Was ahnungslose Pkw-Fahrer tun können

Autos per Funk geknackt - wie Profis die Zentralverriegelung lahmlegen

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Mit Maske und Handschuhen oder ausgefeilter Technik: Autoknacker am Werk. Foto: dpa

Kassel / Darmstadt. Endlich eine Parklücke! Raus aus dem Auto und im Weggehen der schnelle Druck aufs Autoschlüssel-Knöpfchen. Alles rundum zu. Das glauben zumindest Autofahrer, wenn sie ihren Wagen per Schlüssel-Funksignal zusperren. Meist stimmt das auch - manchmal aber nicht.

In Darmstadt hat die Polizei jetzt einen 36-Jährigen festgenommen, der mit einem Funkgerät dafür gesorgt haben soll, dass Auto-Zentralverriegelungen reihenweise nicht wirklich verriegelten. Waren ahnungslose Autofahrer dann erst um die Ecke verschwunden, soll der Mann die Pkw leergeräumt haben.

10.000 Euro in bar, Designertaschen, Markenkleidung und ein gestohlenes Smartphone fand die Polizei im Pkw des Autoknackers - vermutlich Teile der Beute. Der Trick ist so alt wie die Funkverriegelung - und wirkt immer noch.

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Besonders perfide: Das Auto kann leergeräumt sein. Die Blockade der Schließanlage per Störsignal lässt aber keinerlei Aufbruchsspuren zurück - ratlose Geschädigte schütteln hilflos den Kopf. Die Beweislage gegenüber der Polizei ist mehr als schwierig - ganz abgesehen von Debatten mit der Versicherung.

Manfred Göth, Chef eines kriminaltechnischen Prüflabors in der Eifel, forscht seit Jahren über die Störsignal-Masche, das so genannte Jamming. Auf seiner Internetseite berichtet der Experte von Fällen, in denen Pkw-Schließanlagen mit Technik aus dem Spielzeugladen außer Gefecht gesetzt wurde. Funkkästchen, die Fernlenkautos auf 100 Metern oder noch weiter weg steuern, legten das schwächere Signal der Pkw-Schlüssel lahm. Simple Babyphones sollen das auch geschafft haben. Internet-Shops hingegen bieten sogar Sender mit zwei Kilometern Reichweite an.

Profi-Ganoven warten gern auf großen Parkplätzen, wo ständig frische Beute heranrollt. Gern auch vor Einkaufszentren, wo zwischendurch der eine oder andere Einkauf im Kofferraum verstaut wird.

Besonders spektakulär wurde die Masche 2005 an der Düsseldorfer Luxusmeile Kö eingesetzt: Dort holte sich eine Bande aus dem Kofferraum eines Schmuckgroßhändler Juwelen im Wert von einer Million Euro. „Der heutige Autodieb braucht keine Gewalt mehr“, sagte Kriminaltechniker Göth der Süddeutschen Zeitung. Elektronikbauteile und -programme würden im Internet frei angeboten. Komme eine neue Diebstahlsicherung auf den Markt, vergingen oft nur Tage, bis sie geknackt sei. „Ein Wettrüsten, manche Täter mieten einen neuen Autotyp extra an, um zu schauen, was dort verbaut ist.“

Mit Störsendern, deren private Nutzung in Deutschland illegal ist, lassen sich nicht nur Schließanlagen von Autos blockieren. In Polizeiberichten tauchen immer wieder auch Verdächtige auf, die die Elektronik nutzen, um Diebstahlsicherungen in Kaufhäusern außer Gefecht zu setzen.

Statistiken zum Einsatz von Jamming-Technik gibt es nicht - zum Diebstahl kompletter Autos, der Versicherer viel mehr beschäftigt, hingegen schon. Dass BMW-Modelle dort in der Spitzengruppe überproportional vertreten sind, führen Experten einerseits auf die Beliebtheit bayerischer Autos zurück.

Andere sehen darin Belege, dass Autobauer beim Thema Diebstahlschutz unterschiedlich erfolgreich sind.

Experten: Türen selber prüfen

Sowohl Kriminaltechniker Manfred Göth wie auch Stefan Schweda vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) raten schlicht, der immer moderneren Technik ein Stück weit zu misstrauen. Das heißt: Funkverriegelung hin, Bequemlichkeit her - lieber nochmals hingehen und am Türgriff prüfen, dass der Wagen wirklich verschlossen ist. Dies sei "letztlich der einzige Schutz".

Das sieht Arnulf Thiemel vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg auch so: "Jamming taucht immer mal wieder auf", bestätigte er gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Autofahrer dürften bei aller bequemen Technik in Sicherheitsfragen eben nicht nachlässig werden. Außerdem könnten auch eine leere Batterie, eine 90-Grad-Wäsche oder starker Funkverkehr in der Umgebung die modernen Knopfdruck-Schlüssel außer Gefecht setzen, sagt Thiemel.

Infos vom Kriminaltechniker: www.goeth.de, Infos der Versicherer: www.gdv.de

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