Jobcenter löst heftige Kontroverse aus

Schrittzähler für Hartz-IV-Empfänger

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Schrittzähler für Arbeitslose: 18 Hartz-IV-Empfänger wurden in Brandenburg/Havel mit solchen Geräten (kleines Bild) ausgestattet. Ziel: Mehr Bewegung, mehr Gesundheit.

Brandenburg. Origineller Wettbewerb oder Stigmatisierung? Nach der Ausrüstung von Arbeitslosen mit Schrittzählern in Brandenburg ist ein Streit über die Jobcenter-Aktion entbrannt. Seit Montag sind 18 ältere Hartz-IV-Empfänger in Brandenburg/Havel mit den Geräten ausgestattet.

Die Behörden wollen sie so zu mehr Bewegung animieren.

Jobcenter-Geschäftsführer Christian Gärtner betont, dass die Teilnehmer sich selbst ausgesucht hätten, an welchem Bewegungsprojekt sie teilnehmen möchten. Denn das Ganze ist Teil des Programms 50plus für ältere Langzeitarbeitslose, das die Bundesagentur für Arbeit bundesweit aufgelegt hat. Auch Rückenschule, Gymnastik und Raucherentwöhnung seien im Angebot, in Berlin sogar ein Bauchtanzkurs, sagt Gärtner.

Gesundheitserziehung sei ein Ansatz des Programms, erläutert auch Anja Huth von der Bundesagentur in Nürnberg. Untersuchungen hätten gezeigt, dass viele Langzeitarbeitslose unter Bewegungsmangel litten. Die Schrittzähler-Aktion solle Hartz-IV-Betroffene etwa dazu ermuntern, mal wieder längere Spaziergänge zu unternehmen. „Nur wer sich körperlich gut fühlt, nimmt aktiv an der Vermittlung auf eine Arbeitsstelle teil“, so Huth.

Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske (SPD) ist eher zurückhaltend: „Fakt ist: Wer rastet, der rostet“, sagte Baaske der Nachrichtenagentur dpa. Und weiter: „Wenn Langzeitarbeitslose durch diese Aktion fit werden und Ehrgeiz entwickeln, soll es mir recht sein.“

Seit Wochenbeginn stürmen in Brandenburg/Havel also 18 Erwerbslose imaginär auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt. Sie hätten alternativ auch eine Wüste durchqueren können. 40 Tage haben sie Zeit für den sportlichen Wettkampf, an dessen Ende auch Preise winken. Entwickelt hat das Ganze ein Unternehmen aus der Schweiz, das eigentlich Firmen berät, um deren Mitarbeiter fit zu halten. Auf der Homepage kann man sich einloggen und anonym seine Zwischenergebnisse eintragen. Gärtner und einige Kollegen tragen ebenfalls Schrittzähler, die Aufregung über die Aktion kann der Jobcenter-Chef nicht verstehen.

Vorreiter war vor zwei Monaten das benachbarte Jobcenter Havelland. „Das Feedback auf die Aktion war bei den Teilnehmern sehr positiv“, sagt Huth.

Doch es gibt auch andere Stimmen. „Ich finde die Idee weder besonders originell noch wirksam“, so Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat. Der Bild-Zeitung sagte sie: „Nach meinem Eindruck sind die allermeisten Arbeitslosen beweglich genug.“ Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, sprach von „bürokratischem Wahnsinn“. Statt Schrittzähler für Erwerbslose zu verteilen, solle endlich aufs Tempo gedrückt werden, um Armut und Hartz-IV-Gesetze abzuschaffen.

Jobcenter-Chef Gärtner indes kann in seinem Sportprogramm keine Stigmatisierung von Erwerbslosen erkennen. Bei der Schrittzähler-Aktion gehe es schlicht darum, seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. (dpa)

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