Aufkeimender Antisemitismus macht Juden Angst, auch in unserer Region

In Kassel feiern die Mitglieder der jüdischen Gemeinde ihre Gottesdienste seit 2000 in ihrer neuen Synagoge. Die Akzeptanz der Gemeinden in den Kommunen ändert nichts daran, dass Antisemitismus Juden in Deutschland wieder ängstigt. Archivfotos: dpa

Frankfurt / Kassel / Göttingen. Der Zentralrat der Juden hat seit gestern einen neuen Vorsitzenden: Nachfolger des Frankfurters Dieter Graumann (64), der vier Jahre an der Spitze des Gremiums stand, ist der Würzburger Arzt Josef Schuster, bislang Stellvertreter Graumanns.

Der 60-jährige Franke Schuster kündigte an, den offenen und zukunftsgewandten Ansatz Graumanns fortzuführen. Dazu gehört auch eine Öffnung des orthodoxen gegenüber dem liberalen Judentum.

Zuletzt hatte der scheidende Präsident die muslimischen Verbände aufgefordert, sich deutlicher von Gewalt und Fanatismus zu distanzieren und gegen den Antisemitismus in ihren Gemeinden vorzugehen. Antisemitismus werde in Deutschland wieder offen ausgelebt, warnte Graumann.

Neu an der Spitze des Zentralrates: Josef Schuster (60).

Auch Eva Schulz-Jander, auf katholischer Seite seit Langem auf Bundesebene wie in Kassel für die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit aktiv, mahnt, auf der Hut zu sein. Der 79-Jährigen, die aus einem katholisch-jüdischen Elternhaus stammt und deren Großmutter in Theresienstadt ums Leben kam, ist die Versöhnung von Juden und Nichtjuden zur Lebensaufgabe geworden. „Ich persönlich habe keine Angst“, sagt die in Breslau geborene und in den USA aufgewachsene Schulz-Jander, die seit 1975 in Kassel lebt. „Aber die Atmosphäre ist eine andere geworden“, der Konflikt in Israel und Gaza sei für viele generell angsterregend.

So beschreibt auch Eva Tichauer Moritz, die Vorsitzende der konservativ orientierten Jüdischen Kultusgemeinde in Göttingen: „Das Klima hat sich verändert.“ Die 70-Jährige, die vor 40 Jahren aus Chile nach Göttingen kam, sagt, das gelte auch in ihrer alten Heimat, wo eine der größten Auslandsgemeinden der Palästinenser lebt.

HNA-Kommentar

Zeigen wir Solidarität

Beide Frauen registrieren, dass sich gerade die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die heute die Mehrheit in den deutschen Gemeinden darstellen, weniger wohl fühlten, wenn es beispielsweise Demonstrationen gegen die israelische Politik gebe: „Sie haben weniger Erfahrung mit der Stärke der Demokratie“, formulieren sie übereinstimmend.

„In Kassel waren die Demonstrationen gegen Israel glücklicherweise nicht so massiv wie andernorts“, sagt Eva Schulz-Jander. Auch habe die Stadt verhindert, dass die Demonstranten an der Synagoge vorbeizögen und es habe eine spontane Gegendemonstration gegeben.

Sie weiß, dass sich viele Juden in Deutschland wieder bedroht fühlen. Doch die 79-Jährige setzt darauf, dass auch die Politik eine eindeutig projüdische Haltung einnimmt, von Berlin bis in die Kommunen. Ihr Rat: „Man muss wachsam sein, aber nicht in Panik geraten.“

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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