Analyse

Griechenland: Der Ausstieg verliert seinen Schrecken

Griechenland steuert auf den Grexit zu und warum neue Zugeständnisse destabilisieren? Eine Analyse.

Das Kredit- und Reformprogramm für Griechenland läuft aus, danach droht dem Staat die Pleite. Bislang lehnt die Eurozone eine rein technische Verlängerung der Darlehen ab und fordert ein Bekenntnis zu den Reformen. Denn ein fauler Kompromiss würde die Euro-Gruppe schwächen und Haushaltsdefizite salonfähig machen.

Aus Angst haben in den vergangenen zwei Tagen die Griechen über zwei Milliarden Euro von den Konten abgehoben, melden griechische Zeitungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Grexit kommt, sehen Volkswirte zwischen 30 und 50 Prozent. Welche Auswirkungen hätte der Grexit? . . . für Deutschland: „Zur Kasse gebeten werden vor allem die Steuerzahler in den Gläubigerländern“, stellt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, fest. Für die Bundesrepublik stehen fast 80 Milliarden Euro im Feuer. „Diese Forderungen wären wohl zum größten Teil verloren“, prognostiziert er. Dies würde auch für die Forderung des Euro-Systems gegenüber der griechischen Zentralbank von 50 Milliarden Euro (Target 2-Saldo) gelten, an denen auch Deutschland einen Anteil hat. „Die Abschreibungen werden nicht auf einmal stattfinden, sondern über die kommenden Jahrzehnte verteilt“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Sollte Griechenland eine eigene Währung einführen, würden Waren aus Griechenland für uns sehr billig werden. . . . für Banken und Versicherungen: „Eine Destabilisierung des europäischen Bankensystems“ erwartet Krämer nicht. Seit 2011 haben die Banken ihre Forderungen gegenüber Griechenland „von 300 auf 50 Milliarden Dollar reduziert“. Forderungen aus Staatsanleihen würden sich auf „nahe null belaufen“. Deshalb wären „mögliche Verluste wohl verkraftbar“, so Kramer. Wenn einzelne Geldinstitute straucheln würden, gäbe es mit dem Rettungsschirm ESM ein mächtiges Instrument.

In der Europäischen Union sind Guthaben auf Sparbüchern, Tages- und Festgeldkonten bis zu 100.000 Euro gesetzlich geschützt. Für Sparer ist der Sitz der Bank ausschlaggebend, nicht woher der Mutterkonzern stammt. „Versicherungen haben keine Bestände in griechischen Staatsanleihen“, sagt Kater.

. . . für die Euro-Gruppe:  Ein Übergreifen auf andere Länder der Euro-Gruppe erwartet Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, nicht: „Sollte Griechenland den Euroraum tatsächlich verlassen, dürfte dies vielmehr eine disziplinierende Wirkung haben, die mittelfristig durchaus die wirtschaftliche Situation verbessert.“ Destabilisierend wären starke Zugeständnisse. Die Reformgegner in der Euro-Gruppe bekämen die rote Karte gezeigt.

Muss aber die Europäische Zentralbank eingreifen und ihr Anleiheaufkaufprogramm für andere Staaten aktivieren, wäre dies ein harter Schlag für die Gruppe. Staatsschulden würden Gemeinschaftsaufgabe.

. . . für den Euro: Der Anteil der griechischen Volkswirtschaft an der Euro-Ökonomie ist gering. Eine Pleite dürfte die Währung nicht erschüttern. Mittelfristig wird entscheidend sein, ob weitere Krisenstaaten aussteigen. Dies war bislang nicht vorgesehen (No-Bail-Out-Klausel). Würde es passieren, käme es zur Kapitalflucht aus dem Euro. Das würde den Euro schwächen.

. . . und was bedeutet der Grexit für die Griechen? 

Sollten die Griechen den Euroraum verlassen, müssten sie eine neue eigene Währung einführen. Je mehr sie die abwerten, desto höher würde über Importe die Inflation steigen. „Für ein Land, das mehr Lebensmittel importiert als exportiert, wären die Auswirkungen dramatisch“, sagt Chefvolkswirtin Gertrud R. Traud von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Sie prognostiziert den Griechen Inflationssteigerungen von 50 Prozent. Die Nominallöhne müssten zwar nicht gesenkt werden, die realen Absenkungen würden aber weit über das hinausgehen, was derzeit den Griechen abverlangt werde, so Traud. Die Belastungen wären deutlich höher als dies jetzt der Fall sei. Soziale Unruhen wahrscheinlich.

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