Auch unsere Ernte steht auf dem Halm

Dr. Dirk Ippen schreibt in seiner aktuellen Kolumne über die Ernte.

Bei den Bauern hier in unserem Feriendorf an der Küste bestimmen die Ernteaussichten und das Wetter jetzt alles Bangen und Hoffen. Die Gerste ist schon gemäht, kam trocken in die Scheuer. Sie hat gut gegeben.

Aber am letzten Wochenende tobte ein wahrer Orkan. Seit Tagen regnet es dazu. Nun „liegt“ ein großer Teil der Weizenernte, die doch so vielversprechend stand. Was dort noch wachsen wird, ist allenfalls „Vogelfutter“, kleine wertlose Körner. Gut möglich, dass die am Boden liegenden Ähren sogar „auswachsen“ und als neu aufgekeimte Frucht nichts mehr taugen. Die Ernte wird zudem später beginnen und länger dauern, weil das am Boden liegende Getreide nur langsam von der Schnecke des Mähdreschers erfasst werden kann. Der Nachbar hat vorsorglich einen zweiten Mähdrescher für die Erntetage bestellt, um keine Zeit zu verlieren. Zu spät ins Jahr zu kommen mit Pflügen und Säen ist gefährlich, weil es im Herbst hier wieder viel Regen geben kann. Die Felder an der Küste sind dann zu nass zur Bestellung.

Der Weizen ist so etwas wie die innerste Natur, die Krönung allen Kornes, so wie das Gold unter den Metallen. Aber „Weizen auf dem Halm“ ist sprichwörtlich wie ein „Schiff auf hoher See“. Prächtig ist er anzuschauen, wie er wogt im Sommerwind, aber vor der sicheren Einkehr in die Scheuer liegt die Gefahr von Verlust und Untergang.

Den Weizen auf dem Halm zu kaufen, ist immer schon ein hoch spekulatives, riskantes Geschäft gewesen, mit Verlust für den Verkäufer. Wenn alles gut geht, winkt dem Käufer ein satter Gewinn, weil die Ernte auf dem Halm billig zu haben war. Im Roman Buddenbrooks wird geschildert, wie der Kaufmann Thomas Buddenbrook ausgerechnet am Tag des Firmenjubiläums die Nachricht bekommt, dass die ganze, von ihm in Mecklenburg auf dem Halm gekaufte Ernte durch ein Unwetter vernichtet ist. Der Niedergang des alten Handelshauses nimmt nun seinen Lauf.

Wie mit dem Weizen, so ist es auch mit unserer Lebensernte. Die wollen wir doch alle einfahren. Wer jung genug ist, kann noch aussäen und für Wachstum sorgen. Wir Älteren meinen manchmal, es steht doch gut bei uns, wir haben nicht mehr viel zu tun, ein gelungenes Leben liegt zum Greifen nahe. Aber bis zum letzten Tag steht auch unsere Ernte auf dem Halm, ist unser Lebensglück ein Schiff auf hoher See.

Unsere ganze Lebenskunst ist gefordert, um sie sicher einzubringen, unsere Lebensernte. Glücklich, wer sie nicht eines Tages auf dem Halm unter Wert abgeben muss.

Rubriklistenbild: © dpa

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