Interview

Nobelpreisträgerin Xanthe Hall: Atomwaffen-Ausstieg ist möglich

Zur Jahresauftaktveranstaltung des Kasseler Friedensforums sind die Aktivistinnen Xanthe Hall und Birte Vogel von der Organisation Ican zu Gast, die 2017 für ihren globalen Kampf gegen Atomwaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Wir haben mit der Mitbegründerin Xanthe Hall gesprochen.

Wie schwierig ist es, das Thema Atomwaffen in Politik und Gesellschaft immer wieder in den Vordergrund zu bringen? 

Xanthe Hall: Sehr schwierig. Viele denken nicht mehr daran, außer wenn sie etwas über Nordkorea oder Iran hören. Seit Ende des Kalten Krieges wollen die Leute nicht mehr an diese Gefahr denken. Allerdings hat sich das seit dem Friedensnobelpreis 2017 geändert. Und weil Präsident Trump das Thema ziemlich brutal wieder auf die Tagesordnung gehievt hat. Das Gleiche gilt für Nordkorea.

Sie wollen, dass so viele Staaten wie möglich einem UN-Verbotsvertrag für Atomwaffen zustimmen. Warum konzentrieren Sie sich dabei nicht auf unberechenbare Atommächte, wie Korea? 

Hall: Wir machen den Unterschied zwischen Atomwaffenbesitzern und atomwaffenfreien Staaten. Klar gibt es bei Atommächten Unterschiede. Aber wir wollten die Debatte anders ausrichten und deutlich machen, dass das Problem die Atomwaffen sind. Und nicht nur: Wer hat sie. In welchen Händen sind sie gut oder böse? Bis jetzt war die Diskussion eine über Abschreckung: Die USA meinen, sie brauchen Atomwaffen, weil ihre Kontrahenten auch welche haben. Wir wollen sagen: Alle Staaten, die keine Atomwaffen besitzen, wären die Opfer eines Atomkriegs. Damit konzentrieren wir uns auf die humanitären Folgen und schieben die Waffen als politisches Instrument in den Hintergrund. Das hat die Debatte peu à peu völlig verändert und atomwaffenfreie Staaten mehr bestärkt zu sagen: Mit diesen Folgen wollen wir nicht weiterleben.

Deutschland ist keine Atommacht. Welche Möglichkeiten hat das Land, trotzdem dagegen vorzugehen? 

Hall: Deutschland ist nicht offiziell ein Atomwaffenstaat, aber in diesem Jahr ist der 60. Jahrestag der sogenannten nuklearen Teilhabe. Manche Nato-Staaten haben Atomwaffen auf dem Territorium anderer stationiert. Geschätzt 20 Atomwaffen von den Amerikanern sind noch in Büchel (Eifel). Und deutsche Piloten würden im Ernstfall das Trägersystem dazu fliegen. Es geht auch um die Übung von Atomwaffen-Einsatz. Das ist die Teilhabe. Daraus könnte Deutschland aussteigen.

Welche Ergebnisse wollen Sie nach dem Nobelpreis erzielen? Was sind nächste Schritte? 

Hall: Wir wollen, dass die deutsche Regierung den Beitritt zum Vertrag vorbereitet und vollzieht. Vor allem sind wir im Dialog mit der SPD, die jetzt in die Koalitionsverhandlungen geht. Auf internationaler Ebene ist wichtig, dass der Vertrag in Kraft tritt. 50 Unterzeichnerstaaten müssen ihn ratifizieren. Momentan haben wir vier (Mexiko, Guyana, Vatikan, Thailand). Es ist ein langwieriger Prozess, aber wichtig, dass sie bald ratifizieren. Denn Regierungen wechseln.

Was passiert mit dem Geld des Nobelpreises (800 000 Euro)?

Hall: Das ist noch nicht klar. Aber wir bräuchten das für Personal im Genfer Büro. Es hört sich an, als ob es viel Geld wäre, aber für eine Organisation dieser Größe, vor allem in der Schweiz, reicht das ungefähr für ein Jahr. Das muss man klug einsetzen, es wird sehr schnell weg sein. • Info: Öffentliche Veranstaltung im Kasseler Friedensforum am Donnerstag, 25.1: Café Buch-Oase, Germaniastr. 14, Kassel, 19 Uhr.

Zur Person:

Xanthe Hall (58) ist Mitbegründerin der Organisation Ican. Sie ist Geschäftsführerin der Internationalen Ärzte gegen Atomkrieg (IPPNW). 1959 in Schottland geboren, arbeitete sie zunächst für die britische Kampagne zur nuklearen Abrüstung. 1985 wanderte sie nach Berlin aus. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Ican: Kampagne gegen Atomwaffen

Ican (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) ist ein globales Bündnis von über 450 Organisationen in 100 Ländern. Die internationale Kampagne hat einen UN-Vertrag für ein Atomwaffenverbot begleitet. 122 Staaten haben im Juli 2017 für den Vertrag gestimmt, 56 bereits unterschrieben. Vertragsunterzeichner dürfen weder Atomwaffen besitzen, noch sie einsetzen, damit drohen, sie lagern, erwerben, entwickeln, erproben, herstellen oder sie stationieren. Seit 2014 gibt es eine deutsche Sektion von Ican. Der internationale Sitz der Organisation ist in Genf.

Rubriklistenbild: © privat

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