Interview

Äthiopien-Experte: „Bundesregierung sollte den Reformkurs unterstützen“

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Ein historischer Moment: Mitte Oktober wurde das neue äthiopische Kabinett im Parlament vereidigt. Es besteht aus genauso viel Frauen wie Männern. Auch die neue Staatspräsidentin, Sahle-Work Zewde (68), wurde kürzlich vereidigt.

Nach fast 30 Jahren Regimeherrschaft in Äthiopien zeigt der neue Ministerpräsident Abiy Ahmed starken Reformwillen. Experte Asfa-Wossen Asserate sieht große Chancen im Politikwechsel.

Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel will den neuen Mann an der Spitze Äthiopiens unterstützen. Wir sprachen mit dem äthiopisch-deutschen Politikanalysten Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten Kaisers Haile Selassie ist, über die verfehlte Afrikapolitik des Westens, den Nachbarstaat Eritrea und gesellschaftliche Unruhen.

Äthiopien gilt als verlässlicher Partner des Westens, doch in den vergangenen Jahren kam es zu mehr und mehr Unruhen. Was ist passiert?

Asfa-Wossen Asserate: Seit 1991 herrschte in Äthiopien ein undemokratisches Regime, und seitdem gab es dort keinen Frieden. Von Stabilität sprachen nur Amerikaner und Europäer. Überall im Land hat es von Jahr zu Jahr mehr gegärt. Hunderttausende haben in den vergangenen 27 Jahren das Land verlassen. Es ist tragisch, und zudem ein Symptom der westlichen Afrikapolitik, dass Diktatoren und Gewaltherrscher aus vermeintlich realpolitischen Gründen unterstützt wurden. In meinen Augen war das eher Beschwichtigungspolitik.

Was meinen Sie damit?

Asserate: Äthiopien wurde wegen seiner angeblich guten Wirtschaft lange als Musterstaat präsentiert. Die Wahrheit ist, dass der Westen enorme Entwicklungshilfen geschickt hat – der Großteil davon ging aber nicht an die Bevölkerung, sondern floss in die Taschen der Herrschenden. Der Westen wollte nicht sehen, dass diese Regierung Menschen massakrierte und zu tausenden ins Gefängnis schickte, obwohl sehr viele im In- und Ausland immer wieder auf diese Zustände hingewiesen haben. Heutzutage erleben wir die Konsequenzen dieser Politik: Die Menschen halten es in ihren Ländern nicht mehr aus und flüchten nach Europa, weil zuhause kein menschenwürdiges Leben möglich ist.

Seit März ist der 42-jährige Abiy Ahmed Ministerpräsident. Obwohl er der Regierungspartei entstammt, wird er für seine Reformen gefeiert. Zurecht?

Asserate: Es ist ein Wunder geschehen, das sage ich ohne Pathos. Abiy schickt sich an, die Untaten der letzten 27 Jahre wieder gut zu machen. Er ist das Resultat des Kampfes der Jugend, die sich auf die Straße gestellt hat, ausgepeitscht und festgenommen worden ist. Sie dürfen nicht vergessen: Von den 105 Millionen Äthiopiern sind etwa 85 Prozent jünger als 25 Jahre alt. Sie haben Abiy unterstützt, obwohl er Teil der letzten Regierung war – aber das war bei Michail Gorbatschow nicht anders. Änderungen können auch von innen kommen.

Abiys wohl größter Erfolg ist der Frieden mit Eritrea. Wie wichtig ist dieser für die weitere Entwicklung des Landes?

Asserate: Es ist der Arbeit Abiys zu verdanken, dass die Brüderstaaten nicht mehr aufeinander schießen. Diese Versöhnung ist großartig. Äthiopien war jahrelang ein Land ohne Hafen, nun gibt es Meereszugänge. Das ist von unglaublicher Wichtigkeit für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. Genauso wie die Summen, die nun beim Militär gespart werden, denn dieser Krieg hat Milliarden gekostet. Abiy ist ein Mann, der nicht an Grenzen glaubt. Sein Denken und Handeln wird sich positiv auf das gesamte Horn von Afrika auswirken.

Welche Rolle spielen die gesellschaftlichen Zerwürfnisse, die das Land bremsen?

Asserate: Äthiopien nennt sich offiziell eine ethnische Föderation, doch in Wahrheit herrschte ein Apartheid-Regime. Dadurch wurde Äthiopien zum einzigen Land Afrikas, in dem auf Ausweisen das Wort Rasse zu finden ist. Aber es wird nur dauerhaften Frieden in diesem Vielvölkerstaat geben, wenn die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Einheit in Verschiedenheit muss das zukünftige Motto lauten. Es ist wunderbar, dass nun alle großen Bevölkerungsgruppen in der Regierung vertreten sind.

Das Land ist auf dem besten Weg, sich zu vereinen und gleichzeitig die Rechte der Frauen zu stärken. Sie machen die Hälfte des Regierungskabinetts aus, gerade ist eine Frau zur Staatspräsidentin gewählt worden. Doch in sechs Monaten lässt sich nicht wieder gut machen, was zuvor 27 Jahre lang zerstört wurde.

Was sollte Deutschland tun, um Äthiopien zu unterstützen?

Asserate: Es ist ein gutes Zeichen, das Äthiopien nun Teil der G20-Afrika-Partnerschaft ist. Die Bundesregierung sollte hinter Abiy stehen und seinen Reformkurs unterstützen. Dazu gehören auch finanzielle Hilfen, die Abiys Projekte vorwärtsbringen. Zentral ist da der Ausbau des Arbeitsmarktes. Das ist das, wo deutsche Investoren wirklich hilfreich sein können und was Äthiopien am dringendsten braucht. Ohne Arbeit bleiben Millionen perspektivlos.

Für 2020 kündigte Abiy bereits freie Wahlen an. Ist das Gröbste schon geschafft?

Asserate: Ich muss zugeben, dass der Weg nicht leicht wird. Es gibt noch immer die alte Regierungsklasse, die die Reformen nicht akzeptiert und über erhebliche Vermögen verfügt. Sie sind dadurch in der Lage, im ganzen Land kleine Aufstände zu finanzieren, das ließ sich auch in den vergangenen Wochen beobachten. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Abiy und sein Team die Probleme lösen werden. Ich weiß aber auch, dass dies die letzte Chance für Äthiopien ist, zu einer demokratischen und in sich vereinten Nation zu werden.

Zur Person:

Dr. Asfa-Wossen Asserate

Dr. Asfa-Wossen Asserate (70) ist ein äthiopisch-deutscher Unternehmensberater, Autor und politischer Analyst. Er ist Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie (1892-1975). Er besuchte die deutsche Schule in Addis Abeba und studierte Jura, Volkswirtschaft und Geschichte in Tübingen und Cambridge. Seit 1981 hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Bekannt wurde er als Autor des Buches „Manieren“ (2003). Er ist ledig und lebt in Frankfurt.

Landeskunde:

Äthiopien ist mit 105 Millionen der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt. Seine Hauptstadt ist Addis Abeba mit 3,3 Millionen Einwohnern. Keine andere Stadt hat mehr als 400 000 Einwohner. Die größten Bevölkerungsgruppen sind Oromos (25 Millionen) und Amharen (20 Millionen). Gerade im Südosten des Landes leben zahlreiche kleinere Völker. Insgesamt gibt es etwa 120 Völker und 90 Sprachen. Die Amtssprache ist Amharisch. Äthiopien hat dreimal so viel Landesfläche wie Deutschland.

Flagge Äthiopien

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