Neue Höchststrahlung gemessen

Atomruine in Fukushima leckt oben und unten

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Tanklager für Strahlenbrühe: Mitarbeiter der japanischen Atomaufsicht NRA Ende August bei einem Kontrollgang auf dem Fukushima-Gelände.

Fukushima. Die Hiobsbotschaften aus der japanischen Atomruine Fukushima reißen nicht ab: Während die Region an Japans Ostküste am Dienstag wieder von einem Erdbeben erschüttert wurde, meldete AKW-Betreiber Tepco einen neuen Strahlenrekord.

An einem der Tanks für verstrahltes Kühlwasser wurde ein Dosiswert von 2200 Millisievert pro Stunde gemessen. Laut Tepco sind die Reparaturtrupps in ihren Overalls dagegen geschützt. Ohne Abschirmung wäre diese Dosis nach vier Stunden aber tödlich.

Die Räumung der geschmolzenen Brennstabkerne in den Blöcken 1, 2 und 3 wird frühestens in 30 oder 40 Jahren erwartet. Derzeit schlägt Tepco sich mit ganz anderen Problemen herum: Zur Kühlung des Reaktorschrotts werden in die Ruine jeden Tag hunderte Tonnen Wasser gepumpt. Das läuft dann - hoch radioaktiv belastet - in die Anlagenkeller und vermischt sich dort mit einsickerndem Grundwasser.

Die Strahlenbrühe wird abgepumpt, von Teilen des Strahlenmaterials gereinigt und erneut in die Kühlung geschickt. Das Problem: Dieser Kreislauf ist nicht geschlossen - durch die Grundwasserzutritte bleiben Tag für Tag neu ein paar hundert Tonnen übrig. Die werden in einer immer weiter wachsenden Reihe von nun rund 1000 Tanks gebunkert. Diese Tanks lecken. Aus einem waren kürzlich 300 Tonnen ausgelaufen. Es werden weitere Lecks befürchtet, weil die Kunstharzdichtungen der Großbehälter bröckeln, räumte Tepco gestern ein.

Strahlenbrühe ins Meer

Wie einige Tanks ist zu allem Unglück auch die gesamte Atomruine undicht. Offenbar schon seit zwei Jahren sickert verseuchtes Wasser in den nahen Pazifik. Japans Regierung sprach Anfang August von 300 Tonnen täglich. Sprich: Diese Leckage Richtung Meer würde jede Woche ein 50-Meter-Schwimmbecken füllen.

Tepco kämpft an vielen Fronten. Ohne großen Erfolg, sagen Atomexperten auch in Deutschland. Das Stapeln der verstrahlten Fluten sei „extrem provisorisch“ gelaufen und lange völlig unzureichend kontrolliert, so Christoph Pistner, Sicherheitsexperte des Ökoinstituts in Darmstadt, gegenüber unserer Zeitung.

Auch Japans Regierung unter Premier Shinzo Abe traut den Tepco-Leuten nach einer langen Kette von Pannen und Vertuschung nichts mehr zu. Sie hat sich selbst ins Krisenmanagement eingeschaltet. Abe will trotz des Fukushima-GAU die Atomkraft in Japan gern wieder salonfähig machen. Zudem treiben ihn Befürchtungen, Tokio könnte am 7. September bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2020 wieder leer ausgehen.

Der jüngste Krisenplan: Abe will 360 Mio. Euro bereitstellen, damit Tepco eine 1,4 Kilometer lange Gefrieranlage um die Atomruine legen kann. Sie würde, wenn’s klappt, tief ins Erdreich hinein einen Ringpanzer aus Eis bilden können, der die Anlage gegenüber dem Grundwasser abdichtet. Japans vorerst letzte Hoffnung soll 2015 einsatzfähig sein - sie läuft mit Strom.

Von Wolfgang Riek

Mehr zum Thema in der gedruckten Ausgabe am Donnerstag.

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