen vor allem reiche Privatleute oder Privatorganisationen in den sunnitischen Scheichtümern am Golf wie Saudi-Arabien und Katar sein. Es ist davon auszugehen, dass diese Regime die Geldflüsse gebilligt haben, ohne damit in Verbindung gebracht werden zu wollen.

Hinter den Geldflüssen steht der Konflikt um die Vormachtstellung in der ölreichen Golfregion zwischen zwei dort konkurrierenden Mächten: dem sunnitisch-wahhabitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran. Der Iran unterstützt das Assad-Regime in Syrien, das dem schiitischen Ableger der Alawiten angehört.

Die Golf-Monarchien fürchten inzwischen, die IS-Miliz könnte in ihrer blutrünstigen Radikalität selbst für die eigenen Regime zu einer Bedrohung werden. Die IS-Kämpfer sichern sich zudem Geldquellen durch Kopfsteuern, Bankraub, Erpressung und Entführung.

Abu Bakr al-Bagdhadi - Terrorchef, selbsternannter Kalif

Abu Bakr al-Bagdhadi soll 1971 in der irakischen Stadt Samarra geboren worden sein. An der Universität Bagdad machte er einen Abschluss in Islamischen Studien. Von 2005 bis 2009 saß er in einem US-Gefangenenlager im Irak. Er soll für mehrere Terroranschläge im Irak verantwortlich sein. Die US-Regierung setzte inzwischen ein Kopfgeld in Höhe von 10 Millionen US-Dollar (7,3 Millionen Euro) auf ihn aus. 2010 übernahm er die Führung des Al-Qaida-Ablegers im Irak, der damals noch "Islamischer Staat im Irak" hieß.

Von Jörg S. Carl

Rubriklistenbild: © AFP

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