Interview: Sozialforscher Ulrich Reinhardt sieht geringeren Stellenwert von Kindern

„Angst vor den Kosten“

Familie mit Kindern: Doch viele in Deutschen haben Angst, nicht genug Geld für ihren Nachwuchs zu haben. Foto: dpa

     Was hält die Deutschen vom Kinderkriegen ab?

Ulrich Reinhardt: Die Deutschen haben Angst, sich den Nachwuchs nicht leisten zu können. Das ist zum einen die Angst vor den direkten Kosten für den Nachwuchs, dann aber auch die Furcht davor, den eigenen Lebensstandard einschränken zu müssen.

Aber das war schon immer so. Warum hat sich das zuletzt so stark gesteigert?

Reinhardt: Das liegt sicher auch ein Stückweit an den Auswirkungen der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise. Seither ist die Unsicherheit groß, und man hat das Gefühl, Kinder sind teuer und kosten viel Geld. Und viele Bundesbürger können es sich dann wohl nicht leisten.

Nun haben wir aber eine Vielzahl familienpolitischer Leistungen. Fördert der Staat immer noch zu wenig?

Reinhardt: Vergleicht man es international – auf keinen Fall. In den USA etwa mit einer deutlich höheren Geburtenquote wird praktisch nichts für die Mütter gemacht. Es gibt auch keine Möglichkeiten, für wenige Wochen aus dem Beruf auszusteigen, es gibt keine Betreuungsangebote für die Kinder. Trotzdem bekommen es die USA viel besser hin. Die Rahmenbedingungen von politischer Seite sind in Deutschland zwar mittlerweile sehr gut. Aber letztlich reicht das natürlich nicht aus.

Was muss denn passieren?

Reinhardt: Die Wirtschaftsseite muss endlich ernst machen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wirtschaft muss erkennen, dass es mehr weibliche Studierende mit besseren Noten gibt, dass die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist. Da müssen dann auch Frauen in Teilzeit Führungspositionen übernehmen können. Ich wünsche mir, wir würden nicht nur über eine Frauenquote, sondern über eine Mütterquote in den Unternehmen reden. Zudem kann es ein klarer Wettbewerbsvorteil sein, wenn sie familienfreundliche Strukturen hat.

Aber die Wirtschaft ist nicht der einzige Faktor, oder?

Reinhardt: Jeder Bürger ist gefordert. Denn wir leben nicht gerade in einem kinderfreundlichen Land. Wir haben das auch untersucht: In puncto Kinderfreundlichkeit lag Deutschland in ganz Europa an letzter Stelle. Wir brauchen nicht nur eine Kita-Garantie, sondern auch genug Plätze. Genauso müssen die Städte kinderfreundlicher werden: mit Spielplätzen, Sport, Bädern.

Die Nachwuchsquote in Europa ist besonders in Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit gering, hat eine andere Studie herausgefunden. Das leuchtet ein. Wir aber haben eine recht niedrige Joblosenquote. Muss der Staat bei uns noch mehr alimentieren und fördern?

Reinhardt: Wir würden auch nicht mehr Kinder bekommen, wenn wir das Kindergeld auf das Dreifache erhöhten. Der Stellenwert von Kindern ist einfach nicht mehr so hoch. Die zweithäufigste Antwort auf unsere Umfrage, war, dass man lieber unabhängig sei. Man merkt also, dass die Individualisierung fortgeschritten ist. Viele sagen eben: Ich kann auch ohne eigene Kinder glücklich sein.

Dennoch spricht aus vielen Antworten Ihrer Umfrage auch tiefe Zukunftsunsicherheit.

Reinhardt: Ja. Auffällig ist, dass die Angst in Deutschland sehr ausgeprägt ist. Die Angst, nicht genug Geld für den Nachwuchs zu haben, die Angst, die Karriere zu vernachlässigen, die Angst, die Freiheit zu verlieren, Angst vor der Scheidung. Wir sollten uns davon verabschieden, dass es eine Vollkasko-Versicherung für den Nachwuchs gibt. Familie ist ein großes Abenteuer, aber es ist in jedem Fall ein sehr lohnendes Abenteuer. • Die Studie im Internet: http://zu.hna.de/kinder0208

Von Ullrich Riedler

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.