Weniger als ein Euro pro Stunde

Ausbeutung in der EU: Schuften zum Hungerlohn

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Knochenarbeit auf dem Feld: Die Landwirtschaft zählt zu den Branchen, in denen laut einer EU-Studie besonders häufig gegen Arbeitnehmerrechte verstoßen wird. Deutschland zählt zu den wenigen Staaten, in denen Arbeitskräfte aus EU- und Nicht-EU-Ländern den gleichen Schutz genießen.

Eine Studie der EU-Grundwerteagentur belegt Verstöße in allen Staaten

Brüssel. Die Situation ist katastrophal - und nahezu aussichtslos. Löhne, die teilweise weniger als einen Euro pro Stunde betragen. Tägliche Arbeitszeiten von zwölf Stunden und mehr - an sechs oder sieben Tagen in der Woche. Doch die Betroffenen wagen nichts zu sagen, weil sie sogar um diese Jobs Angst haben.

Sklavenhaltung sollte man so etwas wohl nennen. „Schwerwiegende Arbeitsausbeutung“ heißt das Phänomen in der Sprache der Forscher der EU-Grundwerteagentur (FRA), die am Dienstag in Brüssel ihren Bericht vorlegten. „Ausländische Arbeitnehmer haben in der EU ein ernsthaftes Risiko, Opfer von Arbeitsausbeutung zu werden“, beschrieb FRA-Expertin Blanca Tapia die Ergebnisse. „Diese Verbrechen geschehen im Verborgenen. Niemand kennt genaue Zahlen.“

Doch das wahre Ausmaß lässt sich zumindest erahnen: 616 Interviews führten die Wissenschaftler mit Polizisten, Prüfern der Aufsichtsämtern und Vertretern anderer zuständiger öffentlicher Stellen und Organisationen. Das Fazit: Jeder fünfte Gesprächspartner gab an, mindestens zwei Mal pro Woche auf einen schweren Fall von Ausbeutung zu treffen.

Die Recherchen vor Ort sind schwierig. In Polen dürfen Kontrollen beispielsweise kaum durchgeführt werden, weil landwirtschaftliche Betriebe als Privatgrundstücke gelten. „Man kann die Bedingungen für die Hühner kontrollieren, aber nicht für die Arbeitnehmer“, zog Tapia eine bittere Bilanz. Allerdings waren die Forscher in der Lage, die Branchen einzugrenzen, in denen besonders oft gegen die Arbeitnehmer-Rechte verstoßen würden. Dazu zählen neben der Land- und Forstwirtschaft, das Fischerei-Wesen, das Baugewerbe, der Hotel- und Gaststättenbereich sowie die privaten Haushalte.

Dem Bericht zufolge gehört Deutschland zu den nur vier Ländern in der Europäischen Union, die Nicht-EU-Bürgern den gleichen Schutz gewähren wie Angehörigen der Gemeinschaft. Dennoch gebe es auch hierzulande große Probleme, weil unklar sei, welche Behörde gegen schwere Arbeitsausbeutung vorgehen müsse. „Es fühlt sich keiner so richtig zuständig“, meinte Albin Dearing von der Grundwerteagentur.

In einer ersten Reaktion forderte die sozialdemokratische Arbeitsmarktexpertin, die Europa-Abgeordnete Jutta Steinruck, null Toleranz und „Sanktionsmechanismen, die helfen, die schwarzen Schafe unter den Unternehmen sichtbar zu machen.“ Auch sollten die Verbraucher erkennen können, „welche Betriebe ihre Arbeitskräfte kriminell behandeln und welche sich fair an Beschäftigungsstandards halten“. Ein entsprechendes Label für zertifizierte Unternehmen sei sinnvoll. Die Bau-Gewerkschaft (IG-Bau) verurteilte die aufgedeckten Vorfälle Die Bundesregierung müsse ihren Einfluss in Brüssel nutzen, um Ausbeutung zu bekämpfen.

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