Tierhaltung: Schwerer Kampf gegen Antibiotika-Einsatz

Massentierhaltung auf einem Hof im niedersächsischen Landkreis Oldenburg: 24 000 Puten werden in dem Mastbetrieb aufgezogen. Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung soll künftig stärker kontrolliert werden. Foto: dpa

Antibiotika galten lange als Wunderwaffe der Medizin im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Doch diese Waffe droht zunehmend stumpf zu werden: Immer mehr Erreger zeigen beim Einsatz der vermeintlichen Wundermittel keine Wirkung mehr.

Die Antibiotika-Resistenz ist ein wachsendes Problem. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben in der EU jedes Jahr mehr als 25 000 Menschen an Krankheiten, die durch antibiotika-resistente Bakterien ausgelöst werden.

Zu den Brutstätten dieser resistenten Keime zählen Kliniken, wie jüngst der Tod von drei Frühchen in Bremen zeigte, aber auch Tierställe. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) will deshalb den Einsatz von Medikamenten in der Tierhaltung stärker kontrollieren und mit neuen Nachweispflichten für die Tierärzte versehen.

Antibiotika kommen in der Massentierhaltung offenbar massiv zum Einsatz. Denn die Arzneimittel töten nicht nur krankmachende Keime. Als Zusatzstoffe im Futtermittel haben sie auch den Nebeneffekt, das Wachstum (also den Fleischansatz) oder die Leistung (die Milchbildung bei Kühen) zu steigern.

Arzneien an 96% der Tiere

Nach einer Studie des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministeriums verwenden Geflügelzüchter Antibiotika häufiger als bisher bekannt. Mehr als 96 Prozent aller Tiere in den untersuchten 182 Betrieben seien mit Medikamenten behandelt worden, bis zu acht verschiedene Antibiotika seien ihnen ins Futter gemischt worden, heißt es in der Studie. Ein ähnliches Ergebnis ergab im Jahr 2010 eine Erhebung in 82  Hähnchen-Betrieben in Niedersachsen.

Der Verdacht liegt nahe, dass Medikamente trotz eines EU-weiten Verbots als Wachstumsdoping eingesetzt werden. „Nach dem Arzneimittelgesetz dürfen Antibiotika aber nur zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt werden, keinesfalls zur Wachstumsförderung“, sagt Ministerin Aigner. Verstöße gegen diese Vorschriften seien strafbar.

Viel gebracht hat das Verbot offenbar nicht, die Kontrollen sind unzureichend. Zum einen werden die Tiere nicht während der Haltung auf Antibiotika-Gaben untersucht, sondern erst nach der Schlachtung. Die Wirkstoffrückstände in den Nieren und im Muskelfleisch dürfen einen Grenzwert nicht überschreiten. Entsprechende Kontrollen während der Mast gibt es dagegen nicht.

Zum anderen lässt sich nur schwer abgrenzen, ob Antibiotika als Arznei oder als Wachstumsförderer eingesetzt wurden. Wenn beispielsweise in Hähnchenställen mit durchschnittlich 40 000 Tieren einige erkranken, muss vorbeugend der gesamte Bestand therapiert werden. Etwaiger Missbrauch bei dieser Prophylaxe ist nur schwer nachweisbar.

Nach Studien des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin, das Antibiotikaresistenzen in der Lebensmittelkette untersucht hat, waren 48 Prozent der isolierten Salmonellen-Keime resistent gegen eine und 35 Prozent sogar resistent gegen mehrere Antibiotikaklassen. Die Untersuchung von Coli-Bakterien kam zu ähnlichen Ergebnissen. Der Kampf gegen krankmachende Keime wird immer schwerer.

Von Detlef Sieloff

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