Castor bahnt sich Weg - Gleisblockaden dauern an

Gorleben. Es ist ein kräftezehrendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Demonstranten an der Castor-Strecke. Der Zug hat unterdessen am Sonntagabend  nach einer eineinhalbstündigen Pause den Bahnhof Dahlenburg in Richtung Dannenberg verlassen.

Die letzten Kilometer des Castor-Transports sind auch diesmal die schwersten. Gleisblockaden und Demonstranten versperren dem Atommüll-Zug kurz vor dem Ziel den Weg. Wann der bisher langwierigste Transport in Gorleben eintrifft, ist völlig offen.

In jedem Fall bricht schon lange vor seinem endgültigen Ziel im niedersächsischen Gorleben alle Zeitrekorde. Bereits am Sonntagmittag war der 13. Sonderzug aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague länger unterwegs als jeder vor ihm. 2010 waren die elf Behälter mit dem strahlenden Abfall nach 92 Stunden ins atomare Zwischenlager Gorleben eingefahren.

Unterdessen gehen die Proteste in unverminderter Härte weiter. Polizisten seien mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen worden, Wurfgeschosse seien auch auf eine Reiterstaffel der Polizei geflogen. Es herrsche eine „diffuse Lage“, sagte ein Polizeisprecher. Ein Journalist am Ort berichtete von gefährlichen Situationen. Die Polizei soll Wasserwerfer in dem Waldgebiet postiert haben.

Die ganze Nacht zum Sonntag hatten Schienen- und Straßenblockaden von Castor-Gegnern zuvor schon die Polizei beschäftigt. Mindestens 3000 Demonstranten harrten rund zwölf Stunden lang auf den Bahngleisen der Castor-Strecke aus, um dem Atommüll-Transport nach Gorleben den Weg zu versperren.

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Gegen drei Uhr nachts habe die Polizei mit der Räumung der Sitzblockade in einem Waldstück bei Hitzacker begonnen, sagte ein Polizeisprecher am Sonntagmorgen in Lüneburg. Zwei Kletterer haben sich dort laut Polizei zudem auf Bäumen an der Strecke festgekettet. Beamte versuchten sie herunter zu holen. Der Zug mit hochradioaktivem Atommüll wartet derweil seit mehr als zwölf Stunden am Güterbahnhof Maschen bei Hamburg - rund 100 Kilometer von seinem Ziel Gorleben entfernt.

Castor: Heftige Auseinandersetzungen in Niedersachsen

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Mit schwerem technischen Gerät musste die Polizei in der Nacht und am Morgen ausrücken, um Menschen von den Gleisen befreien. Vier Atomkraftgegner machten sich an den Bahngleisen zwischen Lüneburg und Dannenberg mit einer Rohrvorrichtung fest. Je ein Arm stecke in einem Betonblock, der unter den Gleisen verankert ist, hieß es von den Castor-Gegnern. Mit einem Presslufthammer versuche die Polizei sie zu befreien. „Das wird uns noch länger beschäftigen“, sagte ein Polizeisprecher. „Das ist eine nicht einfache Konstruktion.“

Kurzclip: Hier rollt der Castor durch Niedersachsen

Bislang wurden etwa 150 Personen während der Proteste verletzt. Viele Demonstranten erlitten Augenverletzungen durch Pfefferspray, andere Prellungen durch Schlagstöcke. Ein Sprecher der Polizei sprach von etwa 35 verletzten Beamten - die meisten durch Steine oder Tränengas der Atomkraftgegner.

Am späten Nachmittag hatten sich Demonstranten auf die Schienen gesetzt, ein großes Polizeiaufgebot postierte sich an der Strecke. Die Blockierer wollten den Castor-Zug mit den elf Atommüll-Behältern so lange wie möglich aufhalten. Die Anti-Atom-Initiative „Widersetzen“ sprach von 2000 Menschen bei der Sitzblockade, die Polizei sprach von 1200 und einem raschen Zulauf. Im vergangenen Jahr hatten die Atomkraftgegner 20 Stunden auf den Gleisen bei Harlingen ausgeharrt, die Räumung durch die Polizei dauerte rund sechs Stunden. Wann der Castor-Transport Dannenberg erreichen wird, war unklar.

Atomkraftgegner kritisierten die Einsatzstrategie der Polizei als zu hart. Die Sicherheitskräfte dagegen berichteten immer wieder von aggressiven Attacken gegen Beamte.

Artikel aktualisiert um 20.30 Uhr.

Bei einer friedlichen Kundgebung in Dannenberg forderten am Mittag tausende Atomkraftgegner aus ganz Deutschland, dass der Salzstock Gorleben niemals ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll werden dürfe. Die Anti-Atom-Gruppen sprachen von etwa 23.000 Demonstranten. Andere Protestierer versuchten derweil mit Aktionen an den Gleisen der Castor-Strecke, den Atommüll-Zug aufzuhalten.

Die Polizei setzte in einem Waldstück Schlagstöcke und Pfefferspray ein, wie mehrere Augenzeugen schilderten. Es gab Verletzte. Wann der Castor-Zug, der am Mittwoch in Frankreich gestartet war, die wichtige Station am Verladebahnhof in Dannenberg erreicht, war noch unklar. Dort werden die elf Castor-Behälter für die Straßenetappe bis zum Zwischenlager Gorleben auf Lastwagen verladen. Atomkraftgegner haben weitere Blockaden angekündigt, die Polizei bereitet sich auf eine lange Nacht vor.

Begleitet von Protesten und Blockadeaktionen hatte sich der Castor-Transport mit Atommüll am Samstagmorgen seinen Weg durch Südniedersachsen gebahnt. Immer wieder kam der Zug mit den elf Atommüll-Behältern ins Stocken, weil Demonstranten auf die Gleise gelangten. In der Nacht kam es im Wendland erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizeikräften.

Der Zug musste am Samstagmorgen unter anderem in der Nähe von Göttingen wegen Blockaden stoppen. Ein Polizeisprecher in Lüneburg sagte, es seien etwa 20 Menschen auf den Gleisen. Und auch sonst muss am heutigen Samstag weiter mit einem Stop-and-Go-Verkehr gerechnet werden. Mehrere hundert Castor-Gegner waren mit Strohballen, Helmen und Schutzbrillen in einem Waldstück im Wendland unterwegs, durch das der Zug später rollen soll. Sie wollten an der Schienenstrecke Steine entfernen und so die Gleise unterhöhlen.

Fotos: Aktivisten blockierten Transport bei Friedland

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Unterdessen bestätigte die Polizeidirektion Lüneburg, dass mindestens rund 50 Castor-Gegner bei Harlingen an der Bahnstrecke nach Dannenberg versuchten, die Gleise zu unterhöhlen. „Die Situation wurde aber ohne Schäden bereinigt“, hieß es. Weitere knapp 300 Protestierende hielten sich in einem angrenzenden Waldstück auf. Einige von ihnen hätten mit Böllern nach den Beamten geworfen. Im Internet-Kurzmitteilungsdienst „Twitter“ berichteten Beobachter zudem von verbogenen Schienen und brennenden Autoreifen. Die Polizei wollte dazu zunächst keine Stellungnahme abgeben.

Die Polizei berichtete auch von gefährlichen Störaktionen und Angriffen auf Polizeikräfte am Freitag. Castor-Gegner hätten Bäume abgesägt sowie Reifen und Äste in Brand gesetzt. Zudem sollen Metallketten gespannt worden sein, um Polizeifahrzeuge zu stoppen. Es sollen Steine geflogen sein, Freitagnacht erlitten laut Polizei rund 20 Beamte Verletzungen.

Wann der Zug die Verladestation in Dannenberg erreicht, war noch unklar. Dort werden die elf Castor-Behälter für den Straßentransport vorbereitet. Der Atommüll muss dann noch eine letzte Etappe bis zum Zwischenlager Gorleben zurückzulegen.

Fotos: Castortransport passiert die Grenze zu Niedersachsen

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Ob der Transport aus dem französischen La Hague dann bereits am Sonntag oder erst am Montag das Zwischenlager Gorleben erreichen soll, war noch unklar. Zudem könnte starker Wind das Umladen der Castoren von der Schiene auf Lastwagen in Dannenberg verzögern. Meteorologen sagten für das Wochenende heftige Windböen voraus.

Unterdessen wurden für Samstagnachmittag nahe dem Umladebahnhof in Dannenberg tausende Atomkraftgegner zu einer Demonstration erwartet. Andere Castor-Gegner versuchten am Vormittag außerdem, über ein Waldgebiet an die Schienenstrecke zu gelangen, um den Zug mit der strahlenden Fracht aufzuhalten.

„Der 13. Castortransport (...) ist ein Symbol der gescheiterten Atommüllpolitik“, sagte eine Sprecherin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Die Anti-Atom-Gruppen fordern zudem, dass der Salzstock Gorleben - er liegt gleich in der Nähe des oberirdischen Zwischenlagers - nicht länger als mögliches Atomendlager untersucht werden dürfe. Er sei für die Entsorgung des hoch radioaktiven Abfalls nicht geeignet.

Aktionen von Castor-Gegnern gab es am Samstag nicht nur an der alten Bahnstrecke zwischen Kassel und Göttingen bei Neu-Eichenberg, die eineinhalb Stunden blockiert war, sondern auch an der ICE-Strecke. Die Bahn leitete deshalb viele IC- und ICE-Züge am Samstag über die alte Strecke um. Eine solche Umleitung verursacht allein schon etwa eine halbe Stunde Verspätung bei jedem betroffenen Zug, sagt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis auf Anfrage. Einen Überblick darüber, wie viele Züge von den Umleitungen betroffen sind und zu welchen Verspätungen es insgesamt gekommen ist, kann die Bahn nach seinen Angaben erst nach dem Wochenende geben.

Der Castor-Transport ist der letzte mit hoch radioaktivem Abfall aus Frankreich nach Gorleben. Die Behälter mit deutschen Atommüll aus der Wiederaufarbeitung in La Hague waren am Mittwochnachmittag gestartet, mehrmals legte der Zug auch planmäßige Zwischenstopps ein. Insgesamt muss der Castor rund 1200 Kilometer von Frankreich bis ins Zwischenlager Gorleben zurücklegen. (str/dpa/dapd/rpp/mak)

Rubriklistenbild: © dpa

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