Die Facetten der Kanzlerin

Angela Merkel wird 60: Von Kohls Mädchen zur ersten Frau im Kanzleramt

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Das Mädchen: Angela Merkel am 16. Dezember 1991 während des Dresdner CDU-Parteitags mit ihrem Mentor Helmut Kohl.

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende ist zu ihrem 60. Geburtstag auf dem Höhepunkt ihrer märchenhaften Karriere. Wir werfen einen Blick auf wichtige Facetten im Leben Angela Merkels.

Zu ihrem 60. Geburtstag hat Merkel den renommierten Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel (62) zu einem Referat zum Thema „Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte“ geladen. Lehrreicher Vortrag statt rauschendes Fest – das wünscht sich die sachliche Ostdeutsche auch nach einer steilen Karriere und achteinhalb Jahren im Kanzleramt.

Wir blicken zu ihrem Geburtstag auf die Facetten der ersten deutschen Bundeskanzlerin:

Die Unbekannte aus dem Osten

In der brandenburgischen Provinz als Pastorentochter aufgewachsen, danach fleißig Naturwissenschaften studiert, im Zuge der Wende 1989 in die Politik gestolpert und im Jahr danach in Helmut Kohls Kabinett gelandet. Vieles geschah zufällig, manches unabsichtlich, anderes kam überraschend. So hat Angela Merkel ihr Leben vor der Einheit stets dargestellt. Manche Autoren zweifeln dieses Bild an. Sie sehen sie anders: ehrgeizig und systemkonform, eine FDJ-Funktionärin, die den Ideen von Glasnost und Perestroika anhing. Diese Sicht ist zumeist westlich geprägt, sie verkennt die Lebensrealität im anderen deutschen Staat. In Wahrheit lebte Merkel wohl wie die meisten DDR-Bürger in einer vorsichtigen Balance zwischen persönlichen Wünschen und der notwendigen Anpassung an das System. Dass sie darüber oft nur dürftig Auskunft gibt, mag ein Fehler sein. Unverständlich ist es nicht.

Kohls Mädchen und CDU-Chefin

Als „Kohls Mädchen“ betrat sie die Bühne der Bundespolitik. In der CDU belächelte sie mancher dafür, der es später noch bereuen sollte. Politisch unerfahren sei sie, Ossi-Frau, erst seit 1990 in der CDU und dann diese Frisur - Merkel blieb auch dann noch die Unterschätzte, als Kohl sie zur Frauen- und zur Umweltministerin gemacht hatte. Kohl wurde 1998 krachend abgewählt, sein ewiger Kronprinz Wolfgang Schäuble CDU-Chef und Merkel Generalsekretärin. Als Kohl und Schäuble sich 1999 in der Affäre um illegal verschobene Millionen-Spenden gegenseitig unhaltbar machten, griff Merkel in einem legendär gewordenen FAZ-Interview zu und setzte sich an die Spitze der Erneuerer. Auch Schäuble gab auf, Merkel wurde CDU-Chefin. Und räumte einen Unionsmann nach dem anderen weg, vertrieb 2002 auch Friedrich Merz als Fraktionsvorsitzenden. Heute steht sie unangefochten an der Spitze.

Die mächtigste Frau der Welt

Gut gelaunt: Die Kanzlerin einen Tag vor ihrem 60. Geburtstag.

Diesen Spitzenplatz könnten nicht einmal ZDF-Redakteure beiseite manipulieren: Angela Merkel ist die politisch einflussreichste Frau weltweit. Selbst wenn man kein Anhänger von Tabellen ist, der Listung des US-Magazins Forbes, die die Kanzlerin zum vierten Mal in Folge auf Platz eins der „mächtigsten Frauen der Welt“ sieht, ist kaum zu widersprechen. Merkels internationaler Einfluss speist sich im Kern aus drei Faktoren: Sie vertritt ein wirtschaftlich starkes, innenpolitisch stabiles und außenpolitisch bestens vernetztes Land. Beispiel EU: Gegen Deutschlands Interessen wird selten entschieden – und wenn doch, versteht es Merkel, im Inland den Anschein zu erwecken, es sei ein vertretbarer Kompromiss erzielt worden. Beispiel Konflikte: Merkels Regierungsstäbe öffnen sehr oft (auch im Verborgenen) diplomatische Zugänge: etwa in Nahost, im Iran, in der Ukraine. Und die Mächtigste versteht sich mit den mächtigsten Herren: Obama, Putin und die Pekinger Führung hören ihr zu (oder sie ab). Einzig in Südosteuropa hält sich ihre Beliebtheit in engen Grenzen – ein weiterer Beleg für ihre Machtfülle.

Die erste Frau im Kanzleramt

Um diesen Erfolg dürfte Alice Schwarzer Angela Merkel beneiden: Die Zeiten, als darüber nachgedacht wurde, ob eine Frau den Kanzlerjob bewältigen kann und für dieses Amt überhaupt von den Wählern akzeptiert würde, sind endgültig vorbei. Ein heute zehnjähriges Mädchen in Deutschland ist mit der Selbstverständlichkeit aufgewachsen, dass eine Frau dieses Land mindestens so gut regieren kann wie ein Mann. Im Jahr 2005, als Angela Merkel ins Kanzleramt einzog, wurde sie auch als Frau mit spöttischer Skepsis beobachtet. Ihr Kleidungsstil wurde öffentlich kommentiert, ihr Gatte beäugt, ihre Frisur kritisiert. Merkel ist es gelungen, Lästermäuler zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit zu lenken. Der Preis: Feminin tritt sie selten in Erscheinung, sondern fast ausschließlich in Blazer-Hose-Kombination. In dieser Hinsicht bleibt für die Nachfolgerin noch etwas zu tun.

Die wohldosierte Privatfrau

Angela Merkel kennen die Deutschen als durchsetzungsfähige Politikerin. Über ihr Privatleben ist wenig bekannt. Selten sagt die gebürtige Hamburgerin etwas darüber, wie sie die private Zeit verbringt. Es gibt das ein oder andere Urlaubsfoto und halboffizielle Bilder von Bayreuther Festspielen. Ehemann Nummer zwei, Joachim Sauer, ist in seinem Beruf als Chemieprofessor nicht minder eingespannt als sie. Die Beziehung leide nicht darunter, sagt die Kanzlerin. Wenn sie sich nicht in der gemeinsamen Heimat Berlin sehen, reiche ihnen telefonieren. Von ihrem ersten Ehemann behielt sie den Namen und nach der Scheidung 1982 (noch zu DDR-Zeiten) die Waschmaschine, so die Süddeutsche Zeitung. Und sonst? Sie kauft selbst im Supermarkt nahe ihrer Berliner Wohnung ein, besitzt ein Haus in der Uckermark, mag die Natur und auf dem Teller Königsberger Klopse. ((bli/tpa/jsc/coe/mwe)

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