Anhörung zum umstrittenen Fracking: Gasbohrer im Gegenwind

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Erdgasbohrung von ExxonMobil in Niedersachsen.

Kassel. Das Thema: Vor der Landtagsanhörung zum Gas-Fracking am Freitag in Kassel nimmt das Land weiter Tempo aus der hochumstrittenen Sache. Eine Sucherlaubnis in Nordhessen soll es vorerst nicht geben.

? Wann kommen die Schiefergasbohrer nach Nordhessen - und wohin genau?

! Frühestens 2016 mit ersten Testbohrungen, hieß es bislang. Die kanadische Firma BNK Petroleum hat im Februar 2012 die Suche auf 5000 Quadratkilometern in der Region beantragt. Wo genau gebohrt wird, ist offen. Im Visier hat BNK ganz Nordhessen nördlich der Linie Bad Hersfeld - Marburg und westlich der Linie Hersfeld - Kassel. Die Sucherlaubnis ist aber derzeit nicht in Sicht.

? Warum dauert die Erlaubnis so lange?

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Vorerst kein Ja für Gassuche in Nordhessen

! Das RP Darmstadt prüft noch. Mit Fracking von Schiefergasvorkommen betreten die Förderfirmen bei uns Neuland. Fragen dazu türmen sich - Zweifel und Widerstand sind groß: Sie reichen von BIs über Kommunalpolitiker bis hin zur Regionalversammlung Nordhessen. Fragezeichen setzen ebenso CDU, SPD und Grüne im Landtag - wenn auch unterschiedlich dicke. Die Linke fordert sogar ein Fracking-Verbot, die FDP betont eher die Chancen dieser Technik. Wer erst die Sucherlaubnis hat, sagen Bergrechts-Experten, hat automatisch auch weitreichende Ansprüche auf ein späteres Behörden-Ja zur Ausbeutung der Gaslager.

? Was macht die Landesregierung?

! Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) steht im Moment ebenfalls auf der Bremse. Keine Sucherlaubnis für die Gasbohrer bevor nicht Studien zu Risiken des Fracking ausgewertet und juristische Fragen zu Einsprüchen aus Nordhessen geklärt sind, sagt die Ministerin. Es gibt solche Suchanträge angeblich in sechs Bundesländern. Und kritische Bürgerinitiativen dagegen zu Dutzenden.

? Risikostudien zum Fracking haben jüngst Umweltbundesamt (UBA) und NRW vorgelegt - was steht drin?

! Hoher Chemikalien-, Wasser- und Energieverbrauch beim Bohren, Probleme mit der Abwasserentsorgung aus den Löchern, beträchtlicher Flächenverbrauch, weil vergleichsweise viele Bohrungen zur Gasgewinnung nötig sind, Gefahren fürs Grund- und Trinkwasser durch Übertritte, unkontrollierte Gasaustritte, eventuell lokale Beben - dies und mehr halten Fracking-Kritiker für riskant, manche für zu riskant. Aus Berlin hört sich das so an: Kein großflächiger Einsatz der Technik, raten die UBA-Gutachter. Höchstens schrittweise, mit strengen Auflagen und eng beaufsichtigt. Trinkwasserschutzgebiete sollen sowieso tabu bleiben.

? Und was sagt die NRW-Studie zu Fracking-Risiken ?

! Das Fazit von NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) ist deutlich strenger: „Der Einsatz der Fracking-Technologie kann bis auf Weiteres in NRW nicht genehmigt werden“, sagte er Anfang September. „Es handelt sich um eine neuartige Risikodimension mit derzeit nicht voraussagbaren Folgen.“ In Frankreich will Präsident François Hollande angeblich alle Frackinganträge ablehnen, in Thüringen hat BNK vergangene Woche selbst einen Rückzieher gemacht.

? Remmels Moratorium in NRW würde auch die Kasseler BASF-Tochter Wintershall treffen?

! Wintershall sucht auf 3900 Quadratkilometern zwischen niederländischer Grenze und Sauerland nach Schiefergas. Zur geologischen Vorerkundung sind nach Medienberichten schon Bohrstandorte für Gesteinsentnahmen ausgewählt. An schnelle Erfolge glaubt man aber nicht: Schiefergasförderung werde es hierzulande nicht vor den nächsten zehn Jahren geben, hieß es im Juli von Wintershall. „Ich schließe das sogar in Europa aus“, so Vorstandschef Rainer Seele damals.

Risse im Gestein

Der größte Teil unseres Gases kommt aus Russland, ein Siebtel aus Deutschland, hauptsächlich Niedersachsen. Fracking wurde erstmalig in den 1940er-Jahren in den USA eingesetzt: Man erzeugt Risse im Gestein, indem große Mengen Wasser unter hohem Druck eingepresst werden. Zusatz von Sand und Chemikalien führen dazu, dass die Risse offenbleiben und das Gas Richtung Bohrloch fließt. In "konventionellen Lagerstätten" und großen Tiefen wird Fracking schon seit langem genutzt. Sinkende Kosten und steigende Energiepreise machen es auch in dünnen horizontal liegenden Schieferschichten wirtschaftlich.

Termininfo

Öffentliche Anhörung im Umweltausschuss des Hessischen Landtags, Freitag, 5. Oktober, 10.30 Uhr, Regierungspräsidium Kassel, Steinweg 6.

Ab 9 Uhr Demo der BI „Frackingfreies Hessen“ am RP www.frackingfreieshessen.de/http://fracking.jimdo.com

Von Wolfgang Riek

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