Schüsse von Sarajevo

Die Urkatastrophe: Ein Attentat vor 100 Jahren und zwei Weltkriege

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Die Urkatastrophe: Ein Attentat vor 100 Jahren und zwei Weltkriege. Die Grafik in hoher Auflösung finden Sie nebenan in der Textbox.

Mit den Schüssen von Sarajevo jährt sich morgen zum hundertsten Mal jenes Attentat, das Europa zunächst in die Julikrise und dann in den Ersten Weltkrieg führte. In einer Serie beleuchten wir in den nächsten Wochen Europas Weg in den Krieg und die verheerenden Folgen.

Hier die Grafik zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in hoher Auflösung

"Alles fing mit einem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an. Hinter der Gräueltat von Sarajevo stand eine erklärte Terrororganisation, die einen Opfer-, Todes- und Rachekult pflegte. (...) Sie war in Zellen über politische Grenzen hinweg verstreut, man konnte sie nicht zur Rechenschaft ziehen. Zu einer souveränen Regierung (der serbischen) unterhielt sie lediglich indirekt und heimlich Kontakte, die für Außenstehende kaum auszumachen waren.“

Mit diesen Worten beschwört der australische Historiker Christopher Clark eine auffällige Ähnlichkeit des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand vom 28. Juni 1914 mit heutigen terroristischen Aktivitäten. Die Schüsse von Sarajevo stürzten Europa in seine Urkatastrophe – und in das blutrünstigste Jahrhundert der Weltgeschichte.

Von wegen düsteres Mittelalter. Zu Recht weist Clark in seinem unlängst erschienenen Buch über die Ursachen des Ersten Weltkriegs auf das komplexe und unberechenbare Gefüge der damaligen europäischen Mächte und ihrer Interessen hin. Heute – nach dem Ende des Kalten Kriegs – liegt auch hierin wieder eine verstörende Parallele mit der damaligen Situation. Sogar innerhalb Europas werden Grenzen in Frage gestellt und mit Waffengewalt versucht zu verändern.

Um zu verstehen, warum das Attentat von Sarajevo eine immer irrwitzigere Abfolge von gravierenden Entscheidungen und harschen Gegenmaßnahmen auslösen konnte, muss man die Wege der Entscheidungsträger beleuchten und die Situationen der beteiligten Staaten betrachten. Das wird unsere Redaktion in den nächsten Tagen und Wochen mit einer Serie von Beiträgen tun – genau hundert Jahre nach jenen Verwicklungen, die unter dem späteren Namen „Julikrise“ in den Ersten Weltkrieg führten.

"Serbien muss sterbien“ – nach dem Attentat von Sarajevo brachten Postkarten mit solchen Sprüchen österreichische Vergeltungsgelüste zum Ausdruck. Doch der österreichisch-ungarische Vielvölkerstaat, der mit gemeinsamer Währung und einem komplizierten Interessenausgleich in manchem als Vorläufer der heutigen Europäischen Union gelten kann, konnte sich seiner Bevölkerung nicht sicher sein. Zu unterschiedlich waren die nationalen Interessen innerhalb der kaiserlichen und königlichen (k.u.k.) Doppelmonarchie unter dem greisen Kaiser Franz Joseph.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der erschossene Franz Ferdinand eine radikale politische Neuordnung des Habsburgerreichs durch die Bildung von halbautonomen Teilstaaten plante. Entstehen sollte eine große Förderation, die „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“ – darunter Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sowie Teile des heutigen Italiens, Serbiens, Montenegros, Rumäniens, Polens und der Ukraine.

Fest steht, dass in der Julikrise Bündniszusagen, aber vor allem Misstrauen und misstrauensfördernde Maßnahmen wie etwa Waffenlieferungen und Kredite Frankreichs an Serbien die europäischen Staaten unaufhaltsam in den Krieg trieben. Bezeichnend für dieses politische Irrlichtern ist, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 6. Juli, mitten in der Krise, auf seiner Jacht Hohenzollern zu seiner allsommerlichen Nordlandreise aufbrach. Auf deutscher Seite betätigten sich vor allem Generalstabschef Helmuth Johannes Ludwig von Moltke und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg als Kriegstreiber.

Als England am 4. August 1914 seine Beziehungen zum Deutschen Reich abbricht, stehen die Mittelmächte, Deutschland und die K.u.K.-Monarchie, vor einem stets gefürchteten Zweifrontenkrieg. Der von den deutschen Generalen erhoffte schnelle Sieg in Frankreich kommt schon im September an der Marne ins Stocken. Die militärische Niederlage und Revolution Russlands bereiten den Boden für künftige Schrecken.

Am Ende des Kriegs, im November 1918, sind 17 Millionen Tote zu beklagen. Das nicht nur von den Nationalsozialisten so genannte „Schanddiktat“ der Sieger in Versailles und drückende Reparationsforderungen gegen das deutsche Reich führen zu erbitterten Revanchegelüsten. Sie bereiten den Nationalsozialisten unter Adolf Hitler und den von ihnen angezettelten neuen Kriegen den Boden. Der den Ungarn im Vertrag von Trianon (benannt nach einem Schloss im Park von Versailles) diktierte Verlust von zwei Dritteln ihres einstigen Staatsgebiets mit einem Drittel ihrer gesamten Bevölkerung sorgt bis heute in der Region für Spannungen.

Wer das 20. Jahrhundert und unsere Gegenwart verstehen will, der muss den Ersten Weltkrieg verstehen – und wie es dazu kam.

Von Tibor Pézsa

Die Julikrise: Vom Attentat zum Krieg

Der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zum Weltkrieg. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn: 

28. Juni 1914:  Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation Schwarze Hand erschossen.

5. Juli: Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli: Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer Blankovollmacht seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli: Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli: Wiener 48-Stunden-Ultimatum an Serbien: Gegen Österreich-Ungarn gerichtete Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft, Schuldige bestraft werden.

25. Juli:  Serbien akzeptiert alle Forderungen, so sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält dies für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Zar Nikolaus II. Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli: Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli: Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an. 1. August: Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August:  Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

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