Zwischenlager-Suche auf Eis

Asse: Blockade über dem Atommüll-Bergwerk

Längst verrostet: Atommüll-Fässer, aufgenommen 1978 in 750 Metern Tiefe in der Asse.

Remlingen. Unten im Berg wird repariert und betoniert, gepumpt und gestützt, um die marode Atom- und Giftmüllgrube Asse bei Remlingen im Kreis Wolfenbüttel gegen Einsturz zu sichern. Oben schwelt Zoff zwischen Politikern aus Kreistag und Kommunen, Bürger- und Umweltinitiativen und anderen in der Asse-2-Begleitgruppe (A2B).

Der Atommüll soll raus, das alte Salzbergwerk sicher geschlossen werden. Das gilt weiter als gemeinsames Ziel. Elf von 17 stimmberechtigten A2B-Mitgliedern aber klagen in einem Offenen Brief über Gängelung ihrer Arbeit und falsche Vorwürfe aus der Kreisverwaltung. Die kritisch-konstruktive Begleitung des weltweit ersten Rückholungsprozesses von Anliegern und Experten drohe gegen die Wand gefahren zu werden, warnte Heike Wiegel. A2B werde zum Abnickgremium gestutzt. Die Kämpferin der ersten Stunde, Gründerin des Vereins Aufpassen, sitzt für die SPD im Kreistag - die hatte Wiegel kurz vor ihrer Brandrede aus der A2B abgezogen.

Nach Jahrzehnten von Vertuschung und Falschinformation über das Treiben im Atommülllager sollte Transparenz die Region wieder Vertrauen fassen lassen. Nun ist von Machtspielen in der SPD die Rede, von auseinanderdriftenden Eigeninteressen, von Versuchen der Wolfenbütteler Landrätin Christiana Steinbrügge (SPD), die Begleitgruppe im Sinne des Assebetreibers Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf Linie zu bringen. Die Landrätin hatte der A2B im Sommer eine Denkpause verordnet. Eine Vorlage zur Kreistagssitzung im Oktober: „Früher prägte das Motto „Nur gemeinsam sind wir stark“ die Arbeit, derzeit herrschen Misstrauen sowie Debatten um Protokolle und Geschäftsordnung vor.“

Übernahme 2009 

Das BfS hatte die Asse Anfang 2009 auf Weisung des Bundes von der Helmholtz-Gesellschaft übernommen, nachdem immer mehr Unglaubliches über den laxen Umgang mit Strahlenmüll in der Grube ans Licht gekommen war. Im Sommer prophezeite BfS-Chef Wolfram König zunehmende Konflikte mit Asse-Anrainern, wenn die Sanierung konkreter werde.

Den Zoff gibt’s längst: Start zur Rückholung sei frühestens in den 2030er-Jahren heißt es derzeit. Mancher Asse-Kämpfer wird das, geschweige den sicheren Verschluss der Grube selbst nicht mehr erleben - das zerrt an den Nerven. Ebenso einzelne Experten, die fordern, der Atommüll solle am besten bleiben, wo er ist. Das Problem: Der Druck des einsackenden Bergwerks würde irgendwann Strahlen- und Giftmüll nach oben ins Grundwasser auspressen. Nachdem der Kreistag den kritischen Begleitern der A2B klargemacht hat, dass die Entscheider anderswo sitzen, soll nun Mediation den Krach beilegen helfen.

Hintergrund

Der Streit ums Zwischenager 

• Zwischenlager für den Asse-Atommüll direkt am Bergwerk oder weiter weg? Nach Querelen mit der Asse-2-Begleitgruppe (A2B) legte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) seine Bauplatzsuche Mitte 2014 auf Eis.

• Im August 2015 setzte Landrätin und A2B-Vorsitzende Christiana Steinbrügge nach internen Reibereien die A2B-Arbeit zeitweise aus.

• Zum Streit um die festgefahrene Standortsuche sagte BfS-Chef Wolfram König, Forderungen aus der Region, ein Zwischenlager mindestens vier Kilometer von der nächsten Wohnbebauung entfernt zu halten, seien sicherheitstechnisch problematisch. So könne man 40 Kilometer rund um die Asse kein Zwischenlager bauen. Je weiter weg, desto höher das Störfallrisiko, das Tausende Lkw-Fuhren mit Strahlenmüll bergen, warnt das BfS.

• Die A2B hingegen forderte noch im März, dass mindestens zwei Asse-ferne Standorte mit verglichen werden.

www.asse-2-begleitgruppe.de

www.aufpassen.org

www.asse.bund.de

Hintergrund

Atommüll-Grube der 1960/70er-Jahre 

• In der Asse verrotten seit den 1960/70er-Jahren126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen - größtenteils aus der Atomindustrie. Sie sollen nach derzeitigen Plänen frühestens ab 2033 aus dem Bergwerk geholt werden.

• Wenn das klappt, sollen die Fässer - oder was nach ihrer Bergung aus dem einsturzgefährdeten und in sich zusammensackenden Bergwerk übrig ist - übertage in ein Zwischenlager kommen.

• Und zwar so lange, bis - irgendwo in Deutschland - ein passendes Endlager bereitsteht. Auch das kann bekanntlich dauern: Insider sagen, dass ein Asse-Zwischenlager 70 oder 100 Jahre gebraucht werden könnte. (wrk)

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