Stauffenbergs Bombe explodierte in Hitlers Hauptquartier, doch der Diktator überlebte

Attentat auf Hitler vor 70 Jahren: Der missglückte Staatsstreich

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Der Diktator und der Attentäter: Das einzige Foto, das Adolf Hitler und Oberst Stauffenberg (links) zeigt. Entstanden ist es am 15. Juli 1944 in der Wolfsschanze, als Hitler gerade Fliegergeneral Bodenschatz begrüßt. Fünf Tage später hat Stauffenberg zwei Bomben dabei.

Am 20. Juli soll es endlich gelingen, das von den Verschwörern lange geplante Attentat auf Hitler. Um 13 Uhr finden im Führerhauptquartier im ostpreußischen Rastenburg, der Wolfsschanze, normalerweise die Lagebesprechungen mit Hitler statt.

Doch weil an diesem Tag Italiens Duce Benito Mussolini erwartet wird, muss die Besprechung überraschend um eine halbe Stunde vorverlegt werden.

Oberst Stauffenberg, der erst kurz zuvor mit seinem Adjutanten Werner von Haeften aus Berlin kommend, gelandet ist, gerät unter Zeitdruck. In einem Nebenraum aktiviert er in höchster Eile eine der beiden mitgebrachten Bomben, die zweite muss der durch seine Kriegsverletzung stark gehandicapte Stauffenberg – die rechte Hand und zwei Finger der linken hat er in Tunesien verloren – zurücklassen.

In der gedruckten Wochenend-Ausgabe der HNA lesen Sie außerdem:

- "Bereit zum Umsturz" - Ein Porträt: Claus Schenk von Stauffenberg, vom Nazi-Sympathisanten zum Attentäter

- Widerstand - Sie kämpften gegen die Nazis

- „Wir dürfen nicht warten“: Adam von Trott zu Solz gehörte zu den Verschwörern vom 20. Juli – und bezahlte dies mit dem Leben

„Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte (koste es, was es wolle). Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat.“

In diesem Moment, es ist 12.42 Uhr, explodiert die Bombe. Stauffenberg sieht blutende Männer aus der Baracke taumeln, glaubt, dass Hitler tot ist. Im allgemeinen Chaos und mit kaltblütiger Entschlossenheit an der Toreinfahrt gelingt dem Attentäter die Flucht zum Flughafen.

Gegen 15.50 Uhr trifft Stauffenberg in der Berliner Bendlerstraße, dem Oberkommando des Ersatzheeres, ein. Er ist entsetzt. Die Mitverschwörer haben die Nachricht vom Attentat erhalten, aber immer noch nicht die Operation Walküre ausgelöst. Ihren Staatsstreich stützen die Verschwörer nämlich auf diesen Einsatzplan, der für den Fall innerer Unruhen ausgearbeitet wurde. Er ist mit Geheimbefehlen so ergänzt worden, dass das Militär scheinbar ganz legal die Macht übernehmen und SS- und Gestapo-Einheiten entwaffnen kann. Erst als Stauffenberg immer wieder versichert, der Diktator sei tot, wird Walküre ausgelöst. Und tatsächlich werden in einigen deutschen Städten, darunter Kassel, sowie in Paris und Wien SD- und SS-Einheiten festgesetzt. Der Staatsstreich läuft.

Die Bombe ist explodiert, Hitler hat überlebt: Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der Reichskanzlei, Martin Bormann (links), besichtigen den Kartenraum, in dem vier Teilnehmer der Besprechung ums Leben gekommen sind.

Doch um 18.45 Uhr bringt der Deutschlandsender eine Sondermeldung über das Attentat und dass Hitler überlebt hat. Schnell wendet sich nun das Blatt, Hitler nimmt das Heft in die Hand. Per Telefon gibt er dem Kommandeur des Berliner Wachbataillons, Major Otto Ernst Remer, den Befehl, den Putsch niederzuschlagen. Remer marschiert zum Bendlerblock, der fast kampflos besetzt werden kann, nur wenige Schüsse fallen.

Der Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm, der den Verschwörern in den vergangenen Monaten signalisiert hatte, dass er mit dem Putsch sympathisiere, schlägt sich jetzt auf die Seite Remers und lässt Stauffenberg und die anderen verhaften. General Ludwig Beck, von den Putschisten als Reichsverweser vorgesehen, wird die Bitte erfüllt, sich erschießen zu dürfen, was nicht gelingt. Ein Feldwebel tötet den schwer Verletzten mit einem Genickschuss.

Die Verschwörer Stauffenberg, Werner von Haeften, Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Friedrich Olbricht werden auf Befehl Fromms gegen Mitternacht im Innenhof des Bendlerblocks erschossen. Stauffenberg soll gerufen haben: Es lebe das heilige Deutschland.

Die Leichen der vier Offiziere werden noch in der Nacht auf dem Matthäi-Friedhof verscharrt, am nächsten Morgen auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler wieder ausgegraben, verbrannt, und die Asche wird in alle Winde zerstreut.

Das Regime kannte keine Gnade

Nach dem gescheiterten Attentat ließ Hitler kurzen Prozess mit den Verschwörern machen

Die Frage, warum der Staatsstreich letztlich scheiterte, hat Generationen von Historikern beschäftigt. Da sind zum einen die äußeren Gründe:

• Hätte die Lagebesprechung nicht in der Baracke, sondern im Führerbunker stattgefunden, wäre Hitler durch die Druckwelle wahrscheinlich getötet worden. In der Baracke aber war die Wirkung nur eines Sprengsatzes geringer, tötete nur vier andere Besprechungsteilnehmer.

• Hinzu kommt die Doppelbelastung des schwer behinderten Stauffenberg als Attentäter in der Wolfsschanze und als Putschorganisator in der Bendlerstraße.

• Außerdem wurde Walküre offensichtlich zu spät ausgelöst und die Nachrichtenverbindungen zum Führerhauptquartier nicht abgeschnitten.

• Es gab aber vielleicht auch tiefere Gründe, die bei einigen Mitverschwörern in Bedenken und Skrupeln gegenüber Attentat und Staatsstreich zu suchen sind, und die möglicherweise dazu führten, dass der Putsch nicht entschlossen, nicht kaltblütig genug inszeniert wurde. Hitler-Biograf Joachim Fest (1926 – 2006) hatte wahrscheinlich Recht, als er von inneren Hemmnissen vor einer Tat sprach, die allzu vielen Denkgewohnheiten und traditionsgeheiligten Reflexen zuwiderlief.

Fanatischer Nationalsozialist: Roland Freisler, in Celle geboren, in Kassel zur Schule gegangen, wo er auch eine Anwaltskanzlei unterhielt. Im Februar 1945 starb der Vorsitzende des Volksgerichtshofes bei einem Luftangriff auf Berlin.

Der Diktator und seine Schergen hatten solche Skrupel nicht. Gleich nach dem Attentat spricht er von einem „furchtbaren Strafgericht“, das Schuldige und deren Familien „austilgen“ soll. Unter dem Decknamen „Gewitter“ läuft eine große Verhaftungswelle an. Hitler sieht die Chance, die von ihm gehasste Klasse der Aristokraten und alten Offiziere zu liquidieren. Die Verhöre werden mit auch für Nazi-Verhältnisse bemerkenswerter Brutalität geführt. Das Scheitern des 20. Juli bringt hunderten den Tod, die standrechtlich erschossen oder vom Volksgerichtshof unter seinem berüchtigten Vorsitzenden Roland Freisler abgeurteilt oder in Konzentrationslagern ermordet werden. Einige prominente Widerstandskämpfer wie General Henning von Tresckow suchen den Freitod.

Von der Gestapo gefoltert, vom Gerichtsvorsitzenden niedergeschrien, beweisen viele Angeklagte heroische Größe. Auch angesichts des Todes bestreiten sie ihre Tat nicht, sondern bezeugen Ernst und Entschlossenheit des Widerstandes, nennen die Verbrechen beim Namen. Mutig bieten viele dem geifernden Freisler die Stirn.

Hitler ordnet an, dass die Verschwörer „hängen sollen wie gemeine Verbrecher“. In Berlin-Plötzensee werden die Hinrichtungen vollzogen, die Verurteilten an Fleischerhaken erwürgt.

Das Sterben an den Fronten und in den Städten geht bis zum 8. Mai 1945 weiter. 7,6 Millionen Deutsche müssen noch sterben. Hitler begeht am 30. April 1945 in seinem Berliner Führerbunker Selbstmord.

Von Wolfgang Blieffert

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