Klebers „Kanzlerindämmerung“

„In ein paar Tagen könnte alles vorbei sein“: heute journal beschwört Merkel-Aus - zurecht?

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Ist „in ein paar Tagen alles vorbei“? - ZDF-Anchor Claus Kleber stellte im heute journal eine überraschend drastische Frage

In den Parteien will man den Asyl-Streit eher herunterkochen. Im heute journal stellt Moderator Claus Kleber hingegen eine Frage, die aufhorchen lässt.

Mainz/Berlin - Bisweilen wirkt es so, als habe die CSU im Asyl-Streit den ganz großen Bruch herbeidiskutiert - und wolle ihn nun wieder kleinreden. Zumindest vorerst. „Es gibt kein Ultimatum“, sagt etwa Horst Seehofer der Passauer Neuen Presse in einem am Freitag veröffentlichten Interview. Die Kanzlerin habe sich mit Blick auf die Forderung nach Zurückweisungen an der Grenze „selbst eine Frist gesetzt“.

Anderenorts herrscht offenbar eine andere Grundstimmung. Hellhörig werden ließ am Donnerstagabend eine Passage ausgerechnet im heute journal des ZDF: Zwischen erster und zweiter Halbzeit des WM-Spiels Argentinien gegen Kroatien schien Moderator Claus Kleber ein nahendes Ende von Angela Merkels Kanzlerschaft heraufzubeschwören - eher en passant, aber in ungewohntem Duktus.

Und plötzlich: Die „Kanzlerindämmerung“ - zumindest im ZDF

In einer Live-Schaltung nach Beirut - wo Merkel am Donnerstag weilte - erkundigte sich Kleber bei seiner Gesprächspartnerin Bettina Schausten nach der Stimmung in der deutschen Delegation. „Spürt man denn etwas von ‚Kanzlerindämmerung‘, davon, dass das in ein paar Tagen alles vorbei sein könnte?“, lautete seine Frage.

Schausten, Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, quittierte Klebers Frage mit einem Lächeln. Womöglich war auch sie überrascht: Das Schlagwort „Kanzlerdämmerung“ wird als Hashtag auf Twitter unter anderem von AfD-Politikern gebraucht. Und in der allgemeinen Debatte scheint bislang eher der auf Risiko gebürstete Kurs der CSU Thema, denn ein konkret bevorstehendes Aus der Bundesregierung.

Alle Neuigkeiten zum Asyl-Streit in Union und GroKo finden Sie in unserem News-Ticker

Schausten beantwortete die provokante Frage dennoch nüchtern. Merkel sei für ihr „Pokerface“ bekannt. Gleichwohl dürfe man sich sicher sein, „das hier ist keine Auszeit von der Krise in Berlin, sondern hier werden Doppelschichten gefahren“. Von Fortschritten gekrönt sei die Arbeit am EU-Gipfel bislang allerdings nicht - darauf deute schon ein Kommunique hin, in dem das Treffen „nur vorbereitend“ genannt wurde.

Video: Der Asylstreit überschattet alles

Wenig später bemühen sich CDU, CSU und SPD um Eintracht

Sollte Klebers Frage also als bewusste Überspitzung gemeint gewesen sein, lief das Stilmittel ins Leere. Ins Reich der Fabel verweisen wollte die Berlin-Insiderin Schausten das drastische Szenario nicht.

Wie es tatsächlich kommt - es bleibt weiter offen. Nur zwei Stunden nach dem heute journal bemühten sich im ZDF allerdings Vertreter aller Regierungsparteien um Deeskalation. Im (diesmal ohne die Namensgeberin geführten) Talk „Maybrit Illner“ erklärte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, die CSU wolle „das Problem mit der Kanzlerin gemeinsam lösen“. CDU-Vize Volker Bouffier forderte, „dass die Union zusammenbleibt“. Und Ex-SPD-Chef Martin Schulz wünschte sich, dass die GroKo auch in 100 Tagen noch regiert.

Am Ende wird es freilich darum gehen, dass sowohl CDU als auch CSU eine gesichtswahrende Lösung beim Thema Zurückweisungen an der Grenze finden. Daran dürften Horst Seehofer wie auch Angela Merkel ein Interesse haben: Ein Bruch dürfte schließlich in letzter Konsequenz beide das Amt kosten. Noch würde eine „Kanzlerindämmerung“ also überraschen - auch, wenn es im ZDF schon ein wenig anders klingt.

fn

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