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„Auf Krieg mit China vorbereiten“: Taiwan verdreifacht Dauer der Wehrpflicht

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Von: Sven Hauberg

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Zwölf statt vier Monate: Der Dienst an der Waffe dauert für Taiwans Wehrpflichtige künftig deutlich länger. Grund dafür ist das zunehmend aggressive Verhalten Chinas.

München/Taipeh/Peking – Junge Männer in Taiwan müssen künftig deutlich länger Wehrdienst leisten: Die Dienstdauer werden von vier auf zwölf Monate verdreifacht, kündigte Präsidentin Tsai Ing-wen am Dienstag in Taipeh an. Als Grund nannte Tsai laut der taiwanischen Nachrichtenagentur CNA, dass das Land für einen möglichen chinesischen Angriff gerüstet sein müsse. Betroffen von der Neuregelung, die ab 2024 gelten soll, sind Männer, die nach dem 31. Dezember 2004 geboren wurden. Der monatliche Sold der Wehrdienstleistenden, so Tsai, werde zudem mehr als verdreifacht, berichtet merkur.de.

Angesichts der massiven Drohungen aus China, das Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, sei die kurze Dienstdauer nicht mehr zeitgemäß, so Tsai, die am Dienstag von einer „schwierigen Entscheidung“ sprach. „Einschüchterungen und Drohungen gegen Taiwan“ würden immer „offensichtlicher“ werden, so Tsai. „Wir können einen Krieg nur vermeiden, wenn wir uns auf einen Krieg vorbereiten, und wir können einen Krieg nur beenden, wenn wir in der Lage sind, einen Krieg zu führen“, so Taiwans Präsidentin weiter. 

Nach der Neugründung der Republik China auf Taiwan im Jahr 1949 mussten Männer ab 18 Jahren zunächst zwei bei drei Jahre Wehrdienst leisten. Ab dem Jahr 2000 wurde die Dienstdauer schrittweise auf ein Jahr reduziert. Unter Tsais Vorgänger Ma Ying-jeou wurde Taiwans Militär dann größtenteils in eine Berufsarmee umgewandelt, gleichzeitig senkte die Regierung die Dauer der Wehrpflicht auf vier Monate.

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen kündigt auf einer Pressekonferenz die Verlängerung der Wehrdienstzeit auf ein Jahr an.
Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen kündigt auf einer Pressekonferenz die Verlängerung der Wehrdienstzeit auf ein Jahr an. © Sam Yeh/afp

Lage zwischen China und Taiwan so angespannt wie lange nicht mehr

Die Regierung in Peking droht seit Jahrzehnten damit, sich das demokratisch regierte Taiwan einzuverleiben. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sagte zuletzt im Oktober auf dem Parteitag seiner Kommunistischen Partei, die Taiwan-Frage solle möglichst friedlich gelöst werden, „aber wir werden niemals versprechen, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten, und wir behalten uns die Möglichkeit vor, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen“.

Die Lage zwischen China und Taiwan ist seit Monaten angespannt. Im August hatte Peking auf den Taiwan-Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi mit massiven Militärmanövern rund um die Insel reagiert. Zudem dringen immer wieder Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe in Taiwans Luftraumüberwachungszone (Air Defence Identification Zone, ADIZ) ein. Am Montag erst meldete das Verteidigungsministerium in Taipeh die Rekordzahl von 71 chinesische Militärflugzeuge und sieben Kriegsschiffen, die in der Nähe Taiwans gesichtet worden seien. 47 der Flugzeuge seien in die ADIZ der Insel eingedrungen, teilte das Ministerium auf Twitter mit. Unter den Kampfjets seien auch sechs Kampfflugzeuge vom Typ SU-30 gewesen, die zu den modernsten Chinas gehörten. Das Verteidigungsministerium in Taipeh meldet seit Monaten fast täglich derartige Vorfälle.

Wann greift China Taiwan an – und wie reagieren die USA?

Die chinesische Volksbefreiungsarmee hatte am Sonntag erklärt, man habe „gemeinsame Patrouillen zur Kampfbereitschaft und Angriffsübungen auf dem Wasser und im Luftraum rund um die Insel Taiwan organisiert“. Laut einem Armeesprecher handelte es sich bei der Übung um eine „robuste Antwort auf die zunehmende Kollusion und Provokationen durch die USA und die taiwanischen Behörden“. Vor allem Militärhilfen für Taiwan in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar, die Washington unlängst beschlossen hatte, erzürnen die Regierung in Peking. Teil der Militärhilfen sind auch erneute Waffenlieferungen nach Taiwan. China, das zuletzt seine Corona-Maßnahmen massiv gelockert hatte, lehne dies „stark“ ab, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Samstag.

Unter Experten ist umstritten, ob China schon in den kommenden Jahren Taiwan angreifen will. Als mögliche Daten werden das Jahr 2027 genannt, wenn Chinas Volksbefreiungsarmee den 100. Jahrestag ihrer Gründung begeht, sowie das Jahr 2049. Dann feiert die Volksrepublik den 100. Jahrestag ihrer Gründung im Jahr 1949. Die meisten Analysten halten aber auch andere Szenarien als einen Einmarsch für möglich, etwa eine Blockade Taiwans oder massive Cyberangriffe. Eine militärische Invasion müsste zudem lange vorbereitet werden, sodass nicht mit einem Überraschungsangriff zu rechnen sei.

Unklar ist, wie sich die USA im Falle einer Invasion verhalten würden. Bislang verfolgte Washington eine Politik der Mehrdeutigkeit und ließ offen, ob die USA militärisch eingreifen würden; so sollte Peking im Unklaren gelassen und abgeschreckt werden. Zuletzt hatte US-Präsident Joe Biden allerdings mehrfach erklärt, die USA würden Taiwan auch militärisch beistehen, sollte es zu einem chinesischen Angriff kommen.

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