Interview mit deutschem Pfarrer

„Angst vor Bürgerkrieg schwelt“: Pfarrer Markus Göring lebt auf der Krim

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Angespannte Stimmung: Eine Ukrainerin redet auf einen bewaffneten russischen Soldaten ein, der die ukrainische Marinebasis in Novoozerniy auf der Krim blockiert.

Die Auseinandersetzungen in Kiew haben sich in den Süden der Ukraine verlagert: Auf der Halbinsel Krim hat sich der Konflikt drastisch zugespitzt. Der deutsche Pfarrer Markus Göring, der in der Hauptstadt Simferopol tätig ist, schätzt im Interview die Stimmung innerhalb der Bevölkerung ein.

Herr Göring, als Seelsorger haben Sie einen unmittelbaren Kontakt zu den Menschen auf der Halbinsel Krim. Bitte geben Sie uns ein Stimmungsbild: Wie gehen die Menschen in Simferopol mit der aktuellen Krisensituation um? 

Markus Göring: Die Menschen sind spürbar angespannt. Nach dem Wochenende hat sich die Lage aber etwas beruhigt. So fließt zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr in der Innenstadt von Simferopol wieder, und auch die Märkte haben geöffnet. Dennoch herrscht eine allgemeine Unsicherheit - es sind weniger Menschen unterwegs als üblich. Auch Kinder werden nicht zur Schule geschickt, sondern bleiben zuhause bei ihren Eltern.

Wovor fürchtet sich die Bevölkerung Ihrer Meinung nach? 

Göring: Was die Leute in erster Linie beunruhigt, ist der mögliche Verlust ihrer gewohnten Stabilität und Sicherheit. Zudem schwelt die Angst vor einem Bürgerkrieg. Die Spannungen zwischen der russischen und tatarischen Bevölkerungsgruppe ist unangenehm. Schließlich war die Krim bislang dafür bekannt, dass hier die unterschiedlichen Volksgruppen sehr gut und vor allen Dingen friedlich zusammenleben.

Könnte der Konflikt einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben? 

Göring: Die Gemeindeglieder, mit denen ich gesprochen habe, wollen auf keinen Fall, dass sich das Verhältnis zu Russland verschlechtert. Auch die Mehrheit der Menschen auf der Krim ist pro-russisch eingestellt. Falls die Halbinsel weiterhin ein Teil der Ukraine bleiben soll, dann wollen sie keine Ukraine, die den Gesprächsfaden zu Russland abreißen lässt. Diese Angst verbindet sie tatsächlich mit der aktuellen Regierung in Kiew. Dennoch will ich nicht verhehlen, dass es in unserer Gemeinde durchaus auch jene gibt, die das Gegenteil bevorzugen würden.

Wie wird sich die pro-russische Gruppe Ihrer Einschätzung nach nun verhalten? 

Göring: Ich würde nicht sagen, dass unsere Leute jetzt mit  wehenden Fahnen auf große Demonstrationen gehen und den sofortigen Anschluss an Russland verlangen. Wenn ich auf die Straße blicke, sehe ich auch kaum mehr bewaffnete Milizen, die vor den Regierungsgebäuden patrouillieren. Fakt ist, dass die Mehrheit sich still verhält und zunächst die Entwicklungen abwartet.

Die Menschen, die bislang für die Partei des abgesetzten Viktor Janukowitsch gestimmt haben, müssen sich neu positionieren. Sehen die pro-westlichen Kräfte nun ihre Chance auf der Krim gekommen? 

Göring: Es gibt auf der Krim nur wenige pro-westliche Kräfte in der Bevölkerung. Es ist vor allem die muslimische Minderheit der Tataren, die sich offen zu Kiew bekennt. Für die Übrigen stellt sich die Frage, wie die weitere Abtrennung von Kiew aussehen soll: mehr Autonomie, ein eigenständiger kleiner Staat oder Anschluss an Russland.

Werden Sie trotz der drohenden Gefahr selbst auf der Krim bleiben? 

Göring: Mein Dienst in Simferopol ist auf drei Jahre begrenzt. Wenn ich mich über verschiedene Medien wie Internet und Fernsehen über die aktuellen Geschehnisse informiere, habe ich Herzklopfen. Inzwischen denke ich durchaus über eine Ausreise nach. Doch der Blick auf die momentan noch ruhigen Straßen ist die beste Beruhigung für mich.

Von Emily Spanel

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