Journalistin Knobel-Ulrich fordert gesetzliche Regeln

Ausbeutung von Prostituierten: „Ein Verbot wäre unrealistisch“

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Eine Prostituierte auf dem Straßenstrich am Messegelände in Frankfurt.

In einer großen Koalition wollen Union und SPD das Prostitutionsgesetz von 2002 reformieren. Welche Nebenwirkungen dieses Gesetz hat, erläutert die Journalistin Rita Knobel-Ulrich. 

Sie haben zum Thema Menschenhandel und Prostitution in Deutschland in Bordellen, Eros-Centern, auf Straßenstrichs und in Laufhäusern recherchiert. Welche Folgen hat die Freigabe der Prostitution gehabt?

Rita Knobel-Ulrich: Nicht die, die man sich erhofft hatte. Versprochen hatte man sich ein Ende der moralinsauren Diskussion, Prostituierte sollten ihren Lohn einklagen, sich aus der Abhängigkeit ihrer Zuhälter befreien können. Prostituierte sollte ein normaler Beruf werden. Das Gesetz ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Mit der Öffnung der EU nach Osteuropa kamen Tausende Frauen nach Deutschland, um sich hier zu prostituieren. Die Polizei schätzt, dass 80 bis 85 Prozent der Prostituierten in Deutschland aus Osteuropa kommen.

Es ist ja nicht verboten, hiesige Möglichkeiten zu nutzen. Die Freigabe sollte die Frauen absichern, damit sie kranken- und rentenversichert sein können. Hat sich das erfüllt? 

Knobel-Ulrich: Nein, 98 Prozent der Prostituierten, mit denen ich gesprochen habe, haben keine Altersvorsorge oder Krankenversicherung. Viele Polizisten sagen auch, das Prostitutionsgesetz von 2002 nütze nur den Zuhältern. Zuhälterei ist weiterhin strafbar, aber wenn die Frau sagt, sie schaffe auf eigene Kosten an, kann die Polizei nichts machen, selbst wenn man der Frau anmerkt, dass sie Angst hat und unter Druck ist.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil an Zwangsprostituierten? 

Fakten 

Die Frauen: Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Polizei schätzt, dass in Deutschland 200 000 bis 400 000 Prostituierte arbeiten.

Die Kunden: Schätzungen zufolge nehmen in Deutschland 600 000 und 1,2 Millionen Männer pro Tag die Dienste einer Prostituierten in Anspruch.

Der Umsatz: Laut Statistischem Bundesamt werden in dem Gewerbe in Deutschland pro Jahr 15 Milliarden Euro umgesetzt.

Die Reform: Mit einer Überarbeitung des Prostitutionsgesetzes wollen Union und SPD die Opfer besser schützen und ausbeuterische Praktiken wie Flate-Rate-Sex verbieten.

Knobel-Ulrich: Nicht so hoch wie die Diskussion darüber vermuten lässt. Die größte Gruppe der Frauen weiß oder ahnt, worum es geht, hat aber keine Vorstellung, was Prostitution bedeutet. Denen wird, oft von Loverboys, erzählt, das machst du für ein paar Monate, dann ist die Familie aus dem Gröbsten raus. Sie denken, zwei, drei Männer am Tag – und dann sind es zwanzig, dreißig oder noch mehr. Am schlimmsten sind Flatrate-Bordelle. Das halten die meisten Frauen nach einem halben Jahr nicht mehr aus.

Polizisten schätzen, dass es bis zu 400 000 Prostituierte in Deutschland gibt. Sozialversichert sind laut Arbeitsagentur 44. Warum versichern sich die Frauen nicht? 

Knobel-Ulrich: Dass eine Frau zum Gewerbeamt geht und sagt: „Hallo, ich bin Prostituierte und möchte mich versichern“, ist eine schöne Idee, funktioniert aber nicht. Die wenigsten Frauen haben den Mut, sich so zu outen.

Woran liegt das? 

Knobel-Ulrich: Das hat mit der gesellschaftlichen Verachtung für Prostituierte zu tun. Es ist noch immer so, dass man das nicht offen zugibt. Die Freier übrigens auch nicht. Ich habe mich vor Bordellen aufgebaut und die Männer gefragt: Wie war’s? Die meisten huschen vorbei. Auch die meisten Männer schämen sich offenbar, wenn sie zu einer Hure gehen.

Alice Schwarzer hat kürzlich gefordert, Prostitution gesetzlich zu verbieten. Was halten Sie von dieser Initiative? 

Knobel-Ulrich: Nichts, ein Verbot wäre unrealistisch angesichts der offenen Grenzen in Europa. In den Hinterzimmern fände Prostitution nach wie vor statt, und die Frauen wären noch schlimmer dran, weil die Ausbeutung noch weniger kontrollierbar wäre. Und außerdem sollte man nicht wieder moralisieren. Wenn sich zwei erwachsene Leute einig sind, Sex gegen Bezahlung zu haben, sollte sich der Staat nicht einmischen.

Also alles laufen lassen? 

Hintergrund: Die Legalisierung der Prostitution

Das Prostitutionsgesetz wurde von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedet und ist seit 2002 in Kraft. Es soll die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung regelt. Vorher galt Prostitution als sittenwidrig. Mit der Legalisierung sollte den Frauen unter anderem ermöglicht werden, ihr Honorar einzuklagen und der Kranken- und Rentenversicherung beizutreten.

Knobel-Ulrich: Nein, der Staat sollte Sorge dafür tragen, dass die Frauen nicht um ihr Geld betrogen und ausgebeutet werden. Bordellbetreiber sollten viel schärfere Auflagen bekommen und dafür verantwortlich sein, wer bei ihnen anschafft.

Sie regen sich ja richtig auf. 

Knobel-Ulrich: Es ist ein Unding, dass in diesem Bereich keine Vorschriften existieren, wenn man das vergleicht mit der Fülle von Auflagen, wenn man einen Imbiss aufmachen will. Es gibt Menschenhändler, die kommen aus dem Knast und eröffnen ein Bordell – die Polizei kann nichts tun, wenn der Typ sagt, das ist eine Wellness-Oase, und die Frauen sind hier freiwillig.

Was sollte gesetzlich vorgeschrieben werden? 

Knobel-Ulrich: Eine Anmeldepflicht für die Frauen wäre wichtig. In den meisten Städten weiß die Polizei gar nicht, wie viele Prostituierte in der Stadt sind und wer anschafft. Die Polizisten müssen erst mühsam die Kontaktanzeigen durchforsten. Außerdem müsste das Einstiegsalter für Prostituierte gesetzlich auf 21 Jahre hochgesetzt werden. Da haben die meisten Mädchen doch schon etwas mehr im Kopf als mit 18.

Von Tatjana Coerschulte

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