Asse: Bohrer steckt auf halber Strecke

Radlader in der Asse beim Verfüllen einer eingestürzten Strecke mit Salz: Im Berg können solch Fahrzeuge die horizontal übereinanderliegenden Abbau-Ebenen des maroden Bergwerks über eine Serpentinenstrecke erreichen. Die musste wegen Einsturzgefahr in gut 600 Metern Tiefe gesperrt werden.

Remlingen. Die Bohrung sollte längst durch sein: Sechs Wochen hatten Manager des Atommülllagers Asse in Remlingen bei Wolfenbüttel für den Durchstoß veranschlagt, als der Bohrer in Richtung Kammer 7/750 angeworfen wurde.

Das war am 1. Juni - jetzt, neun Wochen später, steckt die Bohrung immer noch bei gut 13 Metern fest.

Bleiben noch sieben Meter bis ins Dunkel der Halle, in der 4356 Atommüllfässer liegen. Dieser erste Schritt zur milliardenteuren Rückholung von 126 000 Fässern Strahlenschrott soll mit Messsonden und Kameras klären, ob die Luft im seit Jahrzehnten zugemauerten Atommüll-Grab explosiv, giftig oder radioaktiv verseucht ist. Und ob von den Fässern mehr übrig ist als Matsch.

20 Meter dick ist der Kammerverschluss aus Beton, Ytongmauern, Asphaltplatten und Bitumen: „Wir könnten in zwei Schichten durch sein“, sagt Jens König, Technik-Chef der Asse-GmbH. Aber: Alles, was der Bohrer aus dem Loch holt, wird portionsweise penibel analysiert. Zudem hat flüssiges Bitumen den Vorstoß mehrfach gestoppt. Das schwarze, schmierige Zeug wäre kein Problem für den Bohrer. Es würde aber Kameras und Messsonden verkleben, die später durchs Bohrloch in die Kammer geschoben werden sollen. Spezialbeton rein, aushärten lassen, weiterbohren - das dauert jedesmal Tage.

Prekäre Lage

Wie prekär die Lage im von Wassereinbruch und Einsturz bedrohten Alt-Bergwerk ist, zeigt eine andere Baustelle: Die Asse hat nur eine befahrbare Verbindung der Sohlen zwischen 490 und 750 Metern Tiefe. Diese Wendelstrecke, ein abschüssiger Tunnel, der sich in Zickzack-Serpentinen durchs Salz schraubt, gilt auch als Hauptfluchtweg im Berg.

Seit Monaten dicht

Trotzdem ist der Tunnel seit Monaten dicht. Auf 637 Metern war die Decke so tief und breit gerissen, dass die Straße im Berg dort sicherheitshalber gesperrt wurde. Oberhalb bleibt sie befahrbar, weiter unten auch. Geländewagen, Radlader und Gabelstapler, die auf tieferen Sohlen stationiert sind, erreichen die Kfz-Werkstatt der Asse auf der 490-Meter-Ebene so nicht mehr. Auch alle Materialtransporte gehen nur noch über den Förderkorb - das ist kompliziert und kostet Zeit.

Reparatur ausgeschlossen - der brüchige Tunnelabschnitt soll mit Beton verfüllt werden. Seit Ende Juli wird eine Umgehung gebohrt.

Der Druck steigt, nicht nur der Druck im Berg, der alle Hohlräume im Salz nach und nach zusetzt: Die Rückholung des Atommülls aus der Asse ist politischer Konsens - zugleich tickt die Uhr dagegen.

Die Wendel auf 637 Metern wurde vom Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) schon länger als Risikozone genannt, die unter wachsendem, Gebirgsdruck nur begrenzt zu halten seien - wie weitere Abbaulöcher, aus denen dann Fahrzeugstellplätze, Notfalllager und Speicherbecken für das Auffangen der Wassereinbrüche verschwinden müssten.

Von Wolfgang Riek

Das fordern Bürgerinitiativen

• „Pumpen statt fluten“ - unter diesem Motto sammeln Bürgerinitiativen seit Wochen Unterschriften rund um die Asse. Ihre Forderung: Im Bergwerk sollen stärkere Pumpen installiert werden, die auch einen großen Wassereinbruch wegschaffen und so das Atommülllager für die Rückholung offenhalten können.
• Noch brechen 12.000 Liter Wasser täglich ein, wegschaffen könnte das BfS 500.000 Liter. Immer größere Pumpen könnten den GAU - das komplette Absaufen der Grube aber nicht ausschließen, warnt das BfS. Der Wassereinbruch könne immer ins Unkontrollierbare kippen: Wohin mit hunderten Tonnen Salzwasser jeden Tag? Was tun, wenn das Wasser den Atommüll erreicht, und als radioaktiver Abfall entsorgt werden müsste?

• Rückholung bleibe das Ziel, so das BfS. Das heißt: Grube stabilisieren. Parallel müsse man den GAU vorbereiten, den Notfallverschluss der Asse ohne Atommüllbergung. (wrk)

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